Der Liebestrank - L´elisir d´amore

Komische Oper von Gaetano Donizetti

Der schüchterne, etwas naive Bauer Nemorino ist in die reiche und weltgewandte Adina verliebt. Sie jedoch zieht den Sergeant Belcore vor. Der verzweifelte Nemorino ersteht von dem Wunderdoktor Dulcamara einen »Liebestrank« – eigentlich nur eine Flasche Wein. Selbst zur Verwunderung Dulcamaras wird Nemorino zum Draufgänger, straft seine Angebetete mit Missachtung. Diese fühlt sich gekränkt und gibt Belcore ihr Ja-Wort. Verzweifelt erbittet Nemorino einen zweiten »Liebestrank«. Doch um den nun geforderten Preis zu entrichten, muss er als Soldat dienen. Währenddessen hat es sich im Dorf herumgesprochen, dass sein Onkel gestorben ist und ihm eine nicht unerhebliche Erbschaft zusteht. Als daraufhin die Dorfmädchen Nemorino umwerben, kauft Adina ihren Geliebten vom Militär frei. Endlich gesteht sie ihm ihre Liebe. Der Wunderdoktor schlägt selbstverständlich aus dem Erfolg seines »Liebestrankes« Profit und verkauft noch zahlreiche weitere Flaschen, bevor er zur Weiterreise aufbricht.

»Der Liebestrank« ist nicht nur eine typische Buffo-Oper mit leichten Melodien und spritziger Laune, sondern ein Werk mit feinen musikalischen Nuancen und differenzierter, einfühlsamer Darstellung der Charaktere. Die enge und lieblose Welt voll wehmütiger Sehnsucht zu Beginn der Oper wird plötzlich von Farbe, Phantasie und Liebe erfüllt.

Musikalische Leitung Daniel Carlberg
Inszenierung Jana Eimer
Bühne und Kostüme Frank Fellmann
Choreographie Carlos Matos
Chor Helmut Sonne
Dramaturgie Ronald Müller

Adina, reiche und launenhafte Pächterin Cornelia Marschall
Nemorino, junger und einfacher Bauer, in Adina verliebt Oscar de la Torre
Belcore, Sergeant der Garnison des Dorfes Wiard Witholt
Dottor Dulcamara, fahrender Arzt Ulf Paulsen
Gianetta, Bauernmädchen Jagna Rotkiewicz

PRESSESTIMMEN

"Es ist ein ganz besonderer Saft", Mitteldeutsche Zeitung, 09.07.2013

von Joachim Lange

In Dessau sind am Ende der Premiere alle beschwipst: Denn Gaetano Donizettis "Liebestrank" ist bester italienischer Opern-Prosecco.

Draußen haben sie in Dessau das Theater symbolträchtig vertäut. Damit es nicht davon fliegt in den Kürzungsunwettern, die aus Richtung Magdeburg aufziehen. Drinnen aber versuchen sie zu schweben. Mit dem, was sie machen. Im jüngsten Fall mit Gaetano Donizettis (1797-1848) Opernbeipackzettel zu Isoldes Liebesdroge. Mit seinem "L'elisir d'amore" verzauberte der flotte Vielschreiber schon 1832 von Mailand ausgehend die Italiener. Also ein paar Jahre bevor ein solches Gebräu Wagners Tristan um den Verstand (und zu seinem Gefühl) brachte.

Südlich der Alpen, bei einem der Belcanto-Meister (neben Rossini und Bellini) ist es natürlich heimischer Rotwein und keine harte Droge. Der Effekt, den die Einnahme hier auslöst, ist eher eine Mischung aus Zufall, Selbsttäuschung und schlichtem Betrug samt unvermeidlichem Happy-End. Also ziemlich italienisch das Ganze.

Musikalisch gelingt das Schweben in Dessau schon mal ganz fabelhaft. Bei Daniel Carlberg kommt die Anhaltische Philharmonie so flott und leichtfüßig daher, lässt die Mozart- und Rossini-Nähe aufscheinen, die bei diesem meisterhaft leichten unter all den tragisch umflorten Werken Donizettis mitschwingt. Carlberg lässt den Tenor seine Wunschkonzert-Romanze über die Rampe schmachten, ist stets dosiert genau, nimmt sich aber auch so weit zurück, dass die Sänger allemal die Oberhand behalten und nicht gegen das anbrüllen müssen, was mit hörbarem Vergnügen aus dem Graben aufsteigt. Was immer sie auf der Bühne wirklich trinken - zu hören ist bester italienischer Opernprosecco. Leicht, spritzig und bekömmlich.

Da sprudelt bei dem wunderbar zueinander passenden Ensemble das Parlando ebenso selbstverständlich, wie die Koloraturen abschwirren oder die Sehnsucht lechzt und leidet.

Als junge, reiche Adina trällert sich Cornelia Marschall nicht nur hinreißend koloraturfein durch ihre Partie, sie versteht es auch, mit frech geschwungener Hüfte ihren ganz eigenen Charme einzusetzen. Eigentlich liebt sie ihren Nemorino (seines Zeichens Bauer, Marke jung und einfach), den Oscar de la Torre mit geschmeidigem Tenor genauso lyrisch schmachten wie aufbrausen lassen kann.

Für das opernunvermeidliche Auf und Ab der Gefühle braucht's natürlich eine stattliche Bewerber-Konkurrenz. Die fällt zwar nicht vom Himmel, kommt aber als eitler Dorf-Sergeant tatsächlich wie eine Marionette mit Gefolge aus dem Schnürboden angeschwebt. Worum es diesem Belcore mit seinem verführerischem Bariton und dem großen Jungencharme geht, hat Ausstatter Frank Fellmann auf einen deutlichen Kostümnenner gebracht - bei Wiard Witholt blitzen die diversen Orden gleich auf der nackten Männerbrust.

Ulf Paulsen als der Scharlatan und Wunderdoktor Dulcamara, der den verliebten Dorftrotteln Rotwein (vermutlich aus dem Billigregal) wortreich und mit einigem Jahrmarktszauber als Liebeswundersaft verkauft, macht, was er immer macht: eine eloquent charmante und augenzwinkernde Show, bei der er sogar seinen Don Giovanni in Erinnerung ruft. Jagna Rotkiewicz als Dorfbewohnerin Giannetta und Marc Wodner als Dulcamaras Gehilfe komplettieren das höchst überzeugende Protagonistenensemble.

Einen ernsten Unterton hat die Sache auch. Um eine Flasche Liebestrank zu kaufen und so Adina für sich zu gewinnen, lässt sich Nemorino tatsächlich als Soldat anwerben. Sogar von seinem Rivalen. Bei Regisseurin Jana Eimer gehört auch das zu der Komödienmechanik, die sie mit der Präzision einer Drehbühnen-Spieluhr ablaufen lässt. Mit einem feingewebten Netz aus witzigen symbolischen und auch augenzwinkernden Anspielungen.

Passend dazu die in sich stimmige, leicht ins Skurrile überhöhte Bühnen-Ästhetik. Damit führt sie die Dorfgesellschaft vor, aber denunziert sie nicht. Zeigt eher, wie die sich nach der Wunderwelt eines Zirkus sehnt. Dabei scheint in der gelungenen Historisierung der Figuren Gegenwärtiges durch. Und die Lust am Spiel (auch beim durchchoreografierten Chor) behält stets die Oberhand.

Da ist es dann auch kein Problem, wenn gerade rechtzeitig eine fette Erbschaft für Nemorino aus dem Libretto-Himmel fällt. Er erfährt davon natürlich als Letzter, weshalb er seine plötzliche Beliebtheit bei sämtlichen heiratswilligen Damen dem Liebestrank zuschreibt. Worüber dann selbst dessen Verkäufer gehörig ins Grübeln kommt.

Am Ende ist alles klar und in schönster Happy-End-Ordnung! Darauf einen Prosecco.

"Woraus auch immer dieser Saft zubereitet wurde— man schlürft ihn bis zur Neige genüsslich aus und verlässt in bester Stimmung das Theater", Der Neue Merker, 08/09 2013

von Christoph Suhre

Dessau: „L‘ELISIR D‘AMORE“ - Pr. 5.7.

Woraus auch immer dieser Saft zubereitet wurde— man schlürft ihn bis zur Neige genüsslich aus und verlässt in bester Stimmung das Theater. Was will man als Theatergänger mehr?! Eine köstlich sprudelnde Musik, eine überschaubare Handlung, ein überaus spielfreudiges Ensemble sowie eine musikalische Umsetzung, die mit ihrem Esprit von Anfang bis Ende packend ist. In dieser Inszenierung soll und darf gelacht werden.

Donizettis „Liebestrank“ ist die erste Produktion von Jana Eimer im Großen Haus des Anhaltischen Theaters Dessau. Nachdem die junge Frau von 1998 bis 2001 u. a. an der Seite von Schauspieldirektor und Hausregisseur Helmut Straßburger an zahlreichen Produktionen mitgearbeitet hat, verpflichtete sie 2001 der damalige Intendant Johannes Felsenstein als Abendspielleiterin und Regieassistentin fest ans Haus.

Auch wenn gelacht werden soll, möchte Jana Eimer den „Liebestrank“ nicht als banale Komödie kredenzen. Sie möchte auch keine heile Welt zeigen. Für sie ist ganz wichtig, aus welcher Perspektive man ein und dieselbe Handlung betrachtet. Für Nemorino ist die Geschichte existenziell. Der bleibt, wie er ist. Und gerade das berührt. Es stimmt auch nachdenklich, dass die Bewohner des Dorfes, das sich vermutlich irgendwo in der tiefsten Provinz befindet, verlernt haben, das Leben zu genießen. Da ist alles, was nicht alltäglich ist, höchst willkommen. Sowohl der Macho-Typ Belcore als auch der Scharlatan Dulcamara haben hier relativ leichtes Spiel, ohne durchschaut zu werden. Jana Eimer lässt sich mit einem Augenzwinkern auf diese Typen ein. Mit Akribie spürt sie deren Stärken und Schwächen auf. Vor allem hört sie sehr genau in die Musik hinein. Das Skurrile, das sich da auftut, spiegelt sich schließlich auch in den Bühnenbildern und Kostümen von Frank Fellmann wider. Auf der Bühne ist immer etwas los, aber nichts wirkt aufgesetzt. Vor allem wird keine der Figuren denunziert.

Die junge und reiche Adina ist bei Cornelia Marschall in den besten Händen. Unbeschwert und mühelos trällert sie ihre Koloraturen daher. Mit ihrem Charme weiß sie den Männern die Köpfe zu verdrehen und wenn gar nichts mehr gehen sollte, erheischt sie mit einer Wäscheleine, auf der sie eine wahre Kollektion an Dessous (alle in knalligem Rot) präsentiert, Aufmerksamkeit. Der arme Nemorino kann da nur noch schmachten. Glänzend gelingt das Oscar de la Torre vor allem in seiner berühmten Romanze. Bei ihm verbinden sich Spiel und Gesang zu einer schönen, schlüssigen Einheit. Dieser Bursche ist und bleibt ein Traumtänzer. Aus ganz anderem Holz ist da der Belcore von Wiard Witholt geschnitzt. Der heftet sich gleich mal seine Orden an die nackte Männerbrust. Und auch sonst scheint er über das eine oder andere zu verfügen, das ihn für Frauen begehrenswert macht. Aber für Adina ist er dennoch nicht perfekt. Auch sein wunderbar strömender Bariton kann nicht darüber hinwegtäuschen. Eine Klasse für sich ist der Dulcamara von Ulf Paulsen. Darstellerisch und gesanglich zieht er alle Register seines Könnens. Er beherrscht das plappernde Opernstaccato ebenso wie die herausgestellte Opernattitüde. Sehr individuell zeichnet die Regisseurin auch die anderen Personen. Davon profitieren Jagna Rotkiewicz als Giannetta und Marc Wonder als Dulcamaras Gehilfe Monellino.

Herausragend ist, dass trotz aller Spielfreude und Turbulenz der Opernchor in der Einstudierung von Helmut Sonne nie den Zusammenhalt verliert. Und daran hat auch Daniel Carlberg am Pult der Anhaltischen Philharmonie gehörigen Anteil. Mit federnder Eleganz leitet er seine Musiker, präzise sind seine Einsätze. Man muss gesehen haben, wie sich der junge Mann buchstäblich in die Partitur hineinkniet, um auch wirklich alle Feinheiten herauszuholen. Man spürt auch, wie er mit den Sängern atmet, wie er ihnen Raum zum Phrasieren gibt. Die Beifallsstürme, die sich am Premierenabend entluden‚ waren lautstark, lang anhaltend und überaus herzlich. Ein „Liebestrank“, der vermutlich alle verzaubert hat!

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