Der Widerspenstigen Zähmung

Ballett nach William Shakespeare

Ballettchef Tomasz Kajdanski wählt als literarische Vorlage für die erste Tanzpremiere der Spielzeit 2010/2011 eine der beliebtesten Komödien Shakespeares: »Der Widerspenstigen Zähmung«, die auch weit über das Sprechtheater hinaus Popularität erlangte, etwa in der äußerst erfolg­reichen Verfilmung mit Elisabeth Taylor und Richard Burton oder durch das Musical »Kiss me Kate« von Cole Porter.

Die schöne und liebreizende Bianca wird gleich von drei Verehrern begehrt: Lucentio, Hor­tensio und Gremio. Heiraten darf sie nach dem Willen ihres Vaters aber erst, wenn ihre ältere Schwester, die kratzbürstige Katharina, unter die Haube gebracht wurde. Aus diesem Grund heuern Biancas Verehrer Petruchio an. Als musikalische Grundlage für den Abend wählt Tomasz Kajdanski – und das ist für dieses Sujet eine Novität – Filmmusiken von Dmitri Schostakowitsch, die in ihrem Farbenreichtum und ihrer humorvoll narrativen Struktur die Zähmung der widerspenstigen [sich im tiefsten Inneren aber nach Zärtlichkeit sehnenden] Katharina durch den machohaften [in Wahrheit aber herzensguten] Petruchio auch musikalisch auf den Punkt bringen.

ZWEI HÖRBEISPIELE
Dmitri Schostakowitsch:
Gavotte aus: Ballett Suite Nr.3, Satz 2
Volksfest aus: Die Hornisse Suite für Orchester op.97a
Ausführende: National Symphony Orchestra of Urkaine unter der Leitung von Theodore Kuchar

Die Mitglieder der Ballettkompanie des Anhaltischen Theaters beweisen in dieser ebenso temporeichen wie humorvollen Aufführung ihre komödiantischen Fähigkeiten und ihre individuelle Klasse.

PRESSESTIMMEN

Ursula Hoffmann, Allgemeine Zeitung Coesfeld, 23.12.2011

Temporeiche Inszenierung
Shakespeare als Ballett-Vorlage

Eine entzückende Bianca im rosa Kleidchen lässt sich - liebreich lächelnd - gleich von drei Verehrern umgarnen, während ihre temperamentvolle Schwester Katharina, Kratzbürste von Kopf bis Fuß, sich die Männer mit funkensprühenden Augen vom Leib hält. Die leuchtend roten Streifen in ihrem Kleid signalisieren „Vorsicht vor meinem Feuer“. Shakespeares turbulente Liebeskomödie „Der Widerspenstigen Zähmung“ dient für die Ballettkompanie des Anhaltischen Theaters Dessau als Vorlage für ein vor Lebensfreude sprühendes Handlungsballett, das beweist, dass sich Schwung, Witz und Gefühl auch ganz ohne Worte in die Sprache des Tanzes übersetzen lassen. Ein funktionales, einfaches Bühnenbild kombiniert Renaissance-Fassaden mit Spiegelwänden, die Weite und Großzügigkeit zeigen und einen schnellen Wechsel der Spielorte ermöglichen. Hinreißende Kostüme unterstreichen die Charaktere der Figuren, die in Anlehnung an die Commedia dell´arte ausgestattet sind. Der überforderte Vater Baptista ist ebenso als Karikatur angelegt, wie die Freier Biancas, ein witziges Trio, bei denen jeder seine überzeichneten Charakterzüge lustvoll ausspielt. Während Gremio mit Bauch und Zipfelmütze den Clown markiert, ist Biancas Favorit Lucentio eher sanftmütig. Der dritte im Bunde, der Musiklehrer Hortensio, ragt heraus durch seine ausdrucksstarke Mimik, die in Luftsprüngen und Lautenspiel pure Lebensfreude vermittelt.
Überhaupt zeichnet sich die Inszenierung von Thomas Kajdanski durch ein ungeheures Tempo aus. Zeitweise erinnern die Tänzer, die die ganze Bandbreite tänzerischer Ausdrucksformen vom klassischen Spitzentanz über Pirouetten und Hebungen bis zu akrobatischen Sprüngen und Brechungen des modernen Ausdruckstanzes beherrschen, an lebenslustige Füllen, die auf der Weide springen und buckeln. Dazu passt hervorragend die laut Programmheft „lachende Musik“ von Dmitri Schostakowitsch. Handverlesene Auszüge aus seinen Filmen erklingen ebenso wie Ausschnitte aus den Ballettsuiten und fügen sich in ihrer lebendigen Fröhlichkeit und ihrem Farbenreichturn zu einem stimmigen Ganzen. Besonders die zeitweiligen Brüche und Disharmonien scheinen wie gemacht für die Shakespeare-Komödie über den Geschlechterkampf. Der dann heftig tobt zwischen dem heißblütigen Macho Petruchio und der kratzbürstigen Katharina. Und obwohl dieser sowohl den Frauen als auch dem Alkohol nicht abgeneigt erscheint, macht er doch von Anfang an klar, dass er an der vor Temperament sprühenden Frau Gefallen findet. So ist die Zähmung dann auch letzten Endes eher ein Zueinanderfinden und wer hier wen gezähmt hat, wird in der letzten Szene karikiert, in der Katharina die Hosen an hat, während Petruchio - gutmütig lächelnd - im Kleidchen erscheint.
Ein schöner Theaterabend, der ein beständiges Lächeln auf die Gesichter der Zuschauer zaubert.

Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 1.11.2010

Ein Feuerwerk getanzter Stimmungen

In seiner ersten Spielzeit am Anhaltischen Theater Dessau hat sich Ballettchef Tomasz Kajdanski mit zwei eher melancholisch-dramatischen Inszenierungen vorgestellt. Sein neues Ballett „Der Widerspenstigen Zähmung“ nach William Shakespeare ist eine grotesk-komische und lebensfrohe Verwandlungs- und Verwirrposse, die bei der Premiere begeistert aufgenommen wurde.

Dieser Ballettabend ist ein wahres Feuerwerk getanzter Stimmungen: Typen, Temperamente, Tempi, Tricks, totale Unterhaltung...

Tomasz Kajdanski bringt mit seiner Choreografie den klassischen Tanz in faszinierender Klasse auf die Bühne. Spitze, Sprünge, Drehungen, viele Soli, Pas de Deux und Gruppe in ungemein geballter Konzentration – der Zuschauer schaut und genießt. Das Klassische wird in der Dessauer Aufführung ideenreich mit Komik verwoben, der Komödienstoff potenziert mit einfallsreichen Übertreibungen wie in Zeichentrickfilmen oder bei der Commedia dell’arte.
Die scheinbar spielerisch anzuschauenden, doch schwierig zu tanzenden Szenen meistert das gesamte Ensemble mit höchster Konzentration und toller Ausstrahlung. Oft gibt es Szenenapplaus. Auch für die sich gut einfügenden Breakdance-Einlagen.

Musikalisch setzt der Dessauer Ballettchef auf Dmitri Schostakowitsch. Weil der „so wunderbare, zugängliche, lebensfrohe und lustige Tanz- und Filmmusiken geschrieben hat“. Kajdanski verwendet in der von ihm selbst geschnittenen Musik insgesamt 36 Sequenzen.
Und es passt vorzüglich, Schritte, Sprünge und Kombinationen kommen taktgenau – oder total unerwartet unstimmig. Komödie eben. Lacher im Publikum. Das Bühnenbild mit durch große Spiegel angedeuteten Räumen und einigen wenigen handlungsrelevanten Requisiten gibt viel Tanz- und Handlungsraum. Farbenfrohe, personencharakterisierende Kostüme, auch hier mit Überzeichnungen, vervollständigen die Komplexität (Bühne und Kostüme Dorin Gal).

Mit all dem gelingt es ungemein deutlich, die Geschichte flott zu erzählen. Hier ist nach zwei Stunden die Machtfrage geklärt. Die „widerspenstige“ Katharina lässt aus einer großen Kiste ihren Ehemann Petruchio herauskrabbeln. In einem Kleidchen. Sie hat die Hosen an, hebt den Arm triumphierend: Geschafft!!! Riesenbeifall bricht los, Bravorufe schallen durch das gut besuchte Große Haus in Dessau. Auch die Männer klatschen. Es ist wohl fast so gekommen wie im realen Leben. Zumal: Wer wen letztendlich „zähmt“, wer im stets aktuellen Geschlechterkampf „das Sagen hat“, kann wohl nie abschließend entschieden werden.

Mit Laura Chosta Chaud und Juan Pablo Lastras-Sanchez sind die Hauptrollen mit zwei fantastischen Solisten besetzt. Sie lässt den Zuschauer mit ihrem Tanz, mit Mimik, dem Spiel funkelnder Augen, oft nur angedeuteten Gesten ihre Bosheit und Kratzbürstigkeit eindruckvoll erleben, wie sie ebenso ihre inneren Wandlungsprozesse glaubhaft nachvollziehbar präsentiert. Er ist Macho, spricht gern und viel dem Alkohol zu (tolle Szenen!), lässt Katharina seine Macht deutlich spüren, quält sie hier und da ein wenig. Doch letztendlich erliegt, unterliegt er.

Liebe, Verwirrung, Bestechung, Verkleidung in den anderen zu knüpfenden Beziehungen bieten nicht minder viel Spaß und beste Unterhaltung. Die liebevolle Bianca (Yuliya Gerbyna) kann erst heiraten, wenn ihre Schwester Katharina unter der Haube ist. Bianca hat drei Bewerber, die sich in köstlich anzuschauenden „Einlassungen“ als Lehrer präsentieren. Zwei von ihnen (Gremio/Gordon Wannhoff und Hortensio/Joe Monaghan) verkuppeln sie und ihr Auserwählter (Lucentio/Jonathan Cadic) etwas hinterhältig mit den beiden ebenfalls auf Männer wartenden Kurtisanen (Anna-Maria Tasarz und Annelies Walter).

Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 2.11.2010

Shakespeares Katharina im hellen Licht der Komik

Frauen, schrieb Esther Vilars 1971, manipulieren ihre Partner durch eine fälschlich als Liebe gedeutete Macht. Sex dient ihnen als Gegenleistung für Unterhalt, Unterwerfung als Mittel der Beherrschung. Mit solchen Thesen rief die Autorin mit ihrer Streitschrift "Der dressierte Mann" Hausfrauen wie Feministinnen auf den Plan. Nun liest man sie am Anhaltischen Theater als ironische Brechung zu einer Komödie mit ähnlichem Titel: "Der Widerspenstigen Zähmung".
Sprungkraft und Spielfreude
Im Grunde beginnt Tomasz Kajdanski seine zweite Dessauer Saison wie seine erste - mit einer Hommage an starke, selbstbestimmte Frauen. Doch wo sich Frank Wedekinds Lulu ihren Verehrern noch selbst als dunkler Spiegel vorhielt, in dem diese ihre geheimen Lüste erkannten, ist William Shakespeares Katharina nun ins hellere Licht der Komik gestellt. Dass die drahtige, so energische wie liebliche Laura Costa Chaud auch die zweite dieser Partien prägte, ließ die umjubelte Komödie allerdings wie ein Echo - und wie einen heiteren Kommentar zum ersten, düsteren Entwurf wirken.
Für die Compagnie hält der Abend eine Fülle von markanten Charakterrollen bereit: In seinem sparsam schönen Bühnenraum, der Renaissance-Fassaden mit Spiegelwänden koppelt, zitiert Ausstatter Dorin Gal lustvoll die Typen der Commedia dell'Arte: Der mit der Verheiratung seiner beiden Töchter sichtlich überforderte Baptista ist als Karikatur ebenso genau gezeichnet wie die drei Galane und ihr scheinbar williges Werkzeug Petruchio. Dass die handverlesene Musik von Dmitri Schostakowitsch den überzeichneten Gestus der Geschichte zusätzlich unterstreicht, sorgt schnell für gute Laune - und für Szenenapplaus, der die Inszenierung zeitweise zur Nummernrevue zerlegt. Aber so sind sie ja auch gemeint, die mit Spielfreude und Sprungkraft vorgetragenen Etüden: Gorden Wannhoffs zwitschernder Gesanglehrer Gremio, Joe Monaghans quicklebendiger Lautenspieler Hortensio und Jonathan Cadics Ballettmeister Lucentio. Ein ausdrucksstarkes Trio, das in Juan Pablo Lastras seinen maßlos obszönen Meister findet. Meister des Slapstick Dieser Korsar hat zwei Frauen im Arm und zwei Flaschen am Hals, als er sich zur Hochzeit mit Katharina überreden lässt. Und er findet in dem wütenden Wildfang mit den glühenden Augen das passende Objekt für seine Dressur, die er mit seinen Dienern (Jonathan Augereau, Rai Kirchner) in Szene setzt. Während der Zähmung im zweiten Akt gestattet sich die Inszenierung dann größere Erzählbögen und mehr dramaturgische Tiefenschärfe - und Laura Costa Chaud darf endlich auch die Tragik zeigen, die aus ihrem Anspruch auf Selbstbestimmung resultiert. Dass sie ihre Position freilich auch in Abgrenzung zu Yuliya Gerbynas liebeslustiger Bianca sowie zu den beiden sinnlichen Kurtisanen (Anna-Maria Tasarz, Charline Debons) findet, fächert die Spielarten weiblicher Emotionen zu einem breiteren Spektrum auf. Denn das Widerspenstige braucht ja das Anschmiegsame, um kenntlich zu werden - so, wie die Break- und Showdance-Einlagen nur auf der Basis und als Kontrastmittel des klassizistischen Materials ihren ganzen Reiz entfalten können.
Tomasz Kajdanski erweist sich in "Der Widerspenstigen Zähmung" als ein Meister des Slapstick, der die rhetorischen Volten der Shakespeare-Komödie mühelos in die Sprache des Tanzes übersetzt. Hier muss niemand grimassieren oder mit Händen und Füßen plappern, um den Mangel an Dialogen zu kompensieren. Am Ende dürfte auch dem Letzten klar sein, wer in der Beziehung zwischen Katharina und ihrem Petruchio die Hosen anhat. Denn jede Zähmung hat zwei Seiten - und der Dompteur hat am Ende oft nur gelernt, auf welches Zeichen er die Belohnung reichen darf. Hier ist es der Jubel, der die Gesichter auf der Bühne zum Strahlen bringt.

Wolfgang Schilling, MDR Figaro, 28.10.2010 (Audio)
Vorankündigung
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