Der Besuch der alten Dame

Eine tragische Komödie von Friedrich Dürrenmatt

Eine Kleinstadt wird unverhofft und in Gestalt der milliardenschweren Witwe Claire Zachanassian von einem unermesslichen Geldsegen bedroht. Diese Stadt ist voll von hochanständigen Bürgern, doch sind die Kassen leer und kein Licht am Ende des Tunnels. Also ist man in der Not zu allem bereit, um aus der finanziellen Schieflage heraus zu kommen. Doch was als Segen über das kleine Güllen hereinbricht, entpuppt sich schnell als ein subtiler Rachefeldzug, denn Claire Z. hat eine alte Rechnung zu begleichen. Vor vielen Jahren hieß sie Klara Wäscher und war selbst eine von ihnen, eine Güllenerin, die mit Schimpf und Schande aus ihrer Heimat gejagt wurde. Der Grund, sie wurde schwanger von ihrem Geliebten, doch der leugnete die Vaterschaft. Es kam zu einem Prozess und ihr geliebter Alfred kaufte Zeugen die beschworen, dass Klara ein »leichtes Mädchen« und er niemals der Erzeuger des Kindes sei. Jahrzehnte sind seither vergangen und Güllen so tief in den roten Zahlen, wie seine Bürger alt. Neben ihrem siebenten Ehemann bringt Claire einen Sarg in die alte Heimat und verspricht eine Milliarde, legt man ihr den toten Alfred vor die Füße. Der Schock in Güllen ist groß, doch der Preis für einen toten Nachbarn scheint machbar. Und so wird es Tag um Tag enger für einen bislang angesehenen Bürger und eine Kleinstadt wird sich entscheiden, ob ihr schon bald eine finanziell glückliche Zukunft blüht.

Was ist der Preis des Wohlstands und welchen Preis ist der Mensch bereit, für diesen Wohlstand zu zahlen? Dürrenmatt schreibt seine bitterböse Tragikomödie bereits im Jahr 1956, doch die Rezeptionsgeschichte des Stückes beweist, diese große Metapher über die Abstiege des Menschen in Welten, in welchen einzig das Geld regiert, ist nicht umsonst immer noch ein Klassiker der Bühne, und zeugt von seiner Zeitlosigkeit ebenso im Kino, jüngst im Fernsehen und längst in schulischen Lehrplänen.

Inszenierung Reinhard Göber
Ausstattung Ariane Salzbrunn
Dramaturgie Holger Kuhla / Sabeth Braun

Claire Zachanassian, geb.Wäscher, Multimillionärin Antje Weber
Alfred III Norbert Stöß
Seine Frau Anne Lebinsky
Der Bürgermeister Hans-Jürgen Müller-Hohensee
Der Lehrer Gerald Fiedler
Die Ärztin Christel Ortmann
Der Polizist Sebastian Müller-Stahl
Die Psychologin Katja Sieder
Der Butler Karl Thiele
Koby Susanne Hessel
Loby Patrick Rupar
Der Pressemann David Ortmann

PRESSESTIMMEN

Dieter Beer, Thüringer Kulturspiegel, 8.5.2012

Bevor „Der Besuch der alten Dame“ schon einmal in Dessau gespielt wurde, kam 1992 als PR-Maßnahme das so genannte spektakuläre Publicity Modell zur Anwendung. Der Dessauer Hauptbahnhof war zu diesem Zweck zum Bahnhof der Stadt Güllen umfunktioniert worden. Dort traf der Zug ein und ihm entstieg, in Gestalt der bekannten Schauspielerin Ursula Karusseit, die Multimilliardärin Claire Zachanassian. Der Bürgermeister und andere Honoratioren der Stadt, die zum Empfang der Claire erschienen waren, sollen dabei kräftig mitgespielt haben. Die zustande gekommene große Wirkung half mit, Helmut Straßburgers Inszenierung des Dürrenmatt-Stücks, die wenig später Premiere hatte, den Weg zu ebnen.
Nun gelangt die tragische Komödie an gleicher Stelle wieder zur Aufführung. Das Personal ist stark reduziert worden. Zum Beispiel sind Claires Gatten VII-IX und die beiden kaugummikauenden Toby und Roby gestrichen worden. Und aus dem Arzt wurde hier eine Ärztin. - In der Inszenierung von Reinhard Göber wird Claire, die zu großem Reichtum gekommen und hier eine junge Dame ist, fähnchenschwingend und mit großem Jubel empfangen. Bei der offiziellen Begrüßung lobt sie der Bürgermeister in den höchsten Tönen. Man erhofft sich von ihr Hilfe und Unterstützung, damit es in dem völlig heruntergekommenen Ort ihrer Kindheit wieder aufwärtsgeht. Die Zachanassian verspricht dann auch Güllen eine Milliarde - unter der knallharten Bedingung allerdings, dass ihr einstiger Geliebter Alfred Ill getötet wird. In jungen Jahren war sie unter ihrem früheren Namen Klara Wäscher durch Ills Schuld ins Unglück gestürzt worden. Die Bürger sind höchst erschrocken, „lieber wollen sie arm bleiben denn blutbefleckt“ und lehnen selbstredend das Ansinnen der Multimilliardärin ab. Doch später fallen alle, einer nach dem anderen, durch die Macht des schnöden Mammons um....
Alfred nimmt die Anschuldigung nach den vielen Jahren, die inzwischen vergangen sind, zunächst nicht so ernst: „Die Stadt steht zu mir“ und „Wir müssen alle zusammenhalten“ beruhigt er sich. Deshalb hat er auch nichts dagegen, wenn die Einwohner jetzt bei ihm im Geschäft teurere Waren kaufen als früher und anschreiben lassen - in Vorfreude auf den bald einsetzenden warmen Geldregen. Aber dann quält ihn geradezu der Gedanke, womit denn all das, was gekauft worden ist, bezahlt werden soll. Ein Tiefpunkt ist bei Ill erreicht, da weder der Polizeiwachtmeister noch der Bürgermeister ihm in seiner Not beistehen. Mit ernster Miene, die Hände in den Hosentaschen vergraben, so steht er bemitleidenswert da. Norbert Stöß, Gast vom Berliner Ensemble, spielt intensiv, er erfasst die Rolle des Ill aber mehr von ihrem intellektuellen Potenzial her. Dabei bleibt leider das Körpersprachliche, das die Figur anreichern könnte, auf der Strecke. Ähnlich einseitig ist die Multimilliardärin der Antje Weber gezeichnet. Geheimnisvoll und majestätisch schreitet sie im Glitzergewand über die große Bühne. Oft spricht sie sehr leise, ihre Bedingung verkündet sie aber lautstark und unmissverständlich. Trotzdem hätte man dieser Claire seitens der Regie gern eine größere Bühnenpräsenz gewünscht.
Zu begrüßen ist jedenfalls sehr, dass das Welterfolgsstück des Schweizer Dramatikers wieder in der Muldestadt gespielt wird. Und zwar als absolutes Zeit-Theater, denn aktuelle lokale Anspielungen sind nicht zu überhören. Gewiss ist es auf der riesigen Bühne nicht leicht, Schauspielaufführungen zu zeigen. Doch irgendwie wird das Spiel dort immer wieder tapfer gemeistert. Seit Jahrzehnten kann man das beobachten. Allerdings ist es durch weit auseinandergezogene Arrangements nicht möglich, Spannung zu erzeugen. Die Inszenierung von Reinhard Göber (Bühne und Kostüme: Ariane Salzbrunn) ist ansonsten klar und übersichtlich. Sie erreicht den Zuschauer, vertrüge aber eine Straffung. So könnte beispielsweise auf die hinzuerfundene Szene mit der Psychologin verzichtet werden.
Herausragend ist die differenzierte Verkörperung des Bürgermeisters durch Hans-Jürgen Müller-Hohensee. Glaubwürdig auch der schier verzweifelnde, zum Trinker gewordene Lehrer, der von Gerald Fiedler gespielt wird.

Maria Böhme, Mitteldeutsche Zeitung, 10.04.2012

Eine Frau will Gerechtigkeit
Friedrich Nietzsche und Claus Graf Stauffenberg haben in der Kleinstadt schon lange keinen Halt mehr gemacht. Statt der Hochgeschwindigkeitszüge mit den klangvollen Namen hält hier nur noch der Regionalexpress. Die Stadt wurde einfach abgehängt - nicht nur von der Deutschen Bahn, auch vom wirtschaftlichen Aufschwung. Im Osten Deutschlands spielt Reinhard Göbers Version von "Der Besuch der alten Dame", die am Sonnabend im Anhaltischen Theater Dessau Premiere feierte. Der Regisseur beweist eindrucksvoll, dass Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie um ein unmoralisches Angebot, die dem Autor 1956 den internationalen Durchbruch verschaffte, nicht an Aktualität und Brisanz verloren hat. Einzig und allein dem Besuch einer milliardenschweren Dame ist es zu verdanken, dass der ICE "Theo Lingen" noch einmal in der ostdeutschen Provinz hält. Claire Zachanassian (Antje Weber) kehrt nach jahrzehntelanger Abstinenz in ihre Heimatstadt zurück. Um den Grund ihres Besuchs macht sie von Anfang an keinen Hehl: Mit einem schwarzen Sarg im Schlepptau schreitet Claire lasziv gleich zu Beginn der Inszenierung über die Bühne. Sie will Gerechtigkeit, wie sie sagt, denn: "Ich kann sie mir leisten." Seit dem Tag als ihr ehemaliger Geliebter Alfred Ill (Norbert Stöß) sie verriet, sinnt sie auf Rache. Claire verspricht der Stadt und ihren Bürgern eine Milliarde und verlangt dafür den Tod von Alfred Ill. Eine bestialische Forderung, auf die die Einwohner der Stadt zunächst mit tiefer Ablehnung reagieren. "Lieber bleiben wir arm, denn blutbefleckt", entgegnet der Bürgermeister entrüstet. Dass die Geschichte für den Krämer Alfred tödlich enden wird, ist von Anfang an klar.
Während sich die Forderung der Milliardärin tiefer in die Köpfe und Herzen der verarmten Einwohner bohrt und die Aussicht auf ein schönes Sümmchen Geld die meisten von ihnen in einen Kaufrausch versetzt, erfährt der Zuschauer nach und nach die Beweggründe des schillernden Rache-Engels: Vor der "Wende", als Claire noch auf den Namen Klara Wäscher hörte, wurde sie von ihrem damaligen Freund Alfred schwanger. Nach einem Techtelmechtel mit einem anderen Mann, schrieb Alfred aus Eifersucht einen Bericht an die Staatssicherheit. Klara pflege Beziehungen zu einem Mann aus West-Berlin und habe sich des Verteilens politischer Flugblätter strafbar gemacht, so lautete danach die Anklage. Zu zwei Jahren Haft wurde Klara verurteilt; das Kind nahm man ihr im Gefängnis sofort weg. Sie sah es nur einmal - bei seiner Geburt.
Nach ihrer Entlassung wird sie in den Westen abgeschoben, verdingt sich dort als Prostituierte und lernt im Bordell ihren späteren Ehemann kennen, der ihr zu beachtlichem Reichtum verhilft.
Früh hat die enttäuschte Frau gelernt, dass Macht hat, wer Geld hat. Über die Jahre hinweg kauft sie fast ihre ganze Heimatstadt auf, bei der es sich - der Regisseur lässt kaum Zweifel daran - um Dessau handelt. Doch der Name der Stadt wird nie erwähnt, schließlich könnte die Geschichte in den meisten ostdeutschen Städten spielen. Aufgeräumt und etwas trostlos könnte man das gelungene Bühnenbild von Ariane Salzbrunn beschreiben. Bunte Wimpelketten, die den Bühnenhimmel zieren, zeugen von dem Volksfest, welches anlässlich des Besuches der alten Dame eigentlich gefeiert werden sollte. Zwei bewegliche rechteckige, graue Bühnenelemente geben immer wieder den Blick frei auf karge, spätherbstliche Landschaften. Melancholisch stimmen diese projizierten Aufnahmen - Bilder von menschenleeren Landstrichen. Verlassen fühlen sich in der Stadt auch die Menschen. "Ein sinnloses Leben" sei es, was er führe, sagt Alfred zu Claire in einer Szene. Das Leben in der Kleinstadt hat ihn schnell altern lassen - mit Stirnglatze und mausgrauem Anzug trifft Claire ihre einstige Liebe an.
Norbert Stöß spielt den gebeugten Mann manchmal etwas zu kraftlos. Zu Beginn kontrastiert er die schillernde, starke Claire wunderbar mit seiner Lethargie, doch als er über sich hinaus wächst und es ablehnt sich selbst zu töten, bleibt die Figur etwas blass.
Antje Weber als Claire hingegen trumpft besonders bei ihren großen Auftritten vor der Bürgergemeinschaft auf. Eiskalt, berechnend und verführerisch zieht sie die Bürger der Stadt in ihren Bann. Doch in den intimen Momenten zwischen Alfred und ihr, in denen sie ihren Panzer mit Erzählungen schmerzhafter Erinnerungen einreißt, verliert ihr Spiel an Intensität. Doch das spielfreudige, lebhafte Ensemble, allen voran Gerald Fiedler als Lehrer und Hans-Jürgen Müller-Hohensee als Bürgermeister, machen die kleinen Schwächen der Hauptfiguren wieder wett.
Sie sorgen dafür, dass Dürrenmatts Stoff nicht in der Modernisierungsschleife stecken bleibt, sondern echte Lebensgeschichten, die die (ost)deutsche Realität schreibt, erzählt werden.

Helmut Rohm, Volksstimme, 10.04.2012

Premiere von "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt am Anhaltischen Theater in Dessau
Wenn das Geld vom Tun und vom Denken Besitz ergreift
Sie hat eigentlich gar nicht viel von einer "alten Dame", mehr Glamour, ist weltfrauisch. Und das Güllen als Friedrich Dürrenmatts Original-Schauplatz dieser tragischen Komödie ist in der Dessauer Inszenierung von Reinhard Göber ganz klar und direkt das Dessau von heute.
Optisch nimmt das spartanische Bühnenbild (Ariane Salzbrunn) mit oft verschobenen großen Kuben Bezug auf die Bauhausstadt. So wie einst das Städtchen Güllen vollständig bankrott war, skandieren an realen Beispielen die Protagonisten, was und wie in dieser Stadt "den Bach runterging, runter zu gehen droht".
Viele Züge halten gar nicht mehr, rauschen einfach durch, auch ein Stückchen Untergang. Es fehlt eben überall Geld. Doch ein Goldstreif, auch im Bühnenbild kurz symbolisiert, zeigt sich am Dessauer Finanzhimmel. Denn die inzwischen milliardenschwere Claire Zachanassian, früher als Klara Wäscher bekannt, hat ihren Besuch angesagt.
Die Honoratioren der Stadt werfen sich ihr im übertragenen Sinn "zu Füßen", schönen deren Biografie - einen reichen Geldsegen erhoffend. Wer da schon nachdenkt, könnte vielfach aktuelle Beispiele dieser Art finden. Denn: Güllen ist hier und heute, das Thema ist ebenso brisant wie einst bei der Uraufführung 1956.
Doch es soll noch schlimmer, viel schlimmer kommen. Denn "unsere Klara", sehr lebensnah in einer teils erschreckenden Mischung von Mondänität und Eiseskälte von Antje Weber dargestellt, hat anderes im Sinn. Als sie anreist, zieht sie einen schwarzen Sarg hinter sich her. Einen leeren, einen noch leeren.
Sie möchte Rache. Ihr Angebot: eine Milliarde Euro, je zur Hälfte für die Stadt und für die Bürger - gegen Gerechtigkeit. Großer Jubel: Dessau ist gerettet, jeder einzelne wird auch profitieren. Doch dann kommt Claires Bedingung: Diese eine Milliarde für den Tod von Alfred Ill. Der, inzwischen angesehener Bürger, kommender Bürgermeisterkandidat, hatte Klara einst geschwängert, sie mit gekauften Zeugen an die Stasi verraten, damit ihr Leben zerstört. Norbert Stöß als Gast vom Berliner Ensemble spielt Ills inneren Entwicklungsprozess eindrucksvoll und mit großer Subtilität. Claires Angebot weist der Bürgermeister (Hans-Jürgen Müller-Hohensee) namens seiner Stadt empört aufs Schärfste zurück. Für Alfred Ill liegt außerdem alles so weit zurück.
Hier hätte die Story eigentlich zu Ende sein können. Doch da beginnt die Macht des Geldes zu wirken. "Mit Geld kann man alles kaufen", bringt es die "alte Dame" auf den Punkt. Sie selbst hat die beiden Falschzeugen geblendet, sich den Richter "gekauft".
Was kostet die Welt, was kostet ein Mensch? Schaut man sich in der Welt um, wird für viel weniger getötet, verändert Geld den Charakter. Dass das vielleicht langsam, aber scheinbar schleichend unaufhaltsam geht, lässt Reinhard Göber die Zuschauer der gut besuchten Premiere eindringlich erleben. Es wird spannend an Handlung und Denken der einzelnen unterschiedlichen Charaktere erzählt wie, hier stellvertretend die Dessauer, ihre Empörung peu à peu verlieren und das Geld mehr und mehr von ihrem Tun und Denken Besitz ergreift.
Da wird auf Teufel komm raus auf Kredit gekauft. Gelbe neue Schuhe bei den anderen sind für Alfred Ill erstes Zeichen in Folge der zunehmenden Veränderung.
Der Schuss fällt aus dem Nichts. Ills Tod wird billigend in Kauf genommen. Es regnet Geld. Ein glückliches Ende aber ist es wahrlich nicht.
Viel Beifall gibt es für alle Darsteller in einem überzeugenden Ensemble wie für die gesamte Inszenierung. Die nächsten Aufführungen des Dürrenmatt-Klassikers stehen in Dessau am Montag, dem 14. Mai, um 10 Uhr und am Donnerstag, dem 7. Juni, um 19 Uhr auf dem Spielplan.

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