Das Leben der Anderen

Schauspiel von Florian Henckel von Donnersmarck
in einer Bühnenversion von Albert Ostermaier

Hauptmann Gerd Wiesler überwachte einst auf einem leeren Dachboden den Schriftsteller Georg Dreyman und dessen Frau Christa Sieland, erste Schauspielerin der DDR. Doch was als Jagd auf die Feinde des Sozialismus begann, entpuppte sich für Wiesler als böses Spiel eines Ministers, der eine Schauspielerin begehrte. Wiesler geriet zwischen die Fronten seiner eigenen Gefühle. Des »Abhörers« Liebe zum Kommunismus wurde von bisher ungekannten Gefühlen verdrängt. Die Schauspielerin entkam scheinbar dem System von Abhängigkeit, Verrat und Bespitzelung, doch zurück blieben drei betrogene Betrüger, drei sehr einsame Männer. - alle kreisen, ob tot oder lebendig, noch immer umeinander!

Albert Ostermaiers Bühnenfassung ist nicht der Film, ist keine Verpflanzung des Kinos auf die Bühne. es ist ein wortreiches Abhörspiel, in dem die Zweifel und Überzeugungen, Gefühle und Abgründe von vier Menschen noch einmal hörbar werden. und noch immer sind weder Erlösung noch Vergessen in Sicht.
Tod und Liebe sind die Motive, die sich durch dieses Leben, das Denken, Handeln von Anderen und uns so ähnlichen Menschen zog und zieht; Liebe und Tod heißen die Klammern um eine Ge- schichte von vier Menschen, die Opfer und Täter sind, als Teil eines Systems und diesem zugleich gnadenlos ausgeliefert.

Inszenierung David Ortmann
Ausstattung Nicole Bergmann
Dramaturgie Holger Kuhla
Christa-Maria Sieland, Schauspielerin Eva Marianne Berger
Gerd Wiesler, Stasi-Hauptmann Gerald Fiedler
Georg Dreyman, Theaterschriftsteller Karl Thiele
Bruno Hempf, Kulturminister Hans-Jürgen Müller-Hohensee

PRESSESTIMMEN

Helmut Rohm, Volksstimme, 22.03.2011

Anhaltisches Theater Dessau zeigt "Das Leben der Anderen"
Ostermaiers Bühnenfassung schreibt Filmgeschichte fort
Ist es ein Wagnis oder vielleicht ein Experiment, "Das Leben der Anderen", diese unter gleichem Titel erfolgreich verfilmte Stasi-Geschichte als Theaterstück aufzuführen? Der junge Regisseur David Ortmann hat die Schauspielfassung dieses Stoffes von Florian Henckel von Donnersmarck in der Bearbeitung von Albert Ostermaier auf die Studiobühne des Anhaltischen Theaters Dessau gebracht. Zustande gekommen ist keine Filmnacherzählung, obwohl ausgewählte Protagonisten handelnde Personen sind. Ebenso wenig ist das Stück eine historische Stasi-Aufarbeitung, keine Typisierung im Sinne von: So waren die Stasi und die von ihr Gepeinigten. Mehr ein psychologisch geprägtes Hineinhören in die Köpfe von Personen, die mehr oder weniger, gewollt oder gezwungenermaßen, auf dieser oder jener Seite des Geschehens in dieses gesellschaftliche Beziehungsgeflecht eingebunden worden sind.
Das von der Ausstatterin Nicole Bergmann geschaffene Bühnenbild zwingt zur Konzentration auf die Inhalte. Handlungen im Sinne von Aktion sind kaum zu erleben. Nur hin und wieder werden Dialoge angedeutet.
In drei symbolhaft nebeneinander angeordneten gleichgroßen containerartigen Kabinen erlebt der Zuschauer den abhörenden Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (Gerald Fiedler), den abgehörten Theaterschriftsteller Georg Dreyman (Karl Thiele) und den liebestollen und gleichsam gefühlskalten machtausnutzenden Kulturminister der Republik, Bruno Hempf (Hans-Jürgen Müller-Hohensee). Diese drei so ganz unterschiedlichen Personen eint gewissermaßen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, die schicksalshafte Liebe zu einer Frau, der Schauspielerin Christa-Maria Sieland (Eva Marianne Berger). Sie ist Lebensgefährtin des Dichters.

Lebensgeschichten in Monologen

Wieder symbolisch agiert sie räumlich positioniert über den drei Männern, hat aber weder Macht oder Einfluss auf sie, ist mehr deren "Spielball". Dieses ungewollte Los, auch der erzwungene Verrat an ihrem Gefährten Dreyman, erfährt durch Eva Marianne Berger Glaubwürdigkeit.
Die drei Männer erzählen in oft abrupt wechselnden Monologen ihre Lebensgeschichte. So entwickelt sich keine in sich geschlossene Handlung. Dem Zuschauer bieten sich jedoch teils bruchstückhafte Einblicke in Beweggründe für Denken und Tun. Das Kennen des Filmes ist dabei unter Umständen vorteilhaft.

Selbstzweifel eines Stasi-Offiziers

Der linientreue, in Befehlsausführung und auch mit strammer Körperhaltung agierende Stasi-Offizier beginnt nachzudenken. Gerald Fiedler gestaltet diesen mit vielen Selbstzweifeln und Gewissensnöten gesäten Weg ebenso nachvollziehbar wie seine wohl mehr platonisch geprägte Liebe zur Schauspielerin. Sie hat er ebenfalls abgehört, zum Verrat eher getrieben als überzeugt. Er möchte wiedergutmachen, lässt die belastende Schreibmaschine aus Dreymans Wohnung verschwinden. Und – findet sich dann abgemahnt im Brieföffungskontrollkeller der Stasi wieder. Dreyman weiß von dem Techtelmechtel seiner Frau mit dem Minister, leidet zwar darunter, nimmt es hin, wie auch den erzwungenen Selbstmord seines Verlegers. Karl Thiele lebt diese passive Toleranz in seiner Rollenführung stimmig aus. Hans-Jürgen Müller-Hohensee zeichnet einen Minister, über den der Zuschauer lachen kann, wenn er "meine Christa" im fiktiven Dialog anhimmelt, er mit dem Liebes-Hotelzimmer-Kopfkissen erotische Anwandlungen vollführt. Doch der Atem stockt: Von jetzt auf sofort befiehlt er mit einem kurzen Telefonanruf Verbrechen, hin bis zum Töten. Auch Christa-Maria Sieland wird in den Tod getrieben. Autor Albert Ostermaier schreibt zum Abschluss seiner Fassung gewissermaßen den Film fort. Es ist 2009. Der Stasi-Hauptmann ist bei der Polizei, unauffällig, Dienst nach Vorschrift. Autor Dreyman wird erstaunlichwerweise sehr aktiv, weil er nicht mehr verlegt wird. Sein Ausweg ist der Suizid. Und der bislang zynische Minister? Er ist der Gewinner, ist obenauf. Er hat sich rechtzeitig gesundgestoßen. Und ein zweites Standbein…
Alles in allem eine gelungene Inszenierung mit Anspruch an ein mitdenkendes Publikum.

Hans-Dieter Schütt, Neues Deutschland, 14.03.2011

Abhörer, Aufhörer

Wer den Film »Das Leben der Anderen« nicht an sich heranlassen wollte, hatte leichtes Spiel: Er brauchte bloß die unrealistisch-brutale Sexualgier eines DDR-Kulturministers auf eine Schauspielerin als eindeutig unrealistisch zu geißeln.

Nur geht es hier so wenig um »Realismus«, wie es bei Shakespeare um Realismus ging, als er den beliebten Richard III. zum Mord-Monster machte. Es geht um die Metapher der Anmaßung, die »Ich« meint, aber »Idee« sagt, die von der »großen Sache« spricht, aber damit nur niederste Egozentrik umtüncht. Und mit Hilfe der Stasi tückisch ans Ziel kommt. »Zersetzungs«-Perfektion, ein Schandstück. Schlimm, wer ein Schicksal hat, schlimmer, wer Schicksal spielt. Todernst.

Große Kunst, wie Ulrich Mühe im Film den Verhörer Wiesler spielte, der zum Aufhörer wird. Das Drama von Florian Henckel von Donnersmarck erfuhr nun seine Bühnen-Uraufführung im Anhaltischen Theater Dessau, Regie: David Ortmann, Bühne: Nicole Bergmann. Die Fassung erarbeitete Albert Ostermaier, dieser starke Dichter eines sehnigen Bewusstseins für modern-archaische Tragik. Der Melville unter den Poten. Ein Schubert-Melodiker mit Digital-Gemüt. Hier verfügte, verfugte er Kleist und Brecht, versuchte, die DDR-Konkretheit aufzuheben im Allegorischen von Liebe und Tod, Abhängigkeit und Macht – es wurde ein sprunghaftes, elementarteilchenhaftes, Intensität nur mühsam aufbauendes Konstrukt sich ineinander hakender Monologfetzen, das wohl die Filmkenntnis voraussetzt. Darin eines nicht wirklich deutlich wird: wie die Abhör-Obsession des Stasi-Offiziers umgelenkt wird zur fiesen Privatarbeit für den liebeserpresserischen Minister. Jeder Idealismus endet im Schmerz solchen Missbrauchs; Katholizismus. Auch in der SED.

Die Bühne: drei Zellen. Wieslers Dachboden-Abhörkammer; die Wohnung des Schriftstelles Dreymann (Karl Thiele: einfühlsam die scheue Tapferkeit als Gejagter); dann das Liebes»lauben«-Hotel-zimmer des neurotisch in Kissen wühlenden Ministers (Hans-Jürgen Müller-Hohensee: derb, dumpf, laut). Über allen, oben, steht, duscht bibbernd, stürzt nieder: die Schauspielerin (Eva Marianne Berger: eine erstarrt Zerriebene).

Überzeugend Gerald Fiedler als Wiesler. Hände und Sinne an der Hosennaht. Er lenkt gefährliche Biederkeit unmerklich um ins Bemitleidenswerte. Ein Stasi-Schnüffler als tragische Gestalt, der über seine Ein-Dringlichkeit in fremdes Leben existenziell erzittert, der seinen unbarmherzigen Idealismus der Feindkontrolle noch eine Weile diszipliniert über erste Seelenrisse retten kann. Ehe er dann doch erschüttert zusammenbricht, wieder Mensch wird und als einstiger Herr über Andere in der Nichtigkeit endet, die ans Herz geht. Er hat die Gabe des »Gehörs«, vergisst nicht, was ihm zu Ohren kam. Am Anfang ist das stolzeste Talentpose, am Ende bittere Einflüsterung des plagenden Gewissens. Starker Moment, Botschaft einer Kreatur: Du wirst eingeholt werden von deiner Schuld.

Andreas Montag, Mitteldeutsche Zeitung, 14.03.2011

Historienspiel um Schuld und Sühne

Drei Dinge muss man hervorheben an diesem Theaterabend im Studio des Alten Theaters in Dessau-Roßlau: Die Idee, den Filmstoff des Kinoerfolgs von Florian von Henkel von Donnersmarck in der Bearbeitung Albert Ostermaiers auf die Bühne zu bringen. Der junge Regisseur David Ortmann hat es gewagt.

Eingesperrt in Obsessionen

Ferner verdient die Bühne (Ausstattung: Nicole Bergmann) selber Lob, die "Das Leben der Anderen" in drei aneinander grenzenden, zellenartigen Räume zeigt. Dort agieren die drei männlichen Protagonisten eingesperrt in ihre Obsessionen und Ängste, während die Frau, die sie alle drei begehren und nicht wirklich erreichen, ihre Bühne über den Köpfen der Männer hat. Und drittens ist die Konzentration, mit der das kleine Ensemble zu Werke geht, aller Ehren wert. Das tut dem DDR-Historienspiel um Schuld und Sühne gut, so sperrig sich die Puzzleteile, in die Autor Ostermaier und Regisseur Ortmann die Filmgeschichte zerlegt haben, zusammenfügen wollen.

Dabei ist die dramaturgische Klammer, die Handlung und Figuren verbindet, eigentlich schlüssig. Sowohl der Stasi-"Horchposten" Wiesler (Gerald Fiedler), der den Schriftsteller Dreyman (Karl Thiele) und dessen Gefährtin, die Schauspielerin Christa-Maria Sieland (Eva Marianne Berger), belauscht, als auch Dreyman selber und der Kulturminister Hempf (Hans-Jürgen Müller-Hohensee) sind fasziniert von der Frau, für deren seelische Not sich keiner von ihnen interessiert - und an der sie schließlich zugrunde geht.

Dreyman, der erfolgreiche, aber vom Staat wegen seiner kritischen Nachfragen misstrauisch beobachtete Autor, gibt sich tolerant, obwohl ihn die Eifersucht treibt. Wiesler, der Täter und zugleich Opfer seines unmoralischen Schnüffeljobs ist, sehnt sich nach zärtlicher Nähe - und begreift nicht einmal die Absurdität seiner Träume. Hempf schließlich, der erbärmliche Spitzengenosse und Oberschurke, macht die angstkranke, medikamentensüchtige Schauspielerin zu seiner Prostituierten. Und fabuliert sich ihre Liebe herbei.

Böser Befund

Auf diesen Konflikt um die verzweifelte Frau spitzt sich das Drama zu. Allein: Die Figuren agieren jede für sich, so will es die Konstruktion. Aber sie müssten dann eben auch noch schärfer als Teile einer Maschinerie kenntlich sein, noch präziser hervortreten. Dreysam zumal hat hier bis zum Tod seiner Gefährtin nahezu nichts zu sagen, ein Schwächling meint man, dessen wütende Verzweiflung 20 Jahre danach, also heute, deshalb kaum glaubhaft erscheint.

Am Ende wird der zynische Ex-Minister der Gewinner sein, das Leben der Anderen" ist zerstört. Man kann (und soll) das als bösen Befund über das Startkapital der Demokratie im Osten sehen. Wenn es nur mit ein bisschen mehr Schmackes vorgetragen worden wäre...

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