Der Alte Dessauer (UA)

Historisches Spektakel nach Karl Mays Humoresken
von Karl Thiele

Leopold der I., Fürst von Anhalt-Dessau ist eine der schillerndsten und zugleich widersprüchlichsten Figuren in der Geschichte Anhalts. Diesem »knorrigen Haudegen« hat sich Karl May in seinen Humoresken (erschienen im Karl-May-Verlag) gewidmet. Den Plan, einen Schwank über jenen »Alten Dessauer« zu verfassen, hat er allerdings nie in die Tat umsetzen können.

Anlässlich der Feierlichkeiten »800 Jahre Anhalt« und in dem Jahr, in dem sich der Todestag Karl Mays zum 100ten Mal jährt, kommt nun ein Lustspiel über den »Alten Dessauer« auf die Bühne, das vor allem den anekdotischen Nachlass dieser legendären Gestalt ins Bewusstsein rückt:

Fürst Leopold der I. braucht Verstärkung gegen Prinz Friedrich Ludwig von Hannover und um neue Soldaten zu rekrutieren, und sich nebenbei die Liebschaft seines Feldwebels anzuschauen, mischt er sich inkognito, verkleidet als Bäckergeselle, unters Volk. Da man aber fürstliches Benehmen nicht einfach mit der Kleidung abstreifen kann, entspinnt sich bald ein irrwitziges Spiel um seine wahre Identität.

Die Eintrittskarte berechtigt am Vorstellungstag zum kostenfreien Besuch der Ausstellung „Gesichter Anhalts“ in der Orangerie des Schlosses Georgium

Mit: dem gesamten Schauspielensemble
und: Tänzerinnen des Tanzforums Dessau-Roßlau, Turner des PSV 90 Dessau-Anhalt e.V., Mitglieder des Theaterjugendclubs, das Dessauer Ensemble „Die Huskies“ e.V. und Musikern aus ganz Anhalt!

Inszenierung Karl Thiele
Ausstattung Roland Wehner
Dramaturgie Sabeth Braun

Fürst Leopold I., gen. Alter Dessauer Karl Thiele
Prinz Friedrich Ludwig von Hannover Thorsten Köhler
Geheimer Rat Georg von Raumer, Stadtführer | Hillmann, Wirt, Anna Grunerts Stiefvater Hans-Jürgen Müller-Hohensee
Preußischer Feldwebel Wilhelm Haberkorn Gerald Fiedler
Anna Grunert, seine Liebste Susanne Hessel
Hannoverscher Oberleutnant Ernst von Hartegg Sebastian Müller-Stahl
Auguste von Liebau, seine Liebste Katja Sieder
Preuß. Rekrut | Oberl. Arthur von Hellbach alias Franz Rasch Stephan Korves
Emma von Glauchau, seine Liebste Anne Lebinsky
Pfarrer, Verwandter von Raumer | Hartig, Verwalter auf Schloss Lüchow | Polizeidiener Jan-Pieter Fuhr
Schleger, Dirigent der Regimentskapelle | Willem, Hillmans Sohn Jan Kersjes
August, Hillmans Sohn Patrick Rupar
Mutter Röse, Wirtin vom „Zum Alten Dessauer“ Christel Ortmann
Preußischer Oberwachtmeister Dennau Boris Malré

PRESSESTIMMEN

Helmut Rohm, Volksstimme, 05.07.2012

Karl Thiele inszeniert nach Karl-May-Humoresken Sommer-Open-Air des Anhaltischen Theaters

Eine kurzweilige Reise in die Historie

Die lebensgroße Skulptur von Leopold I., Fürst von Anhalt-Dessau, genannt der "Alte Dessauer", wird bei einem Unwetter während einer Führung lebendig - 265 Jahre nach seinem Tod. So beginnt das Lustspiel "Der Alte Dessauer".

Nach den Humoresken von Karl May hat Karl Thiele dazu eine Schauspielfassung geschaffen und das Stück für das Sommer-Open-Air des Anhaltischen Theaters Dessau inszeniert. In der Hauptrolle: Karl Thiele.

Dem Alten Dessauer ist das für ihn Neue alles unverständlich, auch das Bauhausgebäude, auf dessen Wiese das Stück gespielt wird. "Was habt ihr bloß mit meinem Dessau gemacht?", ist er empört. Er, der doch so auf Zucht und Ordnung setzt, auf das zackig Militärische - auf Macht und stete Rechthaberei.

Sehr unterhaltsam werden die Zuschauer auf eine etwa zweieinhalbstündige Reise in die Historie mitgenommen. Für die einzelnen Anekdoten und Geschichtchen um und über den Fürsten hat Karl Thiele einen abwechslungsreichen, kurzweiligen und vor allem aktionsreichen, teils auch verzwickten Handlungsfaden geknüpft. Zwei zunächst scheinbar unlösbare Liebesgeschichten in Romeo-und-Julia-Dramatik wird der Fürst zu lösen haben. Ebenso, hier nahe an der Historie, geht es um die gesetzlose grenzüberschreitende Rekrutenanwerbung.

Und wie in einer lebensprallen Komödie sind sehr reizvolle Verwechslungen, bestens gelungene Verkleidungen und "großes Theater" recht einfallsreich am laufenden Band zu erleben. Für den marschmusikliebenden Fürsten, der den Gleichschritt erfunden hat, marschiert eine Live-Blaskapelle auf, wird stramm exerziert, kommt ein Reiter auf einem schönen schwarzen Friesen geritten und wird Salut geschosssen ...

Um sich selbst vor Ort über die Zustände und auch die "Weibestauglichkeit" zu informieren, geht der Fürst inkognito als Bäckergeselle auf die Reise. Die Zuschauer erleben so dabei eine sicher gewollt überspannte Brotbackszene, einen Kartenspiel- und Saufexzess bis zum Umfallen, auch mehrere Kampfszenen mit einer vom Fürsten beherrschten Prügelszene in einer Kneipe. Im "Wirtshaus zum Alten Dessauer" präsentiert die Wirtin Mutter Röse Volkstanz und Turnakrobatik.

Die Inszenierung lebt insbesondere von den überspannt gezeichneten Charakteren. Den Mitgliedern des Dessauer Schauspielensembles ist durchweg und ohne Abstriche ein Stück unterhaltsamer und personenreicher Regionalgeschichte gelungen, das von allen mit voller Hingabe gespielt und bis ins kleinste Detail ausgereizt wird. Für Opulenz und Vielschichtigkeit sorgten auch Mitwirkende des Tanzforums Dessau, "Die Huskies" des PSV 90 Dessau, Musiker aus Anhalt und des Theaterclubs.

Die einfallsreiche Ausstattung von Roland Wehner mit den eingeschränkten technischen Möglichkeiten ist ein stimmiger Rahmen für den großen Erfolg des Schauspiels, das eine besondere Facette im Jubiläumsjahr Anhalt 800 darstellt.

Kurz vor Schluss wird die gerade intensivierte Rekrutenwerbung abrupt beendet. Karl Theodor zu Guttenberg habe die Wehrpflicht ausgesetzt. Zurück in der Gegenwart.

Der Fürst ist enttäuscht - und geht. Das Publikum applaudiert fleißig.

Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung, 02.07.2012

Schnurrwichs trifft Moderne
Mag der Alte eingangs die schöne Patina abwerfen und vom Sockel steigen, vom Postament gehoben wird er nicht. Denn trotz scheinbarer Ankunft in der Gegenwart wird das aus geradherzigen Anekdoten gegossene Standbild des Fürsten von einem hartmäuligen Leumund aufpoliert.
Kein Eichenprozessionsspinner hätte Leopold I. Fürst von Anhalt Dessau je von einem Schlachtfeld vertrieben. Nun aber zog sich das historische Spektakel "Der Alte Dessauer" nach Humoresken von Karl May vor den kleinen Spinnern zurück, marschierte aus dem Georgium und schlug seine Kupferstich-Bühne neben dem Bauhaus auf. Ein Rückzug nach vorn mit Widerhaken und Nesselgift, ein Kuriosum für das empfindsame Auge: Schnurrwichs (Schnurrbart bei May) vor Weißer Moderne mit reitendem Dreispitz. Bravo: Das ist Dessau! Ein Friedenspakt im stark gegangenem Sauerteig oder doch ein später Sieg des Feldherren, der dem preußischen Militär zu seiner fragwürdigen Macht verhalf?
Neckischer Jubiläumsbeitrag
Aber nein, hier wird Zitzemille gesoffen. Das ist der burlesk aufbereitete "anekdotische Nachlass einer legendären Gestalt", ein neckischer Beitrag des Anhaltischen Theaters zum Anhalt-Jubiläum, ein Lustspiel, betont fiktiv und frei und doch so oft für wahr gehalten. Das ist Sommer-Sonnen-Theater, bei dem es auch regnet. Doch die großen Unwetterwarnungen zur Uraufführung am Freitag galten gewiss den stark böigen Erregungen ihrer permanent donnernden Durchlaucht, vorhersehbar auf allen Satelliten. Karl Thiele mimt senkrechten Herzens den Freilicht-Helden, wetzt die Stimmbänder am Säbel, liefert den Bilderbuch-Standard eines grapschenden, saufenden, eines richtig netten Herz-Am-Rechten-Fleck-Despoten.
Auch kämpft Thiele vor der ersten Reihe, führte Regie und steckte die Humoresken von Karl May zusammen. May, der aus ärmsten Verhältnissen kommend, Rollen spielte, hochstapelte, in Zuchthäusern saß, dem scheinbar eine Affinität zum Alten in seine Biografie geschrieben war, der in zweiter Ehe übrigens eine Dessauerin ehelichte. Einige frühe May-Erzählungen wurden in ein "Deutsches Familienblatt. Wochenschrift für Geist und Gemüth zur Unterhaltung für Jedermann" veröffentlicht. Der Name des Blattes sagt vieles zum Stück, welches vor allem der Humoreske "Ein Fürst-Marschall als Bäcker" folgt und weitgehend den Originalton beibehält. Nun sind es drei Paare, die, verschiedene Grenzen überschreitend, heiraten wollen. Und das Persönliche vermäht sich mit dem Konflikt zwischen Anhalt und Hannover, zwischen den Werbern, die gern auf fremdem Terrain Rekruten fischen, was man in verkehrter Richtung heftig drohend zu tadeln weiß.
In der ersten Halbzeit gibt es einen Reigen der Dialoge voller Schlack- und Hanswursteleien, bestimmt durch den Fürst, der seine Regeln bauernschlau durchsteckt und auch die Orthographie nach seinem Geschmack begrapscht. So wird ein "feiger Leutnant" bei Trennung des Zwielauts zu einem lobenswerten Mann. In Halbzeit zwei folgen derbe bis sehr dicke Sauf- und Prügelszenen, in denen vor allem Hans-Jürgen Müller Hohensee als Wirt und sein fürstlicher Wanderbäcker Thiele so richtig auf Tisch und Ranzen hauen.
Kammerspiel wird Revue
Die Bühne schlägt die Kupfer auf. Der Fürst reist inkognito. Die Bräute kämpfen mit weiblichen Waffen. Der Oberstleutnant agiert edelmännisch. Auch der Feldwebel liebt Mummenschanz und Dialekt. Der Dirigent der Regimentskapelle mimt eine vom Seil gesprungene Marionette. Und den Prinzen von Hannover, den spielt Thorsten Köhler. Sind es der Regen, die Schirme oder fährt die Geschichte nun auf, wie das Gemisch aus Sauerteig und Hefe? Das derbe Kammerspiel wird zur Revue für alle, mit Turnern, Tänzerinnen und einem kleinem Haken im Happyend. Denn dem Marschbefehl des Fürsten - geht es nach Kesselsdorf, auf das Feld der 20 000 Gräber? - verweigert sich die nun allseits verlobte Meute mit dem Verweis, das Karl-Theodor zu Guttenberg die Wehrpflicht abgesetzt habe. Wieder ein Fall für die Humoreske. Links, Zwo, Drei: Oder ziehen nur noch die Prozessionsspinner im Gänsemarsch auf Nahrungssuche. "So leben wir…" Und wehe, einer bläst die Pausen nicht mit. Es bleibt heiter, auch wenn der Himmel Wolken führt.

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