Carmen Kittel oder "Ich wünsch mir Sonnenstrand"

Schauspiel von Georg Seidel
Projekt Wanderlust und Reisefreiheit

Im Rahmen des Projekts „Wanderlust und Reisefreiheit“ wird das Schauspielensemble zusammen mit drei Dessauern und Regisseur Niklas Ritter das Kultstück „Carmen Kittel“ des in Dessau geborenen Schriftstellers Georg Seidel im Alten Theater zur Aufführung bringen. Erzählt wird die Geschichte einer jungen Frau, die nach einer Heimkindheit in den Arbeitsalltag der beginnenden 80er Jahre der DDR entlassen wird. Sie arbeitet, sie lernt einen Mann kennen, sie verliebt sich. Als sie unverhofft schwanger wird, gerät ihr Leben aus den Fugen. Sie versucht das kleine Glück mit Harald festzuhalten, indem sie gegen ihren eigentlichen Wunsch das Kind abtreiben lässt, um danach erkennen zu müssen, dass ihr Traum nun endgültig ausgeträumt ist. In der stoischen Behauptung, immer noch schwanger zu sein und der Unfähigkeit, sich anzupassen und einzufügen, verstrickt sie sich mehr und mehr in ihr Unglück... . Gemeinsam mit Dessauer Bürgern, die als Spiegelbilder der jungen Darsteller mit auf der Bühne sein werden, wird sich diese Inszenierung anhand des Schicksals Carmen Kittel erinnern: An eigene schöne und traurige Geschichten und an die Zeiten, als wir von Sonnenstrand träumten...

Dauer: ca. 1h 20 Minuten, keine Pause

Inszenierung Niklas Ritter
Bühne Michael Graessner
Musik Til Ritter / Jan Kersjes
Kostüme Katja Schröpfer
Dramaturgie Holger Kuhla
Carmen Kittel Ines Schiller
Sonja Susanne Hessel
Frau Schaller 1 Regula Steiner-Tomic
Frau Schaller 2 Eva Marianne Berger
Harald Sebastian Müller-Stahl
Achim Thorsten Köhler
Leps Jan Kersjes
Kartoffelschäler 3 Helmut Szulczynski
Kartoffelschäler 4 Marlies Krätsch / Karin Klose

PRESSESTIMMEN

Endstation Sehnsucht Mitteldeutsche Zeitung, 10.05.2010
von Andreas Montag
Die offizielle DDR mochte seine Stücke nicht. Und den Autor selber auch nicht. Das beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit. Nur saßen die Chefs die Bier- und Bockwurstrepublik am längeren Hebel. Zwar hat der am 28. September 1945 in Dessau geborene Georg Seidel das Land, in dem er nicht berühmt werden durfte, nicht überlebt, er starb am 3. Juni 1990 in Berlin an Krebs. Aber die Mauer hat er wenigstens noch fallen sehen, gewichtige Ehrungen kamen freilich zu spät für ihn. Sowohl der Literaturpreis des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie als auch der Mülheimer Dramatikerpreis wurden Seidel posthum verliehen.
Nun hat ihm das Theater seiner Geburtsstadt eine Inszenierung gewidmet, die viel mehr als nur eine fällige Verbeugung ist: "Carmen Kittel oder Ich wünsch mir Sonnenstrand", inszeniert von Niklas Ritter, Jahrgang 1972, ist eine Entdeckung. Der regieerprobte Mitstreiter von Armin Petras am Maxim-Gorki-Theater Berlin nimmt den Text Seidels beim Wort. Und wortmächtig war dieser Autor, man kapiert es nach wenigen Sätzen. Dazu bringt Ritter die DDR der kleinen Leute auf die Bühne (fein gebaut von Michael Graessner): Endstation Sehnsucht, könnte der Ort heißen. Dorthin führt die Hauptdarstellerin Ines Schiller ihre Kolleginnen und Kollegen, das Spiel beginnt wie ein Spiel, melancholische Musik scheppert leise dazu.
Verordnetes Glück
Carmen Kittel ist natürlich ein sprechender Name: Carmen steht für Sehnsucht wie Leidenschaft, der Kittel erklärt sich von selbst: Die 18-Jährige, die im Kinderheim aufgewachsen ist, wird den Kittelträgerinnen zugeordnet. In einem Kartoffelschäler-Kollektiv soll sie Fuß fassen, eine kleine Wohnung hat man der jungen Frau auch gegeben. Nun muss sie gefälligst glücklich werden im Arbeiterparadies. Carmen indes ist eine Träumerin, eine Frau, die sich ihr Glück selber bauen will. Und die darauf vertraut, dass ihr nichts Böses geschehen wird, weil sie selber ja nicht böse ist. Neugierig schon und mit einem großen Appetit auf das Leben, das sich doch nicht in der Brigade und zu Hause, in den eigenen vier Wänden, erfüllen kann. Hübsch ist sie auch, die Männer haben Gefallen an ihr. Und sie an ihnen. Nur will der eine, der gutes Geld verdient und stark zu sein scheint, das Kind, das sie von ihm erwartet, nicht haben. Sie soll es "wegmachen" lassen, nicht viel mehr als eine Blinddarmoperation, harmlos, kaum zu spüren würde das sein. Überhaupt: Für ein Baby sei sie viel zu jung. Carmen will das Kind und entscheidet sich doch dagegen, sie hasst den Kerl und will ihn doch behalten. Am Ende wird sie den Mann töten lassen von einem anderen, der sie dann zur Hure, nicht zu seiner Frau nehmen will. Da tötet sie sich selbst. Eine Tragödie in neunzig Minuten wird hier auf der Studiobühne des Alten Theaters Dessau erzählt, schnell und konsequent und derartig unaufhaltsam in ihrer tödlichen Logik, dass man einen Kloß im Hals spürt. Die Welt der kleinen DDR-Leute, erzählen der Autor Georg Seidel und Niklas Ritter, sein Regisseur, ist grundsätzlich aus den Fugen, das Glück im Plattenbau ist eine fromme Legende, auch wenn es manchem heute anders scheinen mag. Auch dieses Thema schlägt die Inszenierung an - mit einem kühnen Purzelbaum in die Gegenwart, in der sich die einstmals und vorgeblich herrschende Klasse versammelt, um über das Vergangene zu reden: Schlangestehen nach Südfrüchten, der Traum vom Sonnenstrand.
Traurigkeit grundiert das Bild
Hier wird nichts denunziert, auch wenn es manchmal zum Kichern verleitet, was die Damen und Herren über die Zeiten gebracht haben. Hört man genauer hin, ist es Traurigkeit, die alles grundiert: Eine Arbeiterin, deren Mann auch ein fleißiger Arbeiter war, durfte ihn nach Bulgarien begleiten. An den Sonnenstrand. Aber es war im März, Schnee ist gefallen. Und schön sei es trotzdem gewesen.
Ines Schiller und das gesamte Ensemble aus Profis und Laien überzeugen in einem Stück, das mehr über die DDR erzählt, als viele ihrer Bürger heute noch erinnern wollen. Ganz zu Recht gab es langen Applaus zur Premiere am Freitag. Bravo, auch für den Mut!
Hartmut Krug, nachtkritik.de, 08.05.2010
Carmen Kittel oder "Ich wünsch mir Sonnenstrand" - Das Theater Dessau entdeckt Georg Seidel wieder
Vom Heim ins eigene Heim, doch Entfremdung bleibt
Dessau, 7. Mai 2010. Sie scheinen vergessen, die in den Achtziger Jahren entstandenen Stücke des 1990 verstorbenen "DDR-Autors" Georg Seidel. Der poetische Realist Seidel entwickelte Gesellschaftsparabeln von sprachlich sperriger Schönheit, die in den Erfahrungen des realen Sozialismus wurzelten, aber in ihrer schmerzvoll wütenden Auseinandersetzung mit ihm hinauswuchsen in eine Durchleuchtung allgemeiner gesellschaftlicher Verhaltensweisen. Seidel schaut auf die, die "über den Rand hinaus schreiben", die sich nicht einfügen, die sich in entfremdeten gesellschaftlichen Situationen diesen entfremden - entfremdet werden. Seidel schrieb "DDR-Gegenwartsstücke", die zugleich unsere Zeit treffen. Nach seinem "Jochen Schanotta" in Magdeburg kam jetzt auch seine "Carmen Kittel" wieder auf die Bühne, in Seidels Geburtsstadt Dessau.
Kartoffelschälerin in der Tanzbar
Im kleinen Studio des neuen "Alten Theaters" richtet sich die Hauptfigur ihre Welt selbst ein. Während ein Trio das Publikum schwungvoll unterhält, führt Carmen ihre Mitspieler nacheinander an der Hand auf die offene, ebenerdige Bühne, weist ihnen ihren Platz und ihre Haltung zu. Carmen ist im Heim aufgewachsen und kämpft um ihren Platz in der Gesellschaft. Sie arbeitet als Karoffelschälerin und sucht Vergnügen in einer Tanzbar. Ein Journalist reflektiert über den Sinn von Welt und Gesellschaft, ein Mann schießt ihr mit einem Bolzenschußgerät Bolzen in die Betonwände ihres Zimmers, damit sie der trüben unveränderlichen Umwelt mit Bildern ihre Farben aufzwingen kann. In Dessau werden Seidels knappe, sprachlich spröd pointierte Szenen mit spielerischen Effekten aufgeladen und zu Beginn zu einer Art Zitaten-Potpourri verdichtet. Dann singt das Ensemble einen Chor aus Bizets „Carmen", Carmen Kittel träumt ihren Liebestraum mit Harald, dem Macher und Macho ("Stetiger Aufwind! Guckt euch meinen Lohnstreifen an! Das sind Zahlen! Ich bin oben!"), der sie mit Zaubereien verblüfft, worauf beide in einem fulminant skurrilen Video-Trickfilm als königliches Liebespaar agieren.
Ines Schiller spielt ihre Carmen Kittel nicht als hilfloses Opfer, sondern als eine geheimnisvoll von innen leuchtende Frau mit großer Willenskraft. Die Schauspielerin macht aus Seidels Scheiternder eine Hoffnungsfigur. Weil sie bei sich bleibt in einer Welt, in der mitfühlende Arbeitskolleginnen und aggressiv dominante Männer längst festgelegt haben, wo ihr Platz und wie ihr Verhalten zu sein haben.
Ein Ende mit Bolzenschussgerät
Wenn sie schwanger wird und, gegen ihren eigenen Willen, Haralds Forderung nach einer Abtreibung nachgegeben hat, wehrt sie sich noch immer dagegen, das Scheitern ihres Traumes von einem selbstbestimmten Leben zu akzeptieren. In die Enge getrieben von den fürsorglichen Kolleginnen, spielt sie weiter die Schwangere und stiehlt und erstickt (bei Seidel) schließlich ein fremdes Baby. Doch in der Dessauer Inszenierung endet sie konsequenterweise nicht als Kindermörderin und in Hilflosigkeit. Hier führt sie dem Mann mit dem Bolzenschussgerät, der sich bei ihr als "Bestimmer" einnisten will, die Hand zum tödlichen Schuss, mitten in ihr Herz. Regisseur Niklas Ritter und das spielfrohe Ensemble grundieren das traurig zwangsläufige Geschehen mit spielerischer Heiterkeit. Sie zeichnen keine historische (DDR-)Zeit, sie geben den Figuren keine klaren sozialen und beruflichen Konturen, sondern zeigen Menschen in einer eingerichteten, einengenden Welt, die wissen, das Paradies soll stattfinden auf Erden, „und dann sind es doch immer nur bessere Kühlschränke und Autos". Überzeugend in Schmerz und Wut
Seidels karg-sinnliche Sprache blüht gerade zu auf in dieser phantasievollen Inszenierung, bei der oft nur kurz erzählt, statt immer genau vorgespielt wird. Nicht überzeugt allerdings die Einfügung von drei realen Dessauer Bürgern ins poetische Spiel, worauf die Erweiterung von Seidels Titels mit "Ich wünsch mir einen Sonnenstrand" hinweist. Die älteren Herrschaften sollen, gewissermaßen als Spiegelbilder der jungen Darsteller, die Wünsche und Erfahrungen von Experten des DDR- und Nachwende-Alltags einbringen. Doch wenn alle an gemeinsamer Kaffeetafel zusammen sitzen, werden nur schlichte, klischeehafte Allgemeinplätze verkündet, immerhin mit Witz und Ironie. Die Inszenierung spielt auf drei übereinander gebauten blauen Blocksegmenten, mit einer Tür, einer Heizung und einer riesigen Eule (für eine der in Seidels Stück eingebetteten Bedeutungsparabeln). Sie überrascht mit einer Fülle bunter Einfälle und überzeugt durch ihre verspielte Heiterkeit, die Seidels Schmerz und Wut deutlich durchscheinen lassen. Dem homogenen Ensemble gelingt es, den Text aus dem Jahr 1986 so erscheinen zu lassen, als sei er ganz von heute. Dieser Georg Seidel, das beweist die nur 75-minütige Inszenierung, ist zu Unrecht vergessen.
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