Der Kirschgarten

Komödie von Anton Tschechow

Sie sind am Ende, alle Kredite aufgebraucht, und selbst das letzte Erbteil steht vor der Insolvenz. Doch so ein Ende wäre eine Tragödie, wenn ihre Protagonisten einen solchen Fakt nicht auf jede erdenkliche Weise zu verschleiern oder zu verträumen in der Lage wären. Und schon wird aus einer Tragödie eine Komödie, die herrlich absurd, bis ins Heute erzählenswert und überlebensfähig ist.

Denn so ist das Leben, »so sind wir« und die Kunst der so lustvollen, wie gefährlichen Verdrängung, die Tschechow in seinem letzten Bühnenstück beschreibt, ist uns nicht allein deshalb auch heute noch sehr nah. Alles beginnt mit einem Abschied, der eigentlich ein Wiedersehen ist. Ljuba Ranjewskaja kehrt mit ihrem Bruder Gajew auf ihr hoch verschuldetes Landgut, das samt legendärem Kirschgarten vor der Zwangsversteigerung steht, zurück. Die einst heile Welt zeigt längst schwere Risse und der einzige Weg, zu retten, was zu retten wäre, führt über die Abholzung des Kirschgartens, der sich als Bauland höchst lukrativ verkaufen ließe. Der junge Lopachin, Spross jener Väter, die noch als Leibeigene auf dem Gut wie Sklaven dienten, ist heute ein erfolgreicher Geschäftsmann und bietet seine Hilfe bei der Rettung des Gutes. Doch was sind Träume, die im idealen Gestern schwelgen, gegen eine Realität, die sich zur Utopie aufschwingt? Und so erntet Lopachins Weg des neuen Wirtschaftens ohne Blick zurück nicht allein bei der Ranjewskaja nur ein müdes Lächeln. Denn was ist die stilvoll verschwenderische Lässigkeit von jenen, die längst nichts mehr haben, gegen die verkrampft kalte Pragmatik moderner Geschäftstüchtigkeit? So geht also lustvoll und tränenreich zugleich unter, was mit Stil unterzugehen trachtet und sich dennoch in den nächsten Traum zu retten vermag.
Inszenierung Niklas Ritter
Bühne Bernd Schneider
Kostüme Ines Burisch
Musik Til Ritter
Dramaturgie Holger Kuhla

Ranewskaja, Ljubow Andrejewna, Gutsbesitzerin Antje Weber
Anja, ihre Tochter Katja Sieder
Warja, ihre Pflegetochter Jenny Langner
Gajew, Leonid Andrejewitsch, Bruder Peter Wagner
Lopachin, Jermolaj Alexejewitsch, Kaufmann Julian Mehne
Trofimow, Peter Sergejewitsch, Student Jan Kersjes
Charlotta Iwanowna, Gouvernante Anne Lebinsky
Simeon-Pischtschik, Boris Borissowitsch, Gutsbesitzer Thorsten Köhler
Firs, ein alter Lakai Hans-Jürgen Müller-Hohensee
Jascha, ein junger Lakai Patrick Rupar

PRESSESTIMMEN

Helmut Rohm, Volksstimme, 23.10.2012

Niklas Ritter inszeniert Stück von Anton Tschechow am Anhaltischen Theater Dessau

Luftschlösser im Kirschgarten

Es scheint wie ein Happy End. Alle singen voller Inbrunst "Sehnsucht nach all diesen Nächten". Neue Pläne werden geschmiedet. Doch es ist nur ein scheinbar optimistischer Schluss, wie vieles im "Kirschgarten" nur Schein ist. Es werden Luftschlösser gebaut, man ist weit weg von der Realität.
Anton Tschechows Komödie "Der Kirschgarten", geschrieben 1904, wird im Großen Haus des Anhaltischen Theaters Dessau in der Regie von Niklas Ritter auf die Bühne gebracht. Auf eine Bühne (Bernd Schneider), die, bis auf ein mehrfach sonderbar benutztes historisch anmutendes Schränkchen, groß, weit und leer ist. Ach ja, da sind noch einige hohe Baumreste, ganz ohne Ast, Zweig, Blatt und Blüte. Möglicherweise die Zukunft des Kirschgartens andeutend.

Das Gut mit Kirschgarten der Gutsbesitzerin Ranewskaja (Antje Weber glaubhaft realitätsfern) und deren Sippe ist überschuldet, Insolvenz droht - und damit das Aus des mondänen Lebens. Im Dessauer "Kirschgarten" lässt Ritter die handelnden Figuren auf einen Showteppich bis an den Bühnenrand defilieren. Bis auf den alten Diener Firs, einen der alten Schule, der fleißig Tee für Tee serviert - am Ende aber ganz vergessen und zurückgelassen wird (Mitleid erregend demütig Hans-Jürgen Müller-Hohensee).

Das reale Publikum jubelt ihnen trotz fordernder Pose nicht zu: Erst mal abwarten, was da wohl noch kommt?
Es wird ein großer Auflauf, denn die Gutsbesitzerin Ranewskaja mit Tochter Anja (Katja Sieder) und Lakai Jascha (Patrick Rupar) ist nach mehrjähriger Abwesenheit aus Paris zurückgekehrt. "Wir haben zwar gar nichts mehr" - aber das mache doch nichts.

Dekadenz beim Kirschblütenfest
Wenn man nun annimmt, es wird um eine Lösung gerungen, geht der Zuschauer fehl: Augen und Ohren zu, konsequenzloses Verdrängen.
Lediglich Lopachin (Julian Mehne alternativlos im Geschäft, nachvollziehbar inkonsequent in einer möglichen Liebe), emporgekommener Unternehmer, Sohn eines früheren Leibeigenen, bietet eine Lösung an: Vermarktung des Kirschgartens, Parzellieren für Datschenbesitzer. Ihm schlägt ein vielstimmiges "Mäh" entgegen, ein komödiantisch gefärbtes Ablehnen. Mehrfach versucht er, seinen Plan anzubringen. Es wird nichts. Es ist zum "auf die Palme gehen", respektive den Kirschbaumrest hochklettern. Als später das Wort arbeiten nur mal in vage Erwägung gezogen wird, folgt kollektives Gelächter. Ranewskajas Bruder Gajew (Peter Wagner) amüsiert sich köstlich über ein Bankangebot. Student Trofimow (Jan Kersjes bringt sein musikalisches Talent gut ein) ist stark im Theoretisieren, bringt aber praktisch nichts in Fluss. Niklas Ritter lässt seine Darsteller die verschiedenartigsten, mehr oder minder humorvoll gedachten, manchmal aber nur unmotiviert komisch wirkenden Einlagen präsentieren: Tanz, Kampfszenen in Zeitlupe, in Pose verharren, erotische Eindeutigkeiten, in den Schrank kriechen ... Auch das heute wohl nicht fehlen dürfende Video ist da.
Nur Pflegetochter Warja (überzeugend Jenny Langner) versucht sich, den Realitäten zu stellen, bleibt aber später auch "auf der Strecke".
Während alles den Bach runtergeht, ergötzen sich die vermeintlichen Reichen in einem hemmungslos ausartenden Kirschblütenfest. "Jetzt lassen wir es noch einmal richtig krachen!" Sich gegenseitig übertreffend leben die Schauspieler die Dekadenz prall aus.
Japan lässt grüßen: Blass die Gesichter, Kimono gewandet (Kostüme Ines Burisch), Stäbchenessend, Maggi und Alkohol im Überfluss, ausartend in jeder Hinsicht ... Dazu fernöstliche Musik. Die gesamte Musik, eingespielt vom Cepunto-Quartett, schrieb Till Ritter.

Lopachin hat schließlich das Gut gekauft. Und die anderen skandieren: "Leb wohl altes Haus."
Das Stück wird zur Komödie, weil Ritter die eigentlich tragische Handlung komplexkomödiantisch betrachtet. Ein Blick ins Heute lässt durchaus Parallelen erkennen.
Anzumerken wäre, dass das zeitweise schnelle Sprechen einzelner Akteure nicht zu mehr Dynamik, sondern eher zu Textverlusten führt, nicht nur bei dem älteren Publikum. Dennoch wurden insgesamt die Leistungen mit Beifall gewürdigt.

Maria Böhme, Mitteldeutsche Zeitung, 08.10.2012

Sie lachen noch am Abgrund

Im Garten Eden lebt es sich anders. Anton Pawlowitsch Tschechows "Kirschgarten" hat wenig gemein mit einem paradiesischen Ort. In Niklas Ritters Inszenierung der tragischen Komödie "Der Kirschgarten", die am Samstag im Anhaltischen Theater Dessau Premiere feierte, suchen Zuschaueraugen vergeblich nach grünen Blättern, geschwungenen Zweigen und knallroten Kirschen. Die grüne Pracht ist nur noch eine Erinnerung - und ein Sehnsuchtsort für Träumer und Müßiggänger. Das Holz knirscht unter der Schuldenlast der Eigentümer. Der Garten der russischen Familie Ranjewskaja soll zwangsversteigert werden.

Garten als Sinnbild für Verfall

Vom Garten übriggeblieben sind nur betonfarbene, kahle Stämme, die in unregelmäßigen Abständen auf der Bühne mitten im Saal des Gutshauses verteilt sind. Und Kirschblütenblätter, die im Mondlicht vom Bühnenhimmel regnen.
In den Köpfen der Familie Ranjewskaja und ihrer Bediensteten hingegen ist der Garten noch immer ein paradiesisches Fleckchen Erde, ein Ort, an dem es sich gut vergessen lässt. Vor dessen Verfall verschließen sie genauso die Augen wie vor ihrem eigenen. Und so wird die Rückkehr der sentimentalen Mutter Ranjewskaja (wunderbar entrückt: Antje Weber) aus Paris auf das verschuldete Gut, auf dem sie ihre Kindheit verbrachte, fröhlich gefeiert. Ritter lässt alle Protagonisten über einen roten Läufer wie über einen Laufsteg stolzieren. Dazu gibt es beschwingte Musik vom Band - aufgenommen mit dem Cepunto-Quartett mit Violine, Viola und Cello.
Hämisches Grinsen und albernes Lachen begleiten die Erzählungen aus Paris. Anja(Katja Sieder), die ihre Mutter auf Reisen begleitet hat, berichtet von kuriosen Auftritten der Gutsbesitzerin und der Verschwendungssucht des jungen Lakaien Jascha (Patrick Rupar), der nie ohne sein Handtäschchen auftritt. Der alte Diener Firs (Hans-Jürgen Müller-Hohensee) serviert gebückt Kaffee und Tee im Minutentakt. Und die illustre Gesellschaft trinkt und tanzt, wenn Student Trofimow (Jan Kersjes) mit kehliger Stimme auf unvergleichlicherweise ein russisches Lied auf der Gitarre anstimmt. Mit Lopachin (Julian Mehne), dem Sohn eines ehemaligen Leibeigenen des Gutes, bricht die Realität über die Runde herein. Er warnt vor dem bevorstehenden finanziellen Ruin und schlägt Lösungsmöglichkeiten vor. Doch er bleibt unerhört, wird noch verlacht. Sein Unverständnis, ob der Entscheidungsunfähigkeit der Gutsherrin, treibt ihn sogar auf die Palme - oder vielmehr auf den Kirschbaum. Julian Mehne, der sich mit seinem lilafarbenem Anzug, den gelben Schuhen und dem weißen Polohemd von den Anderen mit ihren Pelzmützen, Fracks und seidig schimmernden Kleidern absetzt, spielt den "Eindringling" mit gewohnter Souveränität. Verdrängen und vereinsamen Wie schon in der Inszenierung "Peer Gynt" ist ihm Jenny Langner an die Seite gestellt. Sie spielt die Pflegetochter Warja, die ebenso versucht, den Verfall der Familie aufzuhalten. Beide hegen Gefühle füreinander. Mehne und Langner harmonieren erneut als Paar - das hier aber nicht zueinander findet. Auch in dieser Konstellation - unerfüllte Erwartungen, Wünsche und Träume. Die Figuren stehen vereinzelt im weitläufigen Bühnenbild.
Im ersten Teil der Komödie sind die Publikumslacher rar gesät, auch wenn es zu Beginn schon vor dem ersten Wort der Darsteller kurzen Szenenapplaus gibt, als aus dem Lautsprecher eine Dame ertönt, die die obligatorische Aufforderung, während der Vorstellung Foto-, Film- und Tonbandaufnahmen zu unterlassen, auf russisch darbietet. Die Vorstellung der tragischen Charaktere der Familienmitglieder, die Mutter Ranjewskaja zu Recht als "verschorfte Seelen" bezeichnet, übertüncht die Slapstick-Einlagen der Akteure, die teilweise eher albern wirken.
Doch nach der Pause nimmt die Inszenierung richtig an Fahrt auf: Nebel wabert über den Bühnenboden, Blütenblätter fallen im Mondlicht und die in Kimonos gekleideten Figuren feiern ihre eigene Version eines japanischen Kirschblüten-Festes. Da wird Sushi mit Maggi-Soße verfeinert, versucht sich mit Stäbchen gegenseitig zu füttern und im Stil von Samurai-Filmen in Zeitlupe gekämpft. Diese wunderbaren Bilder sind grotesk und absurd - und äußerst komisch.
Und während die Ranjewskajas und ihr Gefolge die klägliche Orgie zelebrieren, ersteigert Lopachin den Kirschgarten. Der Gipfel der Verdrängung wird erklommen, als alle den Kauf, der die Abholzung des Garten zur Folge hat, mit Champagner begießen. Nachdem neue Pläne geschmiedet und wieder gesungen wurde, erklingen die ersten Axtschläge. Doch auch dann halten sich alle an ihr Lebensmotto: Wer früher vergisst, lebt später leichter. Und der Regisseur lehrt: Wer das verpasst, ist selber Schuld.

621