Der kleine Muck

Weihnachtsmärchen von Andreas Rehschuh
nach Wilhelm Hauff
Uraufführung

Ein Paar Pantoffeln, mit denen man jeden Ort der Welt in Nullkommanichts erreichen kann, und einen Zauberstab zum Auffinden verborgener Schätze – was braucht man mehr, um sorgenfrei durch das Leben zu kommen? Auch der kleine Muck, der wegen seiner mangelnden Größe von den bösen Verwandten als Waisenknabe in die Welt geschickt worden ist, scheint mit diesen beiden Wunderwerken sein Glück gemacht zu haben. Zwar hat sie ihm die böse Frau Ahavzi nicht freiwillig überlassen, aber immerhin hat er lange dafür gearbeitet und von den Katzen und Hunden seiner missgünstigen Herrin nur Undank geerntet. Nun aber kann er sich sogar am Hof des Sultans als pfeilschneller Kurier verdingen und mit dem Schatz aus dem Schlossgarten auch Freunde kaufen…

Alle Jahre wieder … zeigt das Anhaltische Theater ein prachtvolles Weihnachtsmärchen für die jüngsten, aber auch für alle älteren Zuschauer. Wilhelm Hauff erzählt mit „Der kleine Muck“ die Geschichte eines Jungen, der für das harte Leben in der wirklichen Welt nicht geeignet scheint und mit Witz und List doch selbst aus märchenhaften Verwicklungen als Sieger hervorgeht. Wenn er seinen mächtigen Feinden dabei Eselsohren und eine lange Nase wachsen lässt, um sie für das ihm angetane Unrecht zu bestrafen, hat er nicht nur die Lacher auf seiner Seite – sondern auch die Sympathie der kleinen Zuschauer, die selbst am besten wissen, wie schwer man es oft unter lauter großen Leuten hat. Ein Fall für Andreas Rehschuh, der dem Publikum des Anhaltischen Theaters mit „Die Weihnachtsgans Auguste“ und „Des Teufels drei goldene Haare“ bereits zwei zauberhafte Weihnachtsmärchen beschert hat.

Inszenierung Andreas Rehschuh
Bühne Thomas Weinhold
Kostüme Grit Walther
Musik Gundolf Nandico

Dramaturgie Andreas Hillger
Der kleine Muck Jan Kersjes
Frau Ahavzi, Zirkusdirektorin / Wache Illi Oehlmann
Raubkatze / Wache / Samir, Schatzmeister des Sultans Felix Defèr
Beppo, ein stummer Clown / Ahmad, Berater des Sultans Stephan Korves
Lilly, eine Zirkus-Tänzerin / Prinzessin Armaza, schnellste Läuferin des Landes Jenny Langner
Herkules, der stärkste Mann der Welt / Sultan Gerald Fiedler

PRESSESTIMMEN

Begeistert aufgenommene Premiere, Volksstimme, 04.12.2013

von Helmut Rohm

"Der kleine Muck" findet sein großes Glück Jedem Kind ist das Weihnachtsmärchen im Anhaltischen Theater Dessau ein begriff. In diesem Jahr wird die Geschichte vom Kleinen Muck erzählt und gespielt. Er ist der Publikumsliebling, wie die Premiere bewies.

Der Vorhang in strahlendem Rot mit Gold, auf dem das Schild "The Circus" prangt, öffnet sich. Rhythmische Musik erklingt. Artisten im bunten Kostümen agieren aktionsreich in der Manege. Effektvoll animiert die Zirkusdirektorin Frau Ahavzi zum Besuch der Vorstellung: "Hereinspaziert!"

Ist es wirklich die Premiere des angekündigten Weihnachtsmärchens "Der kleine Muck" im Anhaltischen Theaters Dessau in der Inszenierung von Andreas Rehschuh?

Als dann der kleine Muck mit dem großen bunten Turban über die kleine Showbühne in die Manege kommt, brandet der erste spontane Publikumsbeifall auf. Muck-Darsteller Jan Kersjes ist von Beginn an unbestrittener Publikumsliebling. Muck ist auf der Suche nach dem Glück.

Auf der Suche nach Teilhabe und Anerkennung - dem Glück

Und er möchte mitmachen, gebraucht werden. Doch er hat unter Vorurteilen zu leiden, wie zu klein, zu schwach, nur ein Zwerg. Als Frau Ahavzi eine Rolle in Aussicht stellt, ist er des Glückes voll. Doch die anderen Artisten warnen: Todesgefahr! Seinen Kopf soll er bei einer Raubtierdressur in des Löwen Kopf stecken. Er flieht.

Auf wunderbare Weise - dank der technischen Möglichkeiten der großen Dessauer Bühne - verändert sich die Bühne. Es ist Nacht. Muck träumt, von zauberhafter Musik begleitet, sieht seine Zirkusfreunde durch die Luft schweben. Er findet Schuhe und einen Stab, mit denen er besondere Fähigkeiten ausüben kann.

Muck kommt zu einem bewachten Schloss, in dessen Zentrum sich ein sehr großer Haufen bunter Kissen befindet. Dort thront ein ungemein beleibter Sultan. Mit dabei dessen Schatzmeister, ein Berater und die Sultan-Tochter Armaza.

Das große Glück mit diesen besonderen Schuhen

Andreas Rehschuh überzeichnet die Figuren, stellt sie im humorvollen Mix aus Liebedienerei, Borniertheit sowie Gefühlsausbrüchen und Hinterhältigkeit dar. Köstlich, wie die pubertierende Prinzessin hemmungslos schreit und wütet. Auch das gefällt dem Publikum.

Muck sucht auch hier nach einer ihm glückgebenden Tätigkeit. Dann die bekannte Geschichte mit den Schuhen. Er besiegt zur deren Ärger die bisher laufschnellste Prinzessin. Der finanzklamme Sultan wittert eine Geldeinnahme. Auch hier ein durchaus heutiges Gebaren. Überhaupt sind alle Kernthemen des Stückes zeitlos aktuell.

Er lädt benachbarte Herrscher zu köstlich spaßigen Wettlaufwetten ein, bei dem auch ein Kamel antritt. Muck gewinnt, der Sultan hat wieder Einnahmen. Als jedoch Muck den Zauberstock mit dreimaligem Wolfsgeheul zum Einsatz bringt und verschwundene Reichtümer findet, wird er des Diebstahls beschuldigt und muss fliehen. Ohne Schuhe und ohne Stock! Damit könnte er im Zirkus schöne Kunststückevorführen. Mit dem Feigen-Lange Ohren-Trick überlistet der kleine Muck den mächtigen Sultan.

Mit den Wunderschuhen und den Zauberstock kehrt Muck zum Zirkus zurück. Zu seinen Artistenfreunden - der Zirkustänzerin Lilly (Jenny Langner), dem stummen Clown Peppe (Stephan Korves) und dem stärksten Mann Herkules (Gerald Fiedler). Die Zirkusdirektorin (Illi Ochlmann) war inzwischen beim Löwenmaul-Trick tödlich verunglückt. Die Raubkatze (Felix Defèr) jedoch lebt noch. Die Schauspieler sind in bis zu vier Rollen im Einsatz.

Muck jedenfalls hat im Zirkus in der Gemeinschaft das Glück gefunden. Ein glückliches Happyend. Das Premierenpublikum bedankte sich neben regen Szenenbeifall mit einem großen Schlussbeifall beim ganzen Inszenierungsteam. Gemeinsam mit dem Regisseur Andreas Rehschuh gestalteten Thomas Weinhold die Bühne, schuf Grit Walter die Kostüme. Gundolf Nandico komponierte die Musik.

Bis in den Januar 2014 hinein über 20 Vorstellungen Dieses unterhaltsame und kurzweilige Weihnachtsmärchen 2013, zu dem in den über 20 Vorstellungen bis in den Januar hinein wieder über 15000 Besucher erwartet werden, ist hoffentlich nicht das letzte auf der Dessauer Bühne. Die regionale Verbundenheit des Hauses dokumentiert sich beispielsweise auch in der Einladung an die Zerbster Kindertafel, die gestern mit 30 Personen kostenlos eine Vorstellung besuchen durfte. Mit glänzenden Augen und sehr dankbar kehrten die Kinder gestern aus Dessau zurück.

Der Makel als Märchentraum, Mitteldeutsche Zeitung, 29.11.2013

von Thomas Altmann

Keine Dame ohne Unterleib, aber eine mit Vollbart und offenem Reifrock: Der kleinwüchsige Muck bleibt nicht allein, sondern findet sich in einem Zirkus ein, der gefühlvoll mit dem nostalgischen Budenzauber des vermeintlich menschlichen Makels spielt und wunderbar mit der Verkettung von Abnormität und Fantasie jongliert. So also beginnt das vorweihnachtliche Märchen "Der kleine Muck" nach Wilhelm Hauff, eingerichtet und inszeniert von Andreas Rehschuh. Gestern war Premiere im vollen großen Haus. Es war einmal? Es wird gewesen sein? Ein letztes Märchen im Anhaltischen Theater? Alles entzaubert, wie das Streben des Sultans und seines Schatzmeisters, eines fallenden Wurmes, der jedes Urteil kniefällig unterzeichnet, bevor es gefällt ist? Dreimal drehen und los! Rehschuh verzichte auf jede Rahmenhandlung, macht aus dem Katzenhaus der Frau Ahavzi jenen nostalgisch verzauberten Zirkus und aus der Hausherrin eine Zirkusdirektorin mit Bart. Illi Oehlmann liefert eine Freifrau der Fantasie mit dem strengen Charme einer köstlich verunstalteten Stiefmutter. Darf man das, die Katzen vertreiben und das Hündchen, welches den kleinen Muck zu den Pantoffeln führt? Aber ja, denn die Wege der Zauberschuhe werden nun greifbarer. Und mehr noch: Muck hat Menschen um sich, die ihn retten, denen er dennoch misstraut, Menschen, die sein Vertrauen und Selbstbewusstsein stärken. Am Ende sind sie das Glück, welches Muck im Original trotz Eselsohren, Rache und Vergeltung nicht findet. Rehschuhs Version (Dramaturgie Andreas Hillger) führt ein Happyend, vorausgesetzt, die Manege beschreibt keine Parallelwelt der Verwachsenen, der Clowns, der Spinner und Schauspieler, die offenbar keiner mehr braucht. Was beinah wie eine didaktisch wertvolle Aufbereitung naheliegender Beispielhaftigkeit klingen mag, findet immer schwebende Bilder der Fantasie auf Thomas Weinholds Märchenbühne. Schon das Eingangsbild wird im Zusammenspiel mit den satten zirzensischen Kostümen von Grit Walther zu einer atmenden Illustration der Zirkusluft in der Griffigkeit einer Lithografie. Das schwebende Hochrad, der gleitende Kraftklotz, das sinkende Trapez: Mucks Traum ist ein Traum. Seine Gefangenschaft in selbstverliebter Selbstkritik, seine Einsamkeit erscheint im zauberhaften Licht der Leere. Köstlich, wie die Palastwache in den Torsphingen stationiert wurde oder, dass die Pause mit dem Start des Wettlaufes beginnt.
Und, ist es ein Zufall, dass im Rollentausch aus dem stärksten, nicht eben scharfsinnigsten Mann, der dümmlich auf einem Kissengebirge thronende Sultan (Gerald Fiedler) wird? Oder, dass der Goldlöwe, der Frau Ahavzi versehentlich den Kopf abbiss, nun den furchtsam schleimenden Schatzmeister (Felix Defèr) gibt? Aus dem schweigenden Clown (Stephan Korves), dessen Mimik redet, dessen Augen schreien, wird ein kruder Poet und Berater. Lilly (Jenny Langner) tanzt und erscheint wieder als Königstochter, die gleichsam als Schnellläuferin mit Muck konkurriert, eine geschwungene Zeitlupe liefert und als Verliererin reizend nervend zickt. - "Bist ein braver, kleiner Zwerg, hast ein Köpflein wie ein Berg". Der Reim wird nicht zitiert, aber er ist da. Übersehen kann man ihn nicht. Vier bis fünf Füße hoch sei er nach Hauff. Nun ist Muck ein Mann in ausgewachsener Kindlichkeit, voller Bewegungsfreude und Spiellust. Wie er fällt, wankt, rast, Jan Kersjes als Muck; und als Magier, welch herrliche Schrulle. Die Schuhe hat er bereits an. Nach dem Märchen wird Kersjes Dessau verlassen. Schade. Aber wird nach dem Märchen auch das Märchen Dessau verlassen?

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