Carmen

Oper von Georges Bizet

Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy
nach der Novelle von Prosper Mérimée
Dialoge von Jana Eimer

Premiere am 8. November 2014, Großes Haus

in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln


Welche Oper ist geeignet, neben Wagners gigantischem »Ring des Nibelungen« zu bestehen? Keine besser als Bizets »Carmen«!
Der junge Soldat Don José begegnet während einer Wache zum ersten Mal der Zigeunerin Carmen. Kurz darauf lässt er sie, die er wegen eines Vergehens ins Gefängnis bringen soll, fliehen. Aus Dankbarkeit gewährt sie ihm ein Rendezvous. José bricht alle Brücken hinter sich ab und schließt sich wie Carmen den Schmugglern an. Während José sie allein für sich haben will, besteht Carmen kompromisslos auf ihrer persönlichen Freiheit. Der Stierkämpfer Escamillo weckt Josés Eifersucht.
Das Drama steuert auf die Katastrophe zu: In der Arena jubelt das Volk dem siegreichen Torrero zu.
Draußen kommt es zur letzten, tödlichen Begegnung zwischen Carmen und José.

»Carmen« hatte bei ihrer Uraufführung 1875 in Paris einen schweren Start. Das Publikum war schockiert vom Realismus des Werkes, die Kritik verriss es als »in höchstem Maße unmoralisch«. Doch noch im selben Jahr begann mit der deutschsprachigen Erstaufführung an der Wiener Hofoper der internationale Siegeszug. Heute ist »Carmen« die populärste Oper weltweit. Jana Eimers Dessauer Neuinszenierung erzählt die Geschichte als Lebensbeichte Josés, als Rückblick aus seiner Perspektive.



Musikalische Leitung Daniel Carlberg
Inszenierung und Bühnenkonzept Jana Eimer
Konzeptionelle Mitarbeit André Bücker
Ausführende Bühnenbildner Nicole Bergmann / Nancy Ungurean
Kostüme Katja Schröpfer
Choreografie Joe Monaghan
Chor Helmut Sonne
Kinderchor Dorislava Kuntscheva
Dramaturgie Ronald Müller

Carmen, Zigeunerin Rita Kapfhammer
Don José, Sergeant Marcel Reijans / Harrie van der Plas
Escamillo, Stierfechter Ulf Paulsen
Micaela, Bauernmädchen Cornelia Marschall
Remendado, Schmuggler David Ameln
Dancaïro, Schmuggler Adam Fenger
Frasquita, Zigeunerin Alexandra Joel
Mercédès, Zigeunerin Anne Weinkauf / Gerit Ada Hammer
Zuniga, Leutnant André Eckert
Moralés, Sergeant Pawel Tomczak
Lillas Pastia, Schankwirt Philipp Feige
Stimme Josés Gerald Fiedler

Opernchor des Anhaltischen Theaters
Extrachor des Anhaltischen Theaters
Kinderchor des Anhaltischen Theaters
Statisterie des Anhaltischen Theaters
Anhaltische Philharmonie

PRESSESTIMMEN

operapoint.com, 10.11.2014

Vorbemerkung
Jana Eimer hat eine „neue" Dialogfassung erstellt, die sich auf die Novelle von Prosper Merimee bezieht. Darin erzählt Don Jose in einem Rückblick alle Ereignisse mit Carmen. Dabei verblasst alles in der Erinnerung. Diese wird irreal, so dass sich die Einheit von Ort und Zeit aufhebt.
Aufführung
Am Anfang und am Ende steht Don Jose einsam vor dem eisernen Vorhang: Ein Schauspieler beschreibt mit trockenen Worten seine Lage. Während des Vorspiels sehen wir Szenen aus der Kindheit des Don Jose. Dieser hatte eine dominant strenge Mutter. Weiterhin wird Joses Beziehung zu Micaela geschildert. 
Das Bühnenbild zeigt keine konkreten Orte, sondern nur eine kreuzförmig schräg ansteigende Plattform, die durch Drehung immer neue Perspektiven erzeugt, auf die Seitenflächen werden Bilder von Franz von Stuck projiziert. Diese Jugendstil-Bilder des Münchner Symbolismus wie Sisyphus entfalten eine mystisch irreal imaginäre, aber stets passend kommentierende Wirkung. Die Kostüme entstammen ungefähr der Entstehungszeit, sind der traditionellen spanischen Kleidung verhaftet. Escamillo reitet effektvoll als Torero auf einem großen Plastikstier herein, Micaela ist eine Heilige mit Heiligenschein.
Sänger und Orchester
Daniel Carlberg gelingt es — in Zusammenarbeit mit der kongenialen Spielhandlung — , die Carmen als einen tiefenpsychologischen Verzweiflungsschrei, als musikalisches Drama und nicht — wie gemeinhin — als heiteres, folkloristisches Historienspiel ohne Tiefgang zu vermitteln. Die Balletteinlagen der Habanera, Seguidilla, Fandango (im Zigeunerlied) und Malaguena (Zwischenspiel 4. Akt), werden zwar als solche erkannt und können dennoch als getanzte symphonische Dichtungen gesehen werden. Schon das langsame abgekühlte Vorspiel macht den Beginn des Dramas deutlich. Die Anforderungen an die Hauptrollen sind hoch: Carmen muss im Auftrittslied, der Habanera, laszive Erotik verstrahlen und Escamillo technisch sauber die Sprünge in seinem Torero-Lied treffen. Da liegt Rita Kapfhammer genau richtig. Ihr Mezzo ist klangschön, elastisch und beweglich. Ihr unerschöpfliches Stimmvolumen und ihr Tonumfang fesseln von der ersten Note an. Leider ist an diesem Abend Ulf Paulsen indisponiert, er macht aber deutlich, dass er den Anforderungen gerecht werden könnte: in der nächsten Vorstellung Toréador en garde —Nimm Haltung an, Torero! 
Marcel Reijans (Don Jose) hat das stimmliche Format, um den Part mit der entsprechenden stimmlichen Dramatik zu gestalten. Die hohen Töne kommen mühelos, im Piano klingt er samten, und er kann im Forte viel Strahlkraft aufbringen. Cornelia Marschall kann als Micaela einer verklemmten Heiligen doch Gefühle abringen — mit warmer und weicher lyrischer Stimme, technisch sauber und leuchtend in den hohen Lagen. Die Nebenrollen und der Chor komplettieren das gute Zusammenspiel im Ensemble — besonders der bestens eingestellte und harmonierende Kinderchor.
Fazit
Ein rabenschwarzer dramatischer Opernabend geht mit einem Messerstich zu Ende. Die szenische Düsternis und die im Mittelpunkt stehende Verzweiflung des Don Jose fesseln den Zuhörer. Das Stück gewinnt an dramatischer Tiefe und auch musikalisch denkt man weniger an die Opera Comique als an die Untiefen Verdis (Otello) oder Wagners (Tristan und Isolde). Am Ende tosender Applaus eines Publikums, das auch die deutlich längere Spielfassung (mit den Einleitungsmonologen ergeben sich dreieinhalb Stunden Spieldauer) nicht davon abhält, intensiv einen herausragenden Opernabend zu feiern.

O. Hohlbach

Ohne Verlegenheiten – Bizets Carmen am Anhaltischen Theater in Dessau in der Inszenierung von Jana Eimer, nmz, 10.11.2014

(nmz) - Eigentlich ist Bizets „Carmen“ ein Selbstläufer. Man kann bei der Geschichte von der leidenschaftlichen Frau, deren Credo es ist, vor allem frei zu sein, eigentlich nicht allzu viel falsch machen. Man kann aber einiges besonders gut und richtig machen. So wie Jana Eimer jetzt in Dessau.

Von Joachim Lange

Sie erzählt die Geschichte von der plötzlich aufflammenden und für beide tödlich endenden Leidenschaft zwischen Carmen und Don José konsequent aus der Perspektive des schnell wieder Verlassenen. Die Frage, ob man sich für gesprochenen Dialogen oder gesungenen Rezitativen entscheidet, beantwortet sie mit einem eigenständigen und überzeugend umgesetzten Kunstgriff. Eine Stimme aus dem Off lässt uns an Don Josés Version der Geschichte teilhaben. Dabei hat sie sich in ihrer eigenen Dialogfassung von Prosper Mérimées Novelle inspirieren lassen, die die Vorlage für diese bei ihrer Uraufführung 1875 keineswegs schon erfolgreiche Oper lieferte. Heute ist das natürlich anders. Dem Franzosen Georges Bizet ist es sogar gelungen, die immer noch gängigen Spanienklischees nachhaltig im kollektiven Bewusstsein zu verankern. Was eine hübsche Pointe der europäischen Kultur ist.

In Dessau steht Don José, noch bevor die Musik einsetzt, mit dem Rücken an der Wand – es könnte die sein, an der der wegen der Ermordung Carmens zum Tode Verurteilte gleich im Kugelhagel eines Exekutionskommandos sein Leben verlieren wird. Wir hören Gerald Fiedler mit der genau dazu passenden deutschen Sprecher-Stimme aus dem Off. Während der Ouvertüre gibt es in kurzen Spots Szenen aus der Kindheit von José und Micaela. Sie spielen miteinander und wachsen heran. Josés Mutter ist allgegenwärtig und streng. Für Alles was dann passiert hat Jana Eimer ein riesiges, schräg ansteigendes, auf der Drehbühne liegendes Kreuz entworfen (und von Nicole Bergmann und Nancy Ungurean bauen lassen), das sich neben seinem metaphorischen Hintersinn, erstaunlich praktikabel bespielen lässt. Je nachdem, welche Position es gerade hat. Projektionen auf den Kreuzenden eröffnen mit zur Situation passenden Motiven Franz von Stucks bildlich eine zusätzliche Dimension. Das ist ästhetisch stimmig und im Dienste einer stringenten, wenn auch nicht naturalistischen Erzählung der bekannten Geschichte. Und die läuft als Rückblende noch einmal vor Don Josés und unseren Augen ab. In manchen Szenen bewegt er sich als staunender Beobachter durch seine eigene Geschichte. Dann aber wird er als Akteur in sie hineingezogen.

Dass Jana Eimer jahrelang mit Johannes Felsenstein gearbeitet hat, merkt man an der Personenführung. Die sitzt ohne irgendwelche Verlegenheiten, ist glaubwürdig und dicht. Auch da, wo die Perspektive Don Josés zu surrealen Überhöhungen führt. Micaela etwa, die die Mama gerne als Braut an der Seite des Sohnes sehen würde, erscheint hier gleich wie eine Heilige mit dem entsprechenden Strahlen ums Haupt. Einmal wird sie sogar als eine jener Heiligenfiguren hereingetragen, die in Spanien auch heute noch Teil ausführlich zelebrierter katholischer Rituale sind. Damit wird eine Distanz zu dieser Rivalin Carmens im Herzen von Don José geschaffen und zugleich verdeutlicht, warum es mit den beiden nichts werden konnte. Die Mutter Josés erscheint hier als furchterregend spanisch schwarz gekleidete, strenge Donna Mama. Psychologisch gesehen als Mutterproblem Josés. Sein Rivale Escamillo schließlich wird auf einem riesigen Stier in voller Montur und in Siegerpose hereingefahren. So nach dem Motto was anderen Angebern ihr Luxuscabrio ist dem Spanier sein schnaubendes Hornvieh. Über dem Kreuz, das für Carmen und José ein Kreuzweg des Schicksals ist, ist der tiefhängende Kulissenhimmel lodernd rot, wie das Kleid von Carmen und das Charisma dieser Frau. Für die Zwischenmusik hat Joe Monaghan eine surreale Tanzszene choreografiert, bei der sich unter der Stiermaske im Zentrum Micaela verbirgt…

Zur überzeugenden klar und doch mit starken Bildern erzählten Geschichte kommt in Dessau ein vokaler Ensembleglücksfall. Dass Rita Kapfhammer eine für Carmen maßgeschneiderte, dunkel timbrierte, kräftig leuchtende Stimme hat, wusste man. Nicht zuletzt von ihrer phänomenalen Fricka. Sie liefert die erwartete erstklassige Carmen. Eine Überraschung in Dessau ist der Holländer Marcel Reijans als José – leidenschaftlicher Schmelz, innere Zerrissenheit ist alles da. Ein wunderbar kraftvoller, aber nicht brüllenden Tenor-Strahlemann! Zur Heiligenfigur Micaela steuert Cornelia Marschall eine engelsgleiche Stimme bei und dass Ulf Paulsen den Escamillo mit seiner üblichen komödiantischen Nochanlance präsentiert (Grippewetter hin oder her), rundet dieses Protagonisten-Quartett ab, das die Spitze einer insgesamt überzeugenden Ensembleleistung anführt. Daniel Carlberg schließlich sorgt am Pult der Anhaltischen Philharmonie mit Präzision und Verve für die Leiden schaft, die wir im Gefolge von Bizet gerne für spanisch halten wollen.

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