Chowanschtschina

Musikalisches Volksdrama in fünf Akten
von Modest Mussorgski

IN KOOPERATION MIT DEM DEUTSCHEN NATIONALTHEATER WEIMAR
INFORMATIONEN ÜBER DIE INSZENIERUNG IN WEIMAR

Auch die nach »Boris Godunow« entstandene zweite Oper des genialen russischen Komponisten Modest Mussorgski ist ein »musikalisches Volksdrama«. Wieder versenkt sich Mussorgski tief in die Geschichte seines Volkes. »Das Vergangene im Gegenwärtigen – das ist meine Aufgabe«, schrieb er 1872, als er mit der Arbeit begann, die ihn bis zu seinem Tode 1881 beschäftigte. Er hinterließ ein bis auf zwei Szenen in allen Einzelheiten ausgeführtes Werk – allerdings nur als Klavierauszug; die Instrumentation war noch nicht begonnen.

Vorbericht MDR Figaro, 7.5.2011, Bettina Volksdorf
5 HÖRBEISPIELE
Szene „Vater, Vater komm zu uns“, Opernchor des Anhaltischen Theaters Dessau
Szene Dossifej „Hier an dieser heiligen Stätte“,Pavel Shmulevich
Szene Emma und Andrej Chowanski „Lasst mich“, Angelina Ruzzafante und Sergey Drobyshevskiy
Szene Iwan Chowanski „Kinder, meine Kinder“, Alexey Antonov und Opernchor und Kinderchor des Anhaltisches Theaters Dessau und Opernchor des Deutschen Nationaltheaters Weimar
Szene der Marfa „Still und rein ist es in den Lüften“, Anna Peshes

Mussorgskis Freund Nikolai Rimski-Korsakow erarbeitete eine aufführungsreife Fassung. Diese entstellte zwar das Werk, machte es aber in der ganzen Welt bekannt. Auf Mussorgskis Original basiert Dmitri Schostakowitschs Neufassung, die 1960 in Leningrad zum ersten Mal erklang.

»Chowanschtschina!«, soll der noch unmündige Zar Peter ausgerufen haben, als er von den Machtbestrebungen des Strelizenfürsten Chowanski hörte, zu Deutsch: »Chowanski-Schweinerei!«. Die unruhigen Jahre zwischen 1682 und dem endgültigen Machtantritt Peters I. 1689, mit all ihren religiösen und politischen Kämpfen, wurden von Mussorgski zu einer dichten Bilderfolge zusammengedrängt: die Machtansprüche der gewalttätigen Strelizen unter der Führung Chowanskis, die altgläubigen Glaubenseiferer um Dossifej, der aufgeklärte aber abergläubische Fürst Golizyn und das ausgehungerte und verelendete Volk. Mussorgski: »Solange das Volk nicht mit eigenen Augen nachprüfen kann, was man aus ihm zusammenbraut, solange es nicht selbst den Willen hat, dass dieses oder jenes aus ihm zusammengebraut werde – so lange bleibt es auf dem gleichen Fleck stehen! Allerlei Wohltäter und Volksbeglücker verstehen es geschickt, Ruhm einzuheimsen und ihre Berühmtheit noch dokumentarisch zu besiegeln; das gemeine Volk aber stöhnt, und um nicht zu stöhnen, besäuft es sich und stöhnt nur noch mehr: Wir sind am gleichen Fleck stehengeblieben!«

Musikalische Leitung Antony Hermus
Inszenierung Andrea Moses
Ausstattung Christian Wiehle
Dramaturgie Thomas Wieck / Moritz Lobeck
Video Niklas Ritter
Choreinstudierung Helmut Sonne / Markus Oppeneiger
Kinderchoreinstudierung Dorislava Kuntscheva

Iwan Chowanski Alexey Antonov
Andrej Chowanski Sergey Drobyshevskiy
Dossifej Pavel Shmulevich
Wassily Golizyn Angus Wood
Schaklowity Ulf Paulsen
Marfa Anna Peshes
Schreiber Frieder Aurich
Emma Angelina Ruzzafante
Susanna KS Iordanka Derilova
Kuska Streschnew David Ameln
Warsonowew Adam Fenger / Christian Most
1. Strelitze Pawel Tomczak / Jerzy Dudicz
2. Strelitze Cezary Rotkiewicz / Tomasz Czirnia

PRESSESTIMMEN

Boris Kehrmann, Opernwelt, Juli 2011

Bären zähmen

Das Anhaltische Theater Dessau wagt sich mit zwei Kooperationspartnern an Mussorgskys "Chowanschtschina“ - und siegt

… “Dass und wie bravourös das Anhaltische Theater Dessau diese Herausforderung - noch dazu in der Originalsprache – bewältigt, gebietet allein schon Anerkennung. Es hat sich dafür mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar, das seinen Chor beisteuerte, und mit der Staatsoper Stuttgart zusammengetan, die sich wie Weimar an der Herstellung der Ausstattung beteiligte. An beide Häuser wird die ambitionierte Abschiedsinszenierung der nach Stuttgart wechselnden Dessauer Oberspielleiterin Andrea Moses weiterreisen. Den Chören zuzüglich des Kinderchors des Anhaltischen Theaters gebührt das erste Lob. Sie entwickelten beeindruckende Klanggewalt, nicht zuletzt in der erschütternden Selbstverbrennungsszene, als eine schier endlose Menge aus dem Parkett auf die leere Bühne strömte - ein Überwältigungseffekt par excellence. Nahezu uneingeschränkte Bewunderung erregten die drei urwüchsigen Bässe und der Heldentenor, die das Haus in den männlichen Hauptpartien aufzubieten hatte“ …

Bernhard Doppler, dradio „Fazit“ vom 07.05.11

[AUDIO]

Hartmut Leske, Oper und Tanz, Mai/Juni 2011

Chor-Kooperation in Dessau
Zusammenarbeit der Opernchöre Weimar und Dessau

Für den Chor des Anhaltischen Theaters Dessau ist es eine neue Erfahrung, mit einem zweiten professionellen Opernchor gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Wie es ist, in einem Chor mit einer Stärke von 80 oder mehr Sängern zu singen, erleben Opernchöre großer Theater täglich - für uns aber war es ein neues Gefühl.

Leider sind in dieser Inszenierung die beiden Chöre mit unterschiedlichen Aufgaben betraut. Während der Opernchor des Deutschen Nationaltheaters Weimar als Moskauer Volk im 1. Akt dominiert, steht unser Dessauer Opernchor im 3. Akt als „Strelitzen" im Vordergrund. Lediglich im 5. Akt kommt es zu einer Verschmelzung beider Klangkörper. Aus dieser Einteilung ergab sich, dass neben der getrennten musikalischen Einstudierung zum großen Teil auch getrennte Bühnenproben durchgeführt wurden. Die Weimarer Kollegen hatten bereits zu Hause erste Bühnenproben absolviert. In Vorbereitung auf dieses große Werk mussten sie dann zirka vier Wochen lang getrennt von ihren Familien in Dessau Quartier beziehen. Zwischendurch - an den probenfreien Tagen und Wochenenden - hatten sie außerdem in Weimar den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Die Unterbringung in zum Teil spärlich möblierten Mehrbettzimmern, häufige An-und Abreisen per Bus und Probleme bei der privaten Organisation im familiären Bereich: Die Belastung der Weimarer Opernchorsänger war enorm. Allein aus diesem Grund lassen sich solche durchaus interessanten Projekte sicher nicht allzu oft wiederholen.

Neben der Zusammenarbeit mit dem Weimarer Opernchor gab es für uns ein Wiedersehen mit unserem ehemaligen Chordirektor Markus Oppeneiger, der als derzeitiger Chordirektor den Weimarer Opernchor leitet. Die Leitungs-Funktion des "Chowanschtschina"-Projekts hatte - gemäß der im Vorfeld getroffenen Absprache - in dieser in Dessau stattfindenden Inszenierung der Dessauer Chordirektor Helmut Sonne. Diese Leitungsfunktion wird im Rahmen der in der nächsten Spielzeit geplanten Umsetzung in Weimar auf den dortigen Chordirektorübergehen. Die Mitglieder beider Chöre haben sich große Mühe gegeben, einen guten Kontakt zu den Kollegen des jeweils anderen Chores herzustellen. Sicherlich gibt es hier und da noch Möglichkeiten, durch exaktere Planung der Abläufe den Probenprozess bei zukünftigen Ereignissen dieser Art zu verbessern, um z.B. zeitliche Leerläufe zu vermeiden. Insgesamt sind wir aber der Meinung, dass diese Partnerschaft mit den Weimarer Kollegen ein erstes für uns erfolgreiches Experiment war, mit einem anderen Opernchor ein großes Werk der Musikgeschichte zu realisieren. Mit dem Ergebnis, aus dem wir alle neue Erfahrungen gezogen und von dem wir künstlerisch profitiert haben, sind wir sehr zufrieden. Es ist zu hoffen, dass dadurch eine weitere Zusammenarbeit beider Theater in der Zukunft besiegelt wurde.

Andreas Hillger, Oper und Tanz, Mai/Juni 2011

Gipfeltreffen der Chöre in Dessau

Moskau hat Angst: Zwar sind auf dem Roten Platz noch immer die Souvenirhändler und Schuhputzer, die Lenin-Imitatoren und Lohn-Schreiber zu finden. Aber zwischen ihnen patrouillieren Freischärler mit Eishockey-Masken und Maschinenpistolen, denen verängstigte Bürger die abgetrennten Glieder von unschuldigen Opfern entgegenhalten - zerrissen vom Vakuum der Macht, das der russischen Metropole zum Verhängnis zu werden droht.

Mit Modest Mussorgskis „Chowanschtschina" hat Hausregisseurin Andrea Moses zu ihrem Abschied vom Anhaltischen Theater ein Gesellschaftspanorama inszeniert, das seine heutigen Konflikte vor dem Hintergrund des 17. Jahrhunderts verhandelt. Dabei ist ihr weniger der Einzelne als vielmehr die Masse wichtig: Alle privaten Konflikte legitimieren sich aus der sozialen Herkunft und Stellung der Protagonisten. Die Figuren sind Repräsentanten von Parteien, deren Haltung sie verinnerlicht haben, die Sehnsucht nach Uniformierung ist in Christian Wiehles grandioser Ausstattung ebenso unübersehbar wie die Überformung der Tradition durch den westlichen Kultur-Import. Da wirbt die Silhouette der Basilius-Kathedrale für Coca-Cola - und das russisch-orthodoxe Kreuzeszeichen lockt die Altgläubigen am Ende zum kollektiven Selbstmord.

Wo aber das Volk der eigentliche Hauptdarsteller ist, schlägt im Musiktheater die Stunde der Chöre. Und hier ist der Dessauer Bühne in Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar ein echter Coup gelungen: Anstatt auf die bislang übliche Verstärkung durch freie Ensembles zurückzugreifen, wie sie Andrea Moses vor Ort beispielsweise in ihrem gefeierten „Lohengrin" praktiziert hat, sind diesmal die Ensembles beider Häuser von vornherein in die Inszenierung eingebunden gewesen - was heißt, dass der Dessauer Chor bei der Übernahme des Stückes zum Gegenbesuch in Weimar antreten wird. Vorerst aber bekämpft er die Moskowiter aus der Goethe-Stadt in der Rolle der Strelitzen, die von gedemütigten Bojaren zum Aufstand gegen die zaristische Macht getrieben werden - ein exotischer Stoff, dem die Regie dennoch Spannung abgewinnt.

Die direkte Konfrontation der Chöre, die sich anfangs auf Bühne und Rang gegenüberstehen, ehe sie am Ende gemeinsam in den Freitod ziehen, hat auch organisatorische Gründe: Die logistische Meisterleistung, für die der Dessauer Generalintendant André Bücker nach der Premiere auch die Künstlerischen Betriebsbüros belobigt, war nur durch die effiziente Probenplanung möglich. So erzählt der Weimarer Chordirektor Markus Oppeneiger, dass sich seine Künstler bereits im Bus eingesungen hätten, um in Dessau vorbereitet anzukommen. Und sein Dessauer Kollege Helmut Sonne ergänzt, dass die Gastgeber die freie Zeit mit ihren Besuchern für Haus- und Stadtbesichtigungen genutzt hätten. Sogar die Fahrräder hätten die Weimarer im Gepäck gehabt.

Auf der Bühne freilich hört und sieht man das grandios gesungene und gespielte Ergebnis einer harten Arbeit: Gerade weil Andrea Moses die Sehnsucht nach dem Gleichschritt zum Thema macht, wird die individuelle Leistung innerhalb der Chöre umso deutlicher. Da ist keine Figur, der nicht Handlung und Haltung gegeben wäre, da ist - etwa im erschreckenden Durcheinander des Auftakts oder im ironischen Bacchanal der Vorstadt-Bewohner - eine verwirrende und zugleich sinnstiftende Vielfalt zu beobachten. Dafür, dass auch bei der insgesamt überzeugenden und zu größten Teilen aus dem eigenen Ensemble besetzten Solisten-Riege die musikalische Qualität gewahrt bleibt, sorgt der Dessauer Generalmusikdirektor Antony Hermus. Als 36o-Grad-Dirigent hält er im Graben den Kontakt zu Bühne und Rang, aber auch zu den Parkettseiten, an denen sich am Ende der Zug der Todgeweihten formiert - nun nicht mehr nach Herkunft, sondern nach Geschlecht getrennt. Und spätestens da dürfte auch dem Letzten klar sein, dass dieses kulturpolitisch oft geforderte, aber strukturell riskante Experiment gelingen kann, wenn sich gleichwertige Partner auf Augenhöhe begegnen. Zugleich aber wird deutlich, wie unverzichtbar die jeweils eigene Herkunft und Ausformung der Ensembles ist - denn nur so lässt sich ein solches Gipfeltreffen arrangieren.

Joachim Lange, Die Welt, 21.05.2011

Russische Seele in Dessau

Andrea Moses verabschiedet sich von Dessau mit Mussorgskis „Chowanschtschina“, also mit Opernkino im Breitbandformat und einem zentralen Stück der russischen Musikseele. Vokal ist das Dessauer Theater, etwa mit dem jungen Russen Pavel Shmulevich als Mönch Dossifej, exzellent bestückt. Aus der Chorklemme kommt man durch Co-Produktion mit dem Nationaltheater Weimar. Die Gäste übernehmen den Part des Moskauer Volkes, während die heimischen Choristen als marodierende Strelitzen den Roten Platz verwüsten. Ausstatter Christian Wiehle hat den wandlungsfähigen Rahmen geliefert, in dem Andrea Moses den Machtkampf des Volkes spannend ausformuliert. Diese letzte Operninszenierung der Dessauer Chefregisseurin wird durch die fulminant aufspielende Anhaltische Philharmonie zum Triumph.

Joachim Lange, Gießener-Allgemeine, 12.05.2011

Parforceritt durch russische Geschichte

Regisseurin Andrea Moses erzählt Mussorgskis Oper »Chowanschtschina« in Dessau als Panoramabild einer Gesellschaft im Umbruch.

Mit Abstand betrachtet werden auch die roten Fahnen, die 175 Jahre lang über dem Roten Platz wehten, zu einer historischen Episode der russischen Geschichte. So gesehen sind die Zeiten günstig für Modest Mussorgskis Volksdrama »Chowanschtschina«. Aus dem kurz vor der glanzvollen Epoche Zar Peters angesiedelten Volksdrama ist eine orchestergewaltige Chor- und Männeroper geworden, bei der die Lovestory eher vertrackt und marginal wirkt. So wie Andrea Moses das jetzt in Dessau auf die Bühne gebracht hat, faszinieren an dem historischen Panoramabild aus den Zeiten von Revolte und Umbruch vor allem die erstaunlich plausiblen Durchblicke bis in die postsowjetische Gegenwart. Von der Randale marodierender Strelitzen auf dem Roten Platz, über die Intrigen der politisch Mächtigen und der ambitionierten Kirchenmänner im Kampf um die Macht, von ziemlich volkstümlich zupackenden Saufliedern bis hin zu einer pathetischen Selbstverbrennung von fanatischen Altgläubigen ist da alles drin. Viel von dem, was man hierzulande so für russische Seele hält, klingt da durch.

Im Graben braucht man für dieses von kleineren Opernhäusern eher gemiedene russische Großformat den Sinn fürs Detail und die Kraft zum großen Überblick, den der Dessauer GMD Antony Hermus mit Emphase und Rücksicht auf die Sänger überzeugend demonstriert. Und im Ensemble eine Manpower, die das Anhaltische Theater auf erstaunlichem Niveau aufbietet. Auf den übergroßen Chor bringt man es durch die Koproduktion mit dem Weimarer Nationaltheater. Damit daraus kein Stehtheater im Breitband wird, bedarf es vor allem einer Regie, die sich wild entschlossen auf die szenischen Details stürzt und das Kunststück fertig bringt, das Historienpanorama als Ganzes in seiner Relevanz für die Gegenwart zu erzählen. Dafür ist die Dessauer Chefregisseurin Moses (die ab kommender Spielzeit nach Stuttgart geht) genau die Richtige.

Christian Wiehles offene Bühnenästhetik schöpft aus dem Vorrat russisch-sowjetischer Bilder. Da ist die berühmte Basilius-Kathedrale mit Coca-Cola- Reklame zugepflastert. Da kommt das Palais des Fürsten Golizyn (Angus Wood) als Sitzgarnitur mit Schreibtisch hoch oben auf einem riesigen russischen Bären daher. Da kommt der Intrigant im Dienste des Zaren Peter, Schaklowity (Ulf Paulsen), erst auf einer Gangway und unter der Büste des Sowjethelden Gagarin daher und landet dann sogar aus dem Schnürboden wie ein Fallschirmspringer im Bett von Iwan Chowanski (Alexey Antonov), um ihn zu erdrosseln. Und da agiert der vom Fürsten zum Mönch gewordene Dossifej (auf dem Weg an die Spitze seines Faches: Pavel Shmulevich) mit der Geste und dem Format eines kommenden Bühnen-Zaren.

Wenn sich am Ende die altgläubigen Fanatiker im Angesicht der anrückenden Truppen des Zaren selbst verbrennen, dann wird der tödliche Dampf, dem sie zum Opfer fallen, nicht zur Klippe einer gefährlichen Metaphorik, sondern demonstriert mit dem futuristisch stilisierten Riesenkreuz in der Mitte einen beängstigenden Triumph des Irrationalen. In Dessau ist ein anstrengender, aber in jeder Hinsicht lohnender Parforceritt durch die russische Geschichte gelungen. Richtig froh macht aber nicht dessen Pointe, sondern das Niveau, auf dem hier Musiktheater gemacht wird.

Irene Constantin, Neues Deutschland, 15.05.2011

Das Volk hat verstanden

Andrea Moses inszenierte Mussorgskis »Chowanschtschina« in Dessau

Chowanski-Schweinerei« ist ein schöner Operntitel. Dabei könnte das Werk ebenso »Peter-Schweinerei« heißen. Es behandelt die Wirrungen und Machtkämpfe vor Peters Inthronisierung ganz unparteiisch, als vielgestaltigen Bilderbogen. Es ist immer eine Frage von Sieg oder Niederlage, wessen Name am Ende auf bronzenen Reiterstandbildern steht und wessen Name eine Nachsilbe bekommt, die »Machenschaft«, »Gaunerei« oder Schlimmeres bedeutet. Peter I., später »der Große« bekam am Ende des 17. Jahrhunderts die Zarenkrone; die Chowanskis, Fürst Iwan und sein Sohn Andrej die Brandmarkung Meuchelmörder.

Andrea Moses inszenierte diese »Chowanschtschina« am Anhaltischen Theater Dessau als einen Versuch über die russische Seele, über die russische Politik und über die russische Kunst. Sie holte das Stück in die Jahre der Wirrungen um 1989/90 und schließlich in die Gegenwart und handelte damit im Sinne des Komponisten. Sowohl in »Boris Godunow« als auch in »Chowanschtschina« sah Mussorgski das »Vergangene im Gegenwärtigen«.

Christian Wiehle stattete das Gegenwarts-Moskau als eine Art Wunderkammer aus. Eine Gangway, garniert mit Folklore-Sängerinnen, fährt als Fürstenthron hin und her, ein Neubaublock in Fischaugen-Optik beherbergt eine Horde mit Nudelhölzern bewaffneter Ehefrauen, ein neurotisch putzsüchtiger General hat sein Arbeitskabinett auf dem Rücken einer riesigen Bärenfigur eingerichtet. Am oberen Rand der Bühne sieht man, harscher Einbruch des Realen, einen Erhängten. Er hängt da, welcher Potentat auch immer gerade ganz oben schwimmt.

Die buntschillerndsten unter den Herren sind die Chowanskis, Führer der Strelitzen. Sie wollen mit Hilfe dieser altmodischen Truppe eine altrussische Herrschaft errichten, mit sich selbst als Zaren. General Golizyn strebt eine europäisch moderne Herrschaft an, hat jedoch mit der Thronanwärterin Sofia auf die falsche Verbündete gesetzt und begeht am Ende Selbstmord. Der charismatische Priester Dossifej, Führer der von der Staatskirche abgespaltenen Altgläubigen, will gemeinsam mit den Strelitzen ein religiöses Reich nach alter Sitte errichten. Schließlich gibt es den Mann im grauen Anzug, Schaklowity. Sein Ziel: die Macht einer reformierten Religion, die Macht eines modernen Heeres und die unter drei Zarengeschwistern aufgeteilte Macht der Krone in einer Hand zu vereinigen. Er setzt auf den jüngsten, rücksichtslosesten Zarenanwärter, Peter I. Am Ende hat Peter, der in der Oper gar nicht vorkommt, gesiegt. Die Strelitzen werden auf dem Roten Platz zusammengetrieben. Die eigenen Ehefrauen sollen die Ungehorsamen köpfen, erst im allerletzten Moment werden sie begnadigt. Das Volk hat verstanden, was von ihm erwartet wird: Mächtig schallt die Huldigungsapotheose für Zar Peter.

Seinen passiven Kontrapunkt des Jammerns, des Klagens, des befohlenen Jubelns gibt das Volk zu allem, was sich über vier Akte an Machtkämpfen und Intrigenspiel in den buchstäblichen oberen Etagen, auf dem Rücken des russischen Bären sozusagen, abspielt.

Andrea Moses schuf ein ergreifendes Bild des sich in der Geschichte bis zum Überdruss wiederholenden Opferpathos' im Namen einer Ideologie: Menschen in unschuldsweißen Hemden, mit ausgebreiteten Armen, umflutet von gleißendem Licht inmitten eines weißen Gas-Nebels, der aus den glitzernden Balken eines orthodoxen Kreuzes zischt, füllen die riesige Bühne. Ihr leises Chorfinale scheint nicht mehr von dieser Welt zu sein. Moses stellt skurrile Szenen neben brutal bedrohliche, komische neben hochdramatische. Ebenso assiziativ stehen die Zeiten beieinander: Die Handlungszeit 17. Jahrhundert trifft Mussorgskis spätes 19. Jahrhundert, die stalinistischen Zeiten, in denen Schostakowitsch das unvollendete Werk instrumentierte, treffen Moses' Assoziationen von 1989/90 und schließlich die Gegenwart. Mussorgskis Musik gibt diese Dramaturgie vor. Hymnische oder folkloristische Chorszenen dominieren, dazwischen die sonoren Bekenntnisse, das lodernde Hin-und-Her einer operngerecht in das Macht-Drama eingefädelten Liebesgeschichte oder erregten Debatten.

In der großen Besetzung wurden alle Sänger ihren Partien gerecht, die darstellerischen Fähigkeiten differierten jedoch stark. Ulf Paulsen als Schaklowity gewann seinen Machtpoker mit rundem, energisch geführten Bariton, Alexej Antonov imponierte als Iwan Chowanski mit dunklen Bass-Farben. Sergej Dobrischewski gab sich als Andrej Chowanski intensiv seiner verliebten Verzweiflung hin, und Angus Wood sang und spielte sehr glaubhaft den zwangsneurotischen General Golizyn. Stimmlich überragt wurde dieses Männerqartett von der sonor leuchtenden, bezwingenden Bassstimme des jungen Pavel Schmulewitsch als Priester Dossifej. Das weibliche Element manifestierte sich vor allem in den exzellenten Chorsolistinnen.

Am Pult der Anhaltischen Philharmonie stand der von Anfang an gefeierte Antony Hermus. Den großen, ins Dunkle abgerundeten, typisch »russischen« Klang von Chor und Orchester erwartete man für diesen Abend als üppige Dröhnung und Hermus sparte nicht damit. Er bot aber auch das zarte Naturbild eines morgendlichen Moskauer Parks und den hymnischen Optimismus-Ton der Heldenverehrung.

Einschließlich des von Igor Strawinski instrumentierten Schlussbildes steckt diese Oper so sehr voller musikalischer und szenischer Überraschungen, dass sie öfter auf eine Bühne gehörte.

Jörg Königsdorf, Der Tagespiegel, 10.5.2011

Riss in der Masse

Klangmächtig: Andrea Moses inszeniert Mussorgskys „Chowanschtschina“ am Anhaltischen Theater Dessau

Sie haben es geschafft. Am Ende dieses Premierenabends am Dessauer Theater bleiben Respekt und Erstaunen, dass hier Aufführungen möglich sind, auf die weit größere Häuser stolz sein könnten – und dass hier trotz chronischer Sparzwänge große Oper stattfindet. Zwei Jahre währt jetzt das anhaltische Opernwunder, nach dem Paukenschlag mitWagners „Lohengrin“, mit dem Intendant André Bücker und Chefregisseurin Andrea Moses Aufsehen erregten, hatten Produktionen wie Verdis „Maskenball“ und Aubers „Stumme von Portici“ die Programmlinie politisch ambitionierten Musiktheaters auf stetig wachsendem Niveau fortgesetzt. Zum Abschied der nach Stuttgart wechselnden Moses nun die größte Herausforderung: Mussorgskys Volksdrama „Chowanschtschina“, dieses rohe Bilder-Konglomerat um Aufstand, Unterdrückung und Machtkampf, diese Oper ohne Helden, die die Geschichte Russlands als nicht enden wollenden Kreislauf von Leid und Gewalt beschreibt.
Ein maßloses Stück in jeder Hinsicht, vor dessen Anforderungen die meisten Bühnen zurückschrecken. Vor der Aufgabe, die Chormassen der Strelitzen, Altgläubigen und Moskauer Proletarier zu organisieren; vor der langen Liste großer Stimmen und der Herausforderung, ein Gleichgewicht zwischen Anarchie und Erzählfluss zu finden.
Unter Chefdirigent Antony Hermus zeigt die Anhaltische Philharmonie nicht nur Präzision, sondern auch einen betörend farbenreichen, transparenten Klang – ein starkes Plädoyer für die Orchestrierung von Dmitri Schostakowitsch, die bei den Auftritten der Politgrößen bis ins Groteske geht, aber in den Nebenstimmen der Holzbläser immer wieder auch die Risse im gesellschaftlichen Gefüge nachzeichnet. Die vereinten Chöre des Dessauer wie des koproduzierenden Weimarer Theaters bewältigen ihr vokales Zirkeltraining zwischen fatalistischen Chorälen, greller Folkloristik und Massenpanik im Großen und Ganzen souverän – zumal „Chowanschtschina“ auch Musik ist, bei der der Ausdruck und der richtige russische Tonfall wichtiger sind als die vokale Endpolitur.
Die Sänger sind allerdings spektakulär: Angus Wood zum Beispiel, der den Reformpolitiker Golizin mit gleißendem Tenor als Machtmensch zeichnet, der für seine idealistischen Ziele notfalls über Leichen geht. Oder der Altgläubige Dossifei, bei Pavel Shmulevich und seinem kerngesundem Bass ein charismatischer Sektenführer, der seine Gefolgschaft am Ende ohne Zögern in den Feuertod gehen lässt. Oder auch der Fürst Iwan Chowanski, anhand von dessen Revolte gegen die Zarenherrschaft das Volksepos erzählt wird: Der vom Bolschoi geholte Alexey Antonov gibt ihn mit hochadlig samtigem Bass und feudaler Autorität. Und dann ist da die Marfa von Anna Peshes: keine orgelnde Matrone oder hexenhafte Seherin, sondern eine Frau, aus deren warmen Alt-Farben ein fühlend’ Herz spricht. Sie wird zum Gravitationszentrum des Stücks. Wären alle wie sie – heroisch und barmherzig, klug und zugleich auf die innere, russische Stimme hörend – dann würde ein anderes Russland möglich. So der Hoffnungsschimmer, der sich aus „Chowanschtschina“ destillieren ließe, wenn Marfa nicht ebenfalls den Freitod wählen würde.
Die Regie ist, wie bei Andrea Moses’ Selbstverständnis als politische Regisseurin kaum anders möglich, modern: Die Bojaren tragen Anzug und Krawatte, vom Großbildschirm strahlen die rivalisierenden Politiker im Wechsel mit volksverdummenden Unterhaltungsbildern. Anders als beim „Lohengrin“, den Moses als Politkrimi in Szene setzte, erlaubt sie der „Chowanschtschina“ aber größere Freiheiten gegenüber der Realität. Weil das Vortäuschen von Tatsachen zum politischen Geschäft gehört – der vermeintliche Aufstand des reaktionären Fürsten Chowanski ist schließlich auch bloß eine gezielte Intrige seiner politischen Gegner –, ist auch Moskau auf der Dessauer Bühne eher ein gedanklicher Ort suggestiver Bildzitate.
Zwiebeltürmchen, Plattenbau, Weihrauchfässer und ein riesiger Eisbär als Verkörperung von Mütterchen Russland zielen auf die Zeitlosigkeit von Mussorgskys fatalistischer Analyse. Die realistischste Zutat ist noch die Leiche eines gelynchten Bojaren, die den ganzen Abend vom Schnürboden herunterhängt. Seither hat sich in Russland wohl nicht viel geändert.

Bernhard Doppler, MDR Figaro/ Frühkritik, 9.5.2011

Audio

Joachim Lange, Frankfurter Rundschau, 9.5.2011

Zaren sehen alles

Eine orchestergewaltige Chor- und Männeroper über eine Gesellschaft im Umbruch: Chefregisseurin Andrea Moses inszeniert Modest Mussorgskis Volksdrama „Chowanschtschina“ in Dessau.

Musikalisch ist Modest Mussorgskis Volksdrama „Chowanschtschina“ eine orchestergewaltige Chor- und Männeroper. Die Lovestory ist eher vertrackt und marginal; die Geschichte ein Panoramabild aus den Zeiten von Revolte und Umbruch mit erstaunlichen Durchblicken bis in die postsowjetische Gegenwart. Von der Randale marodierender Strelitzen auf dem Roten Platz über die Intrigen der politisch Mächtigen und der ambitionierten Kirchenmänner im Kampf um die Macht, von ziemlich volkstümlich zupackenden Saufliedern bis hin zu einer pathetischen Selbstverbrennung von fanatischen Altgläubigen ist da alles drin. Viel von dem, was man hierzulande für russische Seele hält, klingt durch.

Im Graben braucht man für dieses von kleineren Opernhäusern eher gemiedene Großformat den Sinn fürs Detail und die Kraft zum großen Überblick, den Antony Hermus mit Emphase und Rücksicht auf die Sänger überzeugend demonstriert. Und im Ensemble eine Manpower, die das Anhaltische Theater auf erstaunlichem Niveau aufbietet.

Auf den übergroßen Chor bringt man es durch die Koproduktion mit dem Weimarer Nationaltheater. Damit daraus kein Stehtheater im Breitband wird, bedarf es einer Regie, die Wert auf szenische Details und die Charakterisierung der Figuren legt und das Historienpanorama als Ganzes in seiner Relevanz für die Gegenwart zu erzählen vermag. Dafür ist die Dessauer Chefregisseurin Andrea Moses (die ihr Ticket für die gleiche Position in Stuttgart schon in der Tasche hat) genau die Richtige.

Christian Wiehles offene Bühnenästhetik schöpft aus dem Vorrat russisch-sowjetischer und postsowjetischer Bilder. Da ist die Basilius-Kathedrale mit Coca-Cola-Reklame zugepflastert, und das Palais des Fürsten Golizyn (Angus Wood) kommt als Sitzgarnitur mit Schreibtisch auf einem riesigen russischen Bären daher. Da wird die Strelitzen-Vorstadt zum modernen Hochhausblock, der wie im Brennglas aufgebläht erscheint und aus dem sich die Umrisse der Kathedrale wie im Schnittbogen abheben. Da kommt der Intrigant des Zaren Schaklowity (Ulf Paulsen) erst auf einer Gangway und unter der Büste des Sowjethelden Gagarin daher und landet dann aus dem Schnürboden wie ein Fallschirmspringer im Bett von Iwan Chowanski (Alexey Anatonov), um ihn zu erdrosseln. Und da agiert der vom Fürsten zum Mönch gewordene Dossifej (auf dem Weg an die Spitze seines Faches: Pavel Shmulevich) mit der Geste und dem Format eines kommenden Bühnen-Zaren.

Wenn sich am Ende die altgläubigen Fanatiker im Angesicht der anrückenden Truppen des Zaren selbst verbrennen, wird der tödliche Dampf, dem sie zum Opfer fallen, nicht zur Klippe einer gefährlichen Metaphorik, sondern demonstriert mit dem futuristisch stilisierten Riesenkreuz in der Mitte einen beängstigenden Triumph des Irrationalen.

In Dessau ist ein lohnender Parforceritt durch die russische Geschichte gelungen. Richtig froh macht aber nicht dessen Pointe, sondern das Niveau, auf dem hier Musiktheater gemacht wird.

Helmut Rohm, Volksstimme, 9.5.2011

Andrea Moses inszeniert musikalisches Volksdrama von Modest Mussorgski am Theater Dessau

„Chowanschtschina“ erlebt stürmisch gefeierte Premiere

„Der Herr rettet mich…“ – ganz in Weiß und ganz bewusst ihres selbstgewählten Feuerfreitodes suchen die Altgläubigen und deren Führer Dossifej ihr Heil in einem anderen, nichtirdischen Leben. Mit diesem emotional bewegenden, monumentalen Bild endete am Sonnabendabend die stürmisch gefeierte Premiere des musikalischen Volksdramas „Chowanschtschina“ von Modest Mussorgski im Anhaltischen Theater Dessau.

Monumentalität in vielerlei Hinsicht prägt diese Aufführung, die von Andrea Moses in Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar und Unterstützung durch die Staatsoper Stuttgart inszeniert wurde.

Beschrieben wird ein Detail der russischen Geschichte des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Die Entscheidung, ob Chowanski und seine marodierenden Strelitzen oder Zar Peter I. die vakante Macht übernehmen, hatte sich, auch unter dem Einfluss einer Kirchenspaltung, dramatisch zugespitzt.

Der Zuschauer erlebt große beeindruckende Massenszenen des Moskauer Volkes und der Strelitzen, die durch die Chöre und Chorsolisten (Dessau, Weimar und Dessauer Kinderchor) und insbesondere deren handlungsrelevantes Spiel getragen werden. Während sich Andrea Moses fast ausschließlich streng an die historischen Handlungsinhalte und Figuren hält, verlegt sie die Orte der Handlungen (Bühnenbild und Kostüme Christian Wiehle) in einen durchaus akzeptablen, sogar teils vergnüglichen Mix aus Historie und Gegenwart. Der fast stets präsente rote Platz ist sowohl ein Symbol für das historische Moskauer Areal als auch blutgetränkter Kampfplatz. Die Silhouette der Basilius-Kathedrale, die sich auch mal aus einem Plattenbauhochhaus „herausschält“, lässt grüßen – mit einer Coca-Cola-Werbung. „Chowanschtschina“ ist eine kostümvielfältige Oper, ein wahrer Sehschmaus. Den Spagat zwischen damals und heute wird hier ebenfalls deutlich. Ein Volk, wie es wohl früher so gekleidet war, trifft auf Strelitzen, die die landläufige Mafiosi-Vorstellung trefflich bedienen.

Es ist ein durchaus ernstes Stück. Doch auch mit hintergründigem Humor und Augenzwinkern, mal dezent, mal ganz schön dick aufgetragen. Fürst Golizyn (Angus Wood) thront auf einem überlebensgroßen roten russischen Bären. Iwan Chowanski kommt über eine Flugzeug-Gangway herab zum Volk. Intrigant Schaklowity (Ulf Paulsen) wird zum Morden in Chowanskis Schlafzimmer abgeseilt. Aus einem Hubschrauber? Wie gerade bei Bin Laden?

Ganz aktuell ist auch das Videoeinspiel von der jüngsten englischen Hochzeit. Ging es ja hier ebenfalls – wenn auch gewaltlos – um Macht. Und das Machtgerangel bis in den Tod ist in „Chowanschtschina“ auch mit einer Liebesgeschichte verknüpft. Also die Botschaft: Diese Themen sind eben immer noch aktuell.

Die künstlerische Umsetzung der Figurenrollen in handelnde und fühlende Menschen ist in Dessau trefflich gelungen. Als einen Mann wie ein Baum und mit ebenso gewaltiger Bassstimme verkörpert Alexey Antonov den Fürsten Iwan Chowanski. Gar nicht dem Vater ähnlich in Statur und noch weniger im Tun stellt Sergey Drobyshevskiy den Chowanski-Sohn Andrej dar. Pavel Shmulevich nimmt man die beschwörende Rolle Dossifejs, des Führers der Altgläubigen, vollends ab. Er war im für alle geltenden Beifallsrausch der Publikumsliebling des Abends. Anna Peshes begeisterte als ungemein leidenschaftlich liebende Marfa.

Die Anhaltische Philharmonie unter GMD Antony Hermus präsentierte Mussorgskis lebendige, gefühlvolle und handlungsorientierende Musik mit bravourösem Engagement.

„Chowanschtschina“, gesungen in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln, erfordert vom Zuschauer hohe Konzentration. Es ist, mit eigener inhaltlicher Vorbereitung noch mehr, ein gut anzuschauendes dreieinviertelstündiges Opernerlebnis.

Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 9.5.2011

Russisch Roulette

Der Rote Platz ist voller Leben: Souvenir-Verkäufer bieten Matroschkas preis, ein Schuhputzer wirbt um Kundschaft, der vergoldete Lenin-Imitator stülpt sich irgendwann eine Micky-Maus-Maske über. Doch dann tauchen mitten in dem geschäftigen Treiben auch andere Bilder auf: Verstörte Menschen tragen abgetrennte Gliedmaßen wie Monstranzen vor sich her, Männer mit Eishockey-Masken und Maschinenpistolen treten ihnen entgegen ... Ist das fiktiver Horror? Oder realer Terror?

Modest Mussorgskis musikalisches Volksdrama „Chowanschtschina“ erzählt vom Russland am Ende des17. Jahrhunderts, in dem sich verfeindete Zarewitschs, gedemütigte Bojaren und religiöse Fundamentalisten gegenüberstehen. Dass dieser historische Machtkampf in etwa so verworren wie die derzeitigen Nachrichten über Machtkämpfe zwischen einstigigen KGB-Offizieren, Wirtschafts-Oligarchen und Traditionalisten ist, lässt das Panorama als taugliche Folie für die russischen Gegenwarts-Verhältnisse erscheinen. Und genau so inszeniert es Andrea Moses nun als ihr Abschiedsgeschenk vom Anhaltischen Theater, bevor sie als Hausregisseurin an die Oper Stuttgart wechselt. Ihr Bild der Metropole Moskau oszilliert zwischen orthodoxer Ikone und Coca-Cola-Werbung, zwischen Hochhäusern und Zwiebeltürmen, Kultur-Okkupation und Folklore.

Dafür hat ihr Ausstatter Christian Wiehle einen Raum entworfen, in dem sich grandiose Verwandlungen mit sinnstiftenden Arrangements verbinden: Die Kommandozentrale des zaristischen Generals Golizyn ruht auf dem Rücken eines riesigen russischen Bären, die Karriere-Gangway des Aufrührers Chowanski passt exakt zu diesem Hochstand. Aus dem Plattenbau schält sich die Silhouette einer Kirche, der Kreml wirbt für McDonald's ... und das Bett des Rebellenführers lässt sich mühelos in ein mobiles Mausoleum umwidmen.

Im Informationsgewitter

Nicht minder assoziationsreich sind Niklas Ritters Videos, die auf einem gigantischen Infoscreen über den Köpfen des Volkes flimmern und deren Ästhetik die Comicsprache von Terry Gilliam mit aktueller Hochglanzwerbung verbindet. Gerade weil sie so faszinierend sind, steigern sie zu Beginn aber ein Problem des Abends: Das ohnehin vielgestaltige, von Andrea Moses individuell geführte Personal sorgt zusammen mit den eng verschränkten Dialogen sowie deren Übertiteln und den Video-Kommentaren zu einer Reiz-Überflutung, in der Mussorgskis Musik zu verschwinden droht. Wenn sich der dreieinhalbstündige Abend so fortsetzen würde, müsste man ihn am Ende wohl für gescheitert erklären. Zum Glück aber findet die Geschichte schon im zweiten Akt zu sich - und hält bis zum Schluss immer wieder überraschende Perspektiven und Wendungen bereit.

Dabei interessiert sich weder das Werk noch die Inszenierung wirklich für den Einzelnen, sondern versteht ihn als Repräsentanten einer Gruppe. Eine Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar gestattet es, diese Massen tatsächlich zu zeigen: Der Chor des Anhaltischen Theaters (Einstudierung: Helmut Sonne) formiert sich zum Heer der Strelizen, dem die Weimarer Gäste (Einstudierung: Markus Oppeneiger) als Moskauer Volk gegenüberstehen. Und zusammen mit dem Dessauer Kinderchor (Einstudierung: Dorislava Kuntscheva) ziehen sie am Ende alle als Altgläubige in den Tod - ein Finale, das die Überwältigung durch den Klang optisch einlöst.

Vor und über dieses Volk sind dessen Führer gesetzt: Alexey Antonov ist ein in Statur und Stimme glaubhafter Strelizen-Führer, dem lediglich der undurchsichtige Spezialagent Schaklowity (Ulf Paulsen) gewachsen scheint. Als Dritter im Bunde der dunkel timbrierten Herren aber setzt sich Pavel Shmulevitchs Religionsführer Dossifej gegen die überragende Konkurrenz durch - donnernd und verführerisch, nur am Ende manchmal gegen heisere Nebentöne kämpfend. An die Grenzen seiner Kraft geht auch Sergey Drobyshevskiy, der den dekadenten Nachkömmling der Familie Chowanski gibt, während Angus Wood den Golizyn bravourös bis in den Tod führt.

In solcher von Männern dominierten Welt haben es Frauen naturgemäß schwer - es sei denn, sie bedienen wie die zwischen Liebe und Glaube zerrissene und gesanglich überzeugende Marfa (Anna Peshes) die irrationalen Ängste und Wünsche der Herrscher. Angelina Ruzzafante und Iordanka Derilova gelingt es dennoch, aus ihren vergleichsweise kurzen Partien einen bejubelten Erfolg zu machen.

Der Zar des Abends

Den größten Jubel aber verdient sich einmal mehr die Anhaltische Philharmonie unter Generalmusikdirektor Antony Hermus, der mit eiserner Hand das russische Riesenreich zusammenhält. Er ist der Zar, der Star des Abends, der die Atmosphäre wie die Spannung des Geschehens von der Ouvertüre bis zum Schlussakkord steuert und befeuert. Dass Andrea Moses sich auf der Bühne zudem nicht zu jenem Kurzschluss verleiten lässt, der das Programmheft prägt, ist klug: Denn der Vergleich der „Chowanschtschina“ mit den ostdeutschen Ereignissen vom Herbst 1989 zeugt von einer vormundschaftlichen Perspektive, die den Widerstand mündiger Bürger als Verführung durch fremde Kräfte denunziert.

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