Der Kick

Dokumentarisches Schauspiel von Andres Veiel und Gesine Schmidt

Das Stück geht auf einen authentischen Fall aus dem Jahr 2002 zurück: Nach exzessivem Alkoholmissbrauch und stundenlanger Folter erschlagen Marcel Schönfeld [17], sein Bruder Marco [23] und ein weiterer Jugendlicher im brandenburgischen Potzlow ihren Kumpel, den 17-jährigen Marinus Schöberl auf bestialische Weise – mehr zufällig und aus Langeweile. Die Täter stehen zum Teil unter dem Einfluss neonazistischer Ideologie und auch der Konsum Gewalt verherrlichender Filme liefert Vorbilder bei der Tat. Sechs Monate bleibt die verscharrte Leiche verschwunden. Ein ganzes Dorf schweigt, versucht die Tat zu verdrängen, zu beschönigen, zu vergessen. Die Autoren Andres Veiel und Gesine Schmidt lassen 18 real existierende Personen [Täter, Angehörige von Opfer und Tätern, Nachbarn und Beamte] zu Wort kommen und montieren die Texte aus Protokollen, Interviews und Trauerreden zu einem der beklemmendsten Entwürfe der Gegenwartsdramatik. Sie vermitteln einen erschreckenden Einblick in den Tathergang und darüber hinaus in die sozialen Verhältnisse der Beteiligten. „Der Kick“ versucht, die Ursachen des Gewaltexzesses zu erforschen und das Unglaubliche fassbar zu machen. Zu dieser Aufführung werden theaterpädagogische Begleitprogramme wie Einführungen und Nachgespräche angeboten.

Inszenierung Axel Sichrovsky
Dramaturgie Holger Kuhla
Bühne und Kostüme Norgard Kröger
Jutta Schönfeld, Mutter von Marco und Marcel; Birgit Schöberl, Mutter von Marinus; Sandra B., Freundin von Marco; Marcel Schönfeldt; Bürgermeister II; Mitschülerin Susanne Hessel
Verhörender; Marcel Schönfeld; Achim F.; Staatsanwalt; Matthias M., Freund von Marinus; Torsten M., Vater von Matthias; Jürgen Schönfeldt, Vater von Marco und Marcel; Heiko G.; Bürgermeister I; Marco Schönfeldt Sebastian Müller-Stahl

PRESSESTIMMEN

Hass, Ohnmacht und eine beklemmende Normalität Mitteldeutsche Zeitung Dessau-Roßlau, 24.10.2009

von Thomas Altmann   Im Alten Theater hat am Mittwoch das Stück «Der Kick» Premiere   Marinus Schöberl, 16 Jahre, kennt seine Mörder und trinkt Bier mit ihnen, bevor er gedemütigt und geschlagen wird, bevor ihm Sebastian Fink, 17 Jahre, ins Gesicht uriniert. "Ich bin ein Jude", soll Marinus sagen, sagt es, wird zum Schweinestall getrieben, muss in den Futtertrog beißen. Marcel Schönfeld, 17 Jahre, kennt den Film "American History X", kennt den "Bordsteinkick", springt Marinus ins Genick. Weil das Opfer noch röchelt, schlägt Marcel, getrieben durch den Bruder Marco, 23 Jahre, mit einem Stein zu. Es dauert, bis man Marinus findet, verscharrt in einer Jauchengrube. Übernahme aus dem Harz Zwei Jahre nach dem Mord ging der Dokumentarfilmer Andres Veiel nach Potzlow, um die Menschen hinter den Schlagzeilen zu sprechen. Ein Buch, ein Film und ein mit der Dramaturgin Gesine Schmidt erarbeitetes Theaterstück liegen mittlerweile vor. "Der Kick" hatte am Mittwoch Premiere im Alten Theater. Gezeigt wird eine Übernahme der Inszenierung von Axel Sichrovsky für das Nordharzer Städtebundtheater. Dort wurde das Stück nach dem rechtsextremistischen Überfall auf Mitglieder des Ensembles angesetzt. Halberstadt liegt am Rand des Harzes, Potzlow in der Uckermark, die Gewalt eskaliert mitten in der Gesellschaft. Das sagt die Bühne (Norgard Kröger) schon in der Gruppierung der Stühle. Mittendrin werden sie vernetzt, die hilflosen Notizen über ein verarmtes Leben, einen Berg Alltag, über verlorene Söhne, enttäuschte Hoffnungen und die Protokolle der Verdrängung, der Brutalität. Wie ungefragt antworten in traurig rudimentärer Sprache die Mütter des Opfers und der Täter, Freunde und Bekannte. Wenn ein Bürgermeister vom Taubenzüchterverein redet, muss man sich daran erinnern, dass hier kein zynischer Autor provinzielle Verdrängungsmechanismen karikiert, sondern Originalton aufgezeichnet wurde. Die Verhöre berichten im Dunkeln von der Tat. Der Täter läuft in das projizierte Vorbild des Films. "Ebenso hätte einer von unseren Jungs das Opfer sein können", sagt die Mutter der Täter. Zwei Darsteller spielen die vielen Rollen. Was steht hinter diesem, vom Autor vorgezeichneten Minimalismus? Die Absicht einer Entpersonalisierung, die Scheu, Typen vorzuführen, die Vernetzung aller Beteiligten? Sichrovskys Inszenierung aber verzichtet auf eine streng protokollarische Form, auf die Distanz der Abstraktion und ordnet das Textgeflecht zu Milieustudien und Charakterskizzen, die sich in Mimik, Stimmlage, Kleider- und Perückentausch äußern. Gasbetonsteine markieren Positionen, lauter Sockel ohne Helden, lauter schweigende Kläger, lauter Tatwaffen. Platz für eigene Ängste Susanne Hessel und Sebastian Müller-Stahl unterbrechen den Text, berichten von eigenen Erfahrungen und Ängsten, zeichnen beeindruckende Skizzen. Nur wenige Figuren, etwa die des Bürgermeisters, werden zur vorgeführten Karikatur. Gerade die Eltern der Täter, die auf dem Sofa zur Diaschau das verstrichene Familienglück beschwören, liefern die beklemmende Normalität hinter der Brutalität. Ob die Gewalt zugenommen habe oder deren Grenzenlosigkeit, welcher Druck auf den Jugendlichen laste, ob man hinter den Mördern auch die Menschen sehen solle, wenn sich Opfer- und Täter-Biografien so nahe seien, wurde im Gespräch danach gefragt. "Der Kick" liefert keine Urteile, sondern eine Chronik, die das Urteil des Zuschauers fordert, auch wenn die erste Antwort Schweigen ist.

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