Cosi fan tutte

Opera buffa in zwei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart

Können Frauen treu sein? Don Alfonso, ein Philosoph, behauptet Nein. Die beiden Offiziere Fernando und Guglielmo meinen Ja und lassen auf ihre beiden Bräute Dorabella und Fiordiligi in dieser Hinsicht nichts kommen. Schließlich wettet Alfonso mit den beiden, dass es ihm gelingen würde, sie von der Richtigkeit seiner Theorie zu überzeugen. Unter der Regie des Philosophen und mit tätiger Mithilfe des Kammermädchens Despina entwickelt sich folgende Versuchsanordnung: Die Offiziere verabschieden sich zunächst von ihren Bräuten, weil sie angeblich in den Krieg ziehen müssen. Dann kehren sie unkenntlich verkleidet zurück und stellen die Treue ihrer Angebeteten auf die Probe, und zwar jeder die Verlobte des anderen. Beide Frauen werden irgendwann schwach, und nach nicht einmal 24 Stunden kann Alfonso triumphieren. Er hat es schon immer gewusst: »So machen’s alle« – »così fan tutte«! Doch ganz so einfach lassen sich die Ereignisse dieses tollen Tages nicht resümieren. Er war vielmehr, wie der zweite Titel der Oper besagt, »La scola degli amanti« – »Die Schule der Liebenden« – beiderlei Geschlechts.

Mozarts dritte Oper auf einen Text Lorenzo da Pontes gelangte 1790 in Wien zur erfolgreichen Uraufführung, konnte sich aber nicht wie »Le nozze di Figaro« und »Don Giovanni« im Repertoire durchsetzen. Insbesondere das 19. Jahrhundert tat sich schwer mit dem »leichtfertigen« und »frivolen« Stoff und empfand das Libretto als »unglaubhaft«, »geistlos« und »impertinent«. Abenteuerliche Bearbeitungen verkannten die feine Doppelbödigkeit dieser »Seelenkomödie« und degradierten sie zum possenhaften Singspiel. Erst Richard Strauss setzte sich nachdrücklich für das Werk in seiner Originalgestalt ein. »Diese Oper irisiert, wie eine herrliche Seifenblase, in den Farben der Buffonerie, der Parodistik, des echten und des geheuchelten Gefühls. Aber dazu kommt noch die Farbe der reinen Schönheit«. [Alfred Einstein]

Musikalische Leitung Daniel Carlberg
Inszenierung Florian Lutz
Ausstattung Joki Tewes / Jana Findeklee
Dramaturgie Heribert Germeshausen

Fiordiligi Angelina Ruzzafante / Susan Gouthro (25.06., 03.07.)
Dorabella Ulrike Mayer
Ferrando Oscar de la Torre / Artjom Korotkov
Guglielmo Ulf Paulsen
Despina Sharleen Joynt / Cornelia Marschall
Alfonso Kyung-Il Ko

PRESSESTIMMEN

Uwe Friedrich, SWR 2 Journal am Morgen, 27. Juni 2011

Um die Demütigung der Frauen geht es vor allem in dieser Schule der Liebenden, von der im Untertitel von Mozarts „Così fan tutte“ die Rede ist. Sie werden von ihren Männern mittels einer Treueprobe hinters Licht geführt und erniedrigt, nicht ernst genommen und letztlich zerstört. Aber auch die Männer gehen nicht unbeschädigt aus der Versuchsanordnung des vermeintlichen Aufklärers Don Alfonso hervor. Das Vertrauen in die Geliebten ist zerstört, ihre eigenen Gefühle, auch ihr Selbstvertrauen haben irreparabel Schaden genommen. „Così fan tutte“ ist keine Komödie, oder zumindest nicht nur. Wenn Fiordiligi und Dorabella im zweiten Akt doch schwach werden, wenn Ferrando und Guglielmo ihren vermeintlichen Triumph noch auskosten, zeigt sich, ob ein Regisseur die dramatische Fallhöhe und emotionale Tiefe erreichen kann, die für diese Oper so ungeheuer wichtig. Und Florian Lutz kann. Er hat sich von Joki Tewes und Jana Findeklee ein bühnenhohes Labyrinth aus engen Wohnwaben bauen lassen, durch Klappen und Leitern verbunden. So eng und niedrig, dass Dorabella ohne Problem das Ohr an die Zimmerdecke pressen kann, wenn sie die Männer belauschen will, die offenbar irgendetwas aushecken. Die kleinen Wohnräume sind ruckzuck überfüllt und bieten kaum Platz für die übergroßen Gefühle, mit denen die Personen allesamt klarkommen müssen.
Der Dirigent Daniel Carlberg leitet die Aufführung vom Hammerklavier, das er auch während der Arien spielt, wie es von Mozart notiert ist. Ein bißchen flotter hätte es dabei schon zugehen dürfen, vor allem im zweiten Akt könnten auch die Sänger etwas mehr Geschwindigkeit gut vertragen. Besonders angenehm bleibt der Bariton Ulf Paulsen als drahtiger Guglielmo in Erinnerung, auch Ulrike Mayer überzeugt als leicht trutschige Dorabella. Bewundernswert souverän hat sich die kurzfristig eingesprungene Susan Gouthro in diese Kletterinszenierung geworfen. Denn das gesamte Ensemble ist sportlich extrem gefordert auf der vertikalen Simultanbühne. Der Regisseur Florian Lutz führt sie in wilder Jagd treppauf, leiterab, durch Türen und über Stege. Die sechs Personen sind fast immer anwesend, sehr einfallsreich werden die Geschichten der einen stumm weitererzählt, während die anderen singen. Dorabella strickt unermüdlich an einem überlangen Schal, Fiordiligi langweilt sich, während die Männer trinken und planen. Später winden sich die Männer in Gewissenqualen, während die Frauen die gerade entdeckten Lüste genießen. Das erste Finale wird beinahe zur Orgie, aber nur beinahe. Im zweiten Akt tummeln sich die vertauschten Liebespaare gleich dutzendweise auf der Bühne. Ein bißchen weniger Kletterei hätte der Konzentration sicher gut getan, entscheidend aber ist, dass es Florian Lutz gelingt, die Schlüsselmomente als unerhörte Begebenheiten herauszumeißeln. Fiordiligis verhängnisvollen Entschluss, sich doch den Verführungen Ferrandos hinzugeben, das Umschlagen von Guglielmos Triumph in Eifersucht, vor allem aber die zerstörerische Wucht des Liebesexperiments werden deutlich gezeigt. Zum Schluss jagen die Frauen ihre Männer in die Flucht und genießen ihre neue Freiheit. Die höchst unmoralische Oper „Così fan tutte“ mit der von Mozart geschriebenen Versöhnung der Paare auf die Bühne zu bringen, wäre glaubwürdig auch kaum hinzukriegen.

Helmut Rohm, Volksstimme, 28.6.2011

Mozart-Oper "Cosi fan tutte" wird am Anhaltischen Theater bejubelt

Verwirrspiel um Liebe und Treue: Machen es alle so? Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man die Mozart’sche Musik zu "Cosi fan tutte" ausführlich beschreiben. Sie ist, salopp formuliert, eine bekannte "Hammermusik": farbig, kurzweilig und stimmig zur Handlung, eben einfach schön anzuhören. Auch in Dessau – wo Dirigent Daniel Carlberg zur Premiere am Sonnabend selbst hin und wieder ebenfalls ein Hammerklavier "bediente". Regisseur Florian Lutz verlegt die ursprünglich in Neapel des 18. Jahrhunderts angelegte Geschichte ins Heute. Mehr wird nicht konkretisiert. Das ist durchaus machbar, zudem gelungen: mit Augenzwinkern und in der Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Satire.
Es sind die Kernthemen wie Liebe, Treue und Untreue, Lügen und Wahrheit, Standhaftigkeit und Verführbarkeit, Moral und Unmoral ... – die, glaubt man den bunten Blättern, heute bei den Reichen und Schönen fast alltäglich und bei den "normalen" Menschen nicht so bekannt gemacht, aber dennoch ebenso präsent sind.
Florian Lutz, seine Kostüm- und Bühnenbildnerinnen Joki Tewes und Jana Findeklee (auch Video) präsentieren die sechs Protagonisten, meist ständig in sichtbarer Aktion, in einer Setzkasten- oder Labyrinth-ähnlichen Konstruktion. Die vielen teils kleinen Türchen, Klappen, Bodendeckel und Leitern sind von den Personen zu durchkriechen, nicht selten kaskadenähnlich. Gewollte optische Verwirrung wohl – das passt zu den Handlungssträngen.
Da sind die beiden Herren Guglielmo (Ulf Paulsen) und Ferrando (Oscar de la Torre), die der Treue ihrer beiden Verlobten total sicher sind. Beide, stimmstark und überzeugend im Spiel, bekunden das aus tiefsten Herzen. Ihre beiden Verlobten, die Schwestern Dorabella (Ulrike Mayer) und Fiordiligi (Susan Gouthro aus Kiel vertritt in zwei Vorstellungen die verletzte Angelina Ruzzafante), glauben andersherum auch an ewige Treue. In schönen, gefühlvoll gesungenen Arien und mehr sprudelnden Duetten verkünden sie mit großen Worten Standhaftigkeit. Ob es dennoch schon ein wenig kriselt in den Beziehungen, könnte man dem etwas lethargisch anmutenden Tun der beiden Frauen entnehmen. Oder auch nicht? Hat das vielleicht das Drama befördert? Sie sind jedenfalls, wenn auch mehr oder weniger zögerlich, später zu amourösen Abenteuern bereit.
Don Alfonso (Kyung-Il Ko), ein smarter Typ, Freund (?) der beiden Männer, wohl mehr zynisch, schadenfroh und hinterhältig, "hetzt" diese auf, die Treue ihrer Geliebten zu "testen", fordert sie zu einer Wette heraus. Er bedient sich dabei der Unterstützung der Haushälterin Despina, die von Sharleen Joynt ungemein kokett, intrigant und durchtrieben, jedoch auch "lebenspraktisch" verkörpert wird.
Die Männer ziehen pro forma in den Krieg, kommen als verkleidete "Liebeshungrige" zurück und buhlen "über Kreuz" um die Liebe der Frauen – um zu beweisen, dass diese allen Anfeindungen widerstehen.
Ulf Paulsen und Oscar de la Torre leben die hinterhältigen Einfälle von Don Alfonso sowie deren teils kurzweilig aktionsreiche Umsetzungen von Florian Lutz – unter anderem mit urwaldähnlichem Garten mit Eingeborenen – voll aus. Für das Publikum ist das ungemein unterhaltsam, obwohl es eigentlich nicht richtig zum Lachen ist, wenn Menschen so manipuliert werden. Sei es, wie es sei. Die beiden Frauen werden schließlich weich, sinken in wahrsten Sinne des Wortes hin. Kurz vor der inszenierten Ehe lässt Don Alfonso die Story platzen. Dass allerdings die "alten" Paare wieder zusammenfinden, mag überraschen.
Doch was soll es: "So machen es alle (Frauen)", heißt es ja im originalen Operntitel.
Gut zehn Minuten stürmisch anhaltenden Beifall gibt es vom Publikum im jedoch nicht ausverkauften Großen Haus des Anhaltischen Theaters für die auf italienisch mit Obertiteln gezeigte Oper.

Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 27.06.2011

Sturmbahn der großen Gefühle

Die Zimmer dieser vertikalen Wohngemeinschaft erinnern an ein berühmtes Computerspiel: Wie Tetris-Steine, die sich trotz perfekter Sortierung nicht auflösen wollen, stapeln und verschachteln sich die Etagen im Haus der Paare. Luken und Leitern verbinden die Module, man muss sich bücken oder strecken, um die nächste Ebene zu erreichen - und landet am Ende doch immer wieder auf dem Boden der Tatsachen. Ein schönes Bild liefert diese Architektur für das größte aller Gefühle, das hier auf die Probe gestellt wird. Denn auch die Liebe ist ja eine Erfahrung in schwindelerregenden Höhen und vor gefährlichen Abgründen.

Lager für Extremsänger

Dass man dieses kostbare Gut nicht mutwillig aufs Spiel setzen sollte, hat Wolfgang Amadeus Mozart schon vor 221 Jahren gewusst. Am Anhaltischen Theater Dessau setzt nun der junge Regisseur Florian Lutz die Oper "Così fan tutte" in Szene - und verwandelt sie mit seinen Ausstatterinnen Joki Tewes und Jana Findeklee in ein Trainingslager für Extremsänger. Nur wer es schafft, Spitzenton und Spitzensport zu verbinden, kann auf dieser Sturmbahn bestehen. Dass die hoch aufragende Sprossenwand bei allzu extremen Übungen allerdings hörbar quietscht, trübt den Musikgenuss in den vorderen Reihen denn doch erheblich.

Aus größerer Distanz hingegen kann man (spätestens nach der Pause) die Möglichkeiten dieser Simultanbühne durchaus genießen. Da lassen sich Verrat und Treue zeitgleich zeigen, da kann das Seufzen der standhaften Fiordiligi direkt in das lustvolle Stöhnen ihrer verführten Schwester Dorabella übergehen. Und da kann man schließlich mit Chor-Doppelgängern ein Panorama arrangieren, das dem betrogenen Ferrando den Triumph seines Freundes Gugliemo als Alptraum vor Augen führt.

Wenn man aber all diese vielen Einfälle vom Sauna-Aufguss bis zum exotischen Maskenball, vom Step-Trainer bis zum Defibrillator in der Leistengegend abzieht, bleibt am Ende eine konventionelle Lesart der alten Geschichte. Denn bei aller Hektik verwischen die Konturen der Figuren, sie rennen vor sich selbst davon oder laufen sich hinterher. Warum die Frauen den gleichen Fehler aus sehr verschiedenen Gründen begehen, wird letztlich ebenso wenig klar wie die Motivation der Männer für ihre Treuewette. Denn schon vor ihrer vermeintlichen Abreise haben die Paare derart gleichgültig nebeneinander hingelebt, dass der Betrug nur eine Frage der Zeit zu sein schien.

Spiel und Verführung

Musikalisch und darstellerisch bleibt es dennoch ein hörens- und sehenswerter Abend: Susan Gouthro merkt man in keiner Sekunde an, dass sie im letzter Moment als Fiordiligi eingesprungen ist, in ihrer großen Sehnsuchtsarie singt sie das Tollhaus sogar zur Ruhe. Ulrike Mayer hingegen geht als Dorabella mit großer Lust am Spiel und an der - auch vokalen - Verführung zu Werke, was es Ulf Paulsen als selbstironisch und stimmstark auftrumpfender Gugliemo nicht nur im Duett leicht macht.

Oskar de la Torre schließlich trägt als Ferrando das Herz auf der Zunge und droht nur am Ende kurz, sich daran zu verschlucken. Und während Kyung-Il Kos Don Alfonso ein dunkler, intellektueller Verführer ist, lebt Sharleen Joynts hinreißende Despina den Leichtsinn vor: Obwohl sie unübersehbar schwanger ist, kann sie verbotenen Genüssen auch weiterhin nicht widerstehen und singt das Loblied des Seitensprungs in höchsten Tönen. Getragen werden sie alle dabei von der Anhaltischen Philharmonie, die unter Daniel Carlbergs Leitung auch im Zusammenspiel mit dem Chor (Einstudierung: Helmut Sonne) eine elastische und transparente Klangrede entwickelt, der nur das Blech manchmal hörbar widerspricht. Am Ende freilich jubelt man unterschiedslos allen zu. Und zurück bleibt ein leerer Setzkasten, in dem - anders als im Leben - jedes Teil zum anderen passt.

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