Candide

Musical von Leonard Bernstein

Auf dem westfälischen Schloss Thunder-ten-Tronck wachsen Candide, seine heimliche Liebe Cunegunde, deren Bruder Maximilian und Paquette in der optimistischen Lebensphilosophie ihres Lehrers Pangloss von der „besten aller Welten“ auf. Die Idylle wird zerstört, als Candide vom Grafen Thunder-ten-Tronck beim Liebesspiel mit Cunegunde ertappt und aus dem Schloss verbannt wird. Auf seiner Reise durch die Welt muss Candide am eigenen Leib erfahren, dass die „beste aller Welten“ nur in der Philosophie und ohne Bezug zur Realität existiert. Mit Witz, beißendem Spott und Ironie werden der überhebliche Adel, die kirchliche Inquisition, Krieg, Sklaverei und die naive Utopie des einfachen Manns von einem sorglosen Leben angeprangert. Doch im Unterschied zu Voltaires Erzählung, die bei allem Humor ein bitterböses negatives Märchen ist, findet Bernsteins Werk einen versöhnlichen Abschluss, in einem Hymnus auf das bescheidene private Glück, den eigenen Garten zu bestellen. „Candide“ entstand 1956, nur ein Jahr vor „West Side Story“. Wenn „West Side Story“ auch die größere Bekanntheit erlangte, so ist „Candide“ doch das komplexere, genialere Werk, Bernsteins kühnste Schöpfung für die Musiktheaterbühne überhaupt, eine Mischung aus Musical, klassischer Operette und komischer Oper. Das Libretto ist eine geschickte Dramatisierung von Voltaires berühmtem Roman „Candide ou l’Optimisme“ [Candide oder der Optimismus]. In ihm wendet sich Voltaire in der Form der Satire gegen die optimistische Weltanschauung von Leibniz, der die „beste aller Welten“ postuliert, indem er Leibniz‘ Postulat in den Kontext der Zeit [das Erdbeben von Lissabon, Siebenjähriger Krieg, religiöser und weltanschaulicher Fanatismus] stellt.

Musikalische Leitung Daniel Carlberg
Inszenierung Cordula Däuper
Bühne Jochen Schmitt
Kostüme Mareile Krettek
Dramaturgie Heribert Germeshausen
Candide David Ameln / Angus Wood
Cunegunde Angelina Ruzzafante
Voltaire/Pangloss/Martin Stephan Lohse
Maximilian Wiard Witholt
Paquette Kristina Baran
Alte Lady Renate Dasch
Captain Kostadin Arguirov
Vardendendour/ Ragotski/ Governor David Schroeder

PRESSESTIMMEN

Udo Badelt, Opernwelt/ Februar 2010
Die beste aller Welten
Um herauszufinden, ob dies tatsächlich die beste aller möglichen Welten ist, kommen die Protagonisten in Leonard Bernsteins „Candide“ ganz schön rum: Westfalen, Bulgarien, Lissabon, Paris, Südamerika, Eldorado. Das Stück selbst reist nicht annähernd so viel: Es gilt, auch wegen der vielen Ortswechsel, als schwierig zu inszenieren und steht - zu Unrecht - im Schatten der „West Side Story“. Insofern ist es nicht ohne Reiz, dass „Candide“ jetzt in zwei Städten gleichzeitig auf die Bühne kommt (in beiden Fällen unter neuer Intendanz) und damit Anlass bietet, zwei verschiedene mögliche Theaterwelten und ihre Bedingungen kennenzulernen.
Antwerpen: Weltstadt der Renaissance, Hafenstadt, 470 000 Einwohner. Seit Januar 2009 ist der 35-jährige Schweizer Aviel Cahn Intendant der Vlaamse Opera. Sein Hauptanliegen ist es, Oper als Kunstform stärker zur Diskussion zu stellen und in die Stadt zu tragen. Zu dieser Strategie gehört ein Zusatzprogramm aus Filmen, Lesungen und Diskussionen. Es scheint zu funktionieren: Als Cahn vergangenes Jahr Saint-Saëns' „Samson und Dalila“ von einem israelisch-palästinensischen Regieduo inszenieren ließ, wurde heiß diskutiert in einer Kommune, in der so viele orthodoxe Juden leben wie nirgends sonst in Europa. „Candide“ soll diejenigen anlocken, die sonst eher ins Musical gehen. „Oper darf nicht nur für die Happy Few sein“, sagt Cahn, der dabei auf manche belgische Gefühligkeit Rücksicht nehmen muss. So gehen die Wallonen nicht nach Flandern in die Oper, sondern nach Brüssel. Die selbstbewussten Besucher aus Lilie dagegen müssen sich ihrer französischen Identität nicht versichern und fahren gern nach Antwerpen.
In Dessau wäre man wahrscheinlich froh, wenn man diese Probleme hätte. Deindustrialisierung, das Verschwinden der Junkers-Werke, ein Bevölkerungsrückgang von 130 000 (1940) auf zur Zeit rund 70 000 Einwohner und in der Folge mehrere Eingemeindungen haben dazu geführt, dass die Stadt inzwischen offiziell unter der Bindestrich-Scheußlichkeit „Dessau-Roßlau“ fungiert. Dennoch spürt André Bücker, seit dieser Spielzeit Intendant des Anhaltischen Theaters (als Nachfolger von Johannes Felsenstein), einen tief verwurzelten Stolz auf die reiche kulturelle Vergangenheit des mitteldeutschen Kernraums. An seinem Haus wird seit 1794 ununterbrochen Theater gespielt. Anders als Aviel Cahn in Antwerpen hat Bücker einen inhaltlichen Grund, „Candide“ auf den Spielplan zu setzen: Das nach einer Vorlage von Voltaire entstandene Stück soll die aufklärerische Tradition von Dessau als Geburtsstadt von Moses Mendelssohn zitieren. Deshalb ist auch Lessings „Nathan der Weise“ im Programm, und - als Kehrseite der Aufklärung - „Lohengrin“.
Musikalisch sind beide „Candide“-Abende auf ähnlich hohem Niveau. Daniel Carlberg in Dessau ist ein Dirigent mit äußerst präziser Zeichengebung; das Tempo legt er breiter und langsamer an - aber nicht langweiliger - als Yannis Pouspourikas in Antwerpen. Dort trifft das Orchester ziemlich genau den Geist jenes britischen Humors, mit dem Regisseur Nigel Lowery das Stück angegangen ist. In der kindlichen Idylle des Beginns laufen Candide und seine Liebe Kunigunde hinter einer Wand, davor baumeln Beinchen, die sie sich umgehängt haben, so dass sie aussehen wie Puppen. Erzähler ist hier ein Sendemast mit der Anmutung des Computers HAL in Stanley Kubricks Film „2001“. In Dessau nimmt Regisseurin Cordula Däuper die Figuren ernster, und nicht zuletzt deshalb ist ihre Inszenierung die ruhigere und menschlichere. Der Erzähler ist hier aus Fleisch und Blut, allerdings wechselt die Rolle mehrmals zwischen den Figuren, was eine Schwäche der Inszenierung ist. In bei den Häusern wird Dr. Pangloss, der die Lehre von Gottfried Wilhelm Leibniz vertritt - dass wir in der besten aller möglichen Welten leben würden - von Schauspielern verkörpert (Graham Valentine in Antwerpen, Stephan Lohse in Dessau), die zwar charakteristische Würze einbringen, als Sänger aber schwache Leistungen bieten.
Was man von der übrigen Besetzung nicht sagen kann. Herausragend: Jane Archibald (Antwerpen) und Angelina Ruzzafante(Dessau), die beide als Kunigunde nicht nur die Bravour-Nummer „Glitter And Be Gay“ souverän meistern, sowie Renate Dasch als Alte Frau in Dessau, die sich nach den internationalen Erfolgen ihrer Tochter Annette jetzt im Alter von 64 Jahren mit Noblesse noch einmal ein ganz neues Berufsfeld eröffnet hat. Früher war sie Ärztin - was für sie eindeutig nicht die beste aller möglichen Welten war.
Nederlanders vallen op in ‘gewone’ Candide www.operamagazine.nl, 07.12.2009

Alessandro Anghinoni

Na een bejubelde Lohengrin waren de verwachtingen rond de volgende première van het Anhaltisches Theater uit Dessau hooggespannen. De productie van Candide viel echter tegen. Niettemin waren de solisten, waaronder de Nederlandse bariton Wiard Witholt, goed.

Van mijn niet-Duitse vrienden heeft iedereen wel een idee wat Bauhaus is, maar slechts een paar weten waar Dessau ligt. Vaak halen ze de naam van de hoofdstad van het Bauhaus door de war met de naam van een concentratiekamp in Zuid-Duitsland. Maar de stad heeft niet direct zulke gruwelijke herinneringen. Er is slechts één goed zichtbaar spoor van de Nazi-tijd: het enorme, buitensporige theater dat door Adolf Hitler in 1938 geopend werd en uitgerust is met Duitslands grootste roterende toneel. Vandaag heet dit 1100 plaatsen tellende huis het Anhaltisches Theater en de nieuwe muzikale directeur is de Nederlandse workaholic Antony Hermus, die het seizoen op 4 oktober opende met een alom geprezen Lohengrin.

Zulke creatieve persoonlijkheden zijn welkom. Niet alleen bij culturele instituties, maar in de hele stad. Dessau probeert namelijk haar status als ‘kreisfreie Stadt’ (een onafhankelijke stad, die zo’n 100.000 inwoners moet hebben) te behouden en wil daarvoor de populatieafname die sinds de hereniging van Duitsland aan de gang is in bedwang houden.

In zo’n moeizame situatie kun je het programma van het operahuis zien als een oproep tot een revolutie: Lohengrin, Candide, Un ballo in Maschera, One touch of Venus en La muette de Portici zijn de grootste premières die gepland staan in het Antony Hermus-tijdperk. Alle opera’s gaan in meer of mindere mate over rebellie.

Lohengrin was een groot succes, op een paar wrijvingen met halsstarrige aanhangers van het traditionalisme na.

De tweede première, Candide van Leonard Bernstein, is slechts ten dele een voortzetting van het gladde pad van de roem. We zagen de laatste versie van het stuk, gebaseerd op een tekst van Hugh Weeler, in een Duitse vertaling, met dialogen die herzien waren door de jonge regisseur Cordula Däuper. Hoewel ik een supporter ben van de jonge mensen die in het theater in Dessau werken, moet ik jammer genoeg zeggen dat Däuper niet aan mijn verwachtingen kon voldoen. Niet dat de voorstelling het zien niet waard was, maar ik kon me gemakkelijk een veel verrassender, onderhoudender vertolking voorstellen. Dessau heeft meer nodig dan ‘gewone’ producties om uit haar depressieve situatie te klimmen.

Van de hoofdrollen wil ik David Ameln noemen, een knappe en ervaren buffo-tenor, die een zachte en lyrische Candide neerzette. Hij verpersoonlijkte de onschuld.

De briljante Nederlands-Italiaanse Angelina Ruzzafante – een mooie coloratuursopraan met prachtig lyrisch potentieel – zong Cunegonde zonder zichtbare moeite met de hoge e’s in de showaria ‘Glitter and be gay’. Helaas werd die aria geregisseerd als een magere en niet-originele kopie van ‘Diamonds are a girl’s best friends’.

De spelbreker Maximilian was de veelbelovende Nederlandse bariton Wiard Witholt, die zijn kleine rol uitstekend zong, met een preciesie in zijn uitspraak en gemak in zijn zang waarmee hij alle anderen overtrof.

Voor mij blijft het onbegrijpelijk waarom de operazangers uitgerust werden met microfoons. De onnatuurlijke klank stond in onaangenaam contrast met de rijkheid van de muziek uit de orkestbak. Een microfoon was misschien nodig voor de grotendeels gesproken rollen van Voltaire en dr. Pangloss, maar moest de rest van de cast daar dan door verpest worden?

Zoals ik al zei, heeft Dessau het grootste roterende toneel in Duitsland. Dus verwijt het me niet als ik zeg dat ik verwachtte dat er iets zou gaan gebeuren tijdens het laatste lied met koor, ‘Make our Garden Grow’. De klank was geweldig, maar het ijzeren gordijn was neergelaten en alles werd overgelaten aan de verbeelding van de toeschouwer. Een nogal minimalistische, koude, geenszins entertainende enscenering voor het slot van een show.

Niettemin, ik ben vol vertrouwen dat er meer over Dessau en zijn opera’s te vertellen zal zijn op basis van de volgende premières. Alessandro Anghinoni doet regelmatig verslag van interessante producties in Berlijn. Hij is Italiaans maar woont sinds 2000 in Berlijn. Hij is vertaler van beroep en schrijft regelmatig over opera. Voorheen voor bladen als Opernwelt, tegenwoordig op zijn blog Operello&Operella.

Wenn die „beste aller Welten“ auf die Wirklichkeit trifft Zerbster Volksstimme, 08.12.2009

von Helmut Rohm

Trist und grau verwehrt der sogenannte Eiserne Vorhang den Blick auf die Bühne. Aus dem Orchestergraben dagegen schallt temporeiche Musik, mit viel Blech, auch fließend schönen Passagen. Diese Ouvertüre von „Candide“, dem Musical von Leonhard Bernstein, ist sehr bekannt. Das Musical selbst dagegen ist recht selten auf der Bühne zu erleben. Jetzt hatte es in der Inszenierung von Cordula Däuper am Anhaltischen Theater Dessau Premiere.

Nach dem furiosen Auftakt durch die mitreißend aufspielende Anhaltische Philharmonie unter Leitung des 1. Kapellmeisters Daniel Carlberg tut sich eine weit in die Tiefe reichende Bühne mit oft nur skizzenhaft angedeuteten Requisiten auf. Eine ganz in Weiß gekleidete große Menschengruppe (Chor unter der Leitung von Helmut Sonne) vermittelt ein „Schön-Gut- Sauber“-Gefühl. Idylle „von früher“ steuert ein großes Mosaikbild bei (Bühne: Jochen Schmitt, Kostüme: Mareile Krettek). Gerade eben um und über diese „beste aller möglichen Welten“ geht es. Literarische Grundlage ist der Voltaire-Roman „Candide oder der Optimismus“, in dem sich der Autor mit der Leibniz- These von „der besten aller möglichen Welten“ auseinandersetzt.

Die Geschichte: Auf einem westfälischen Schloss Thunderten- Tronck werden die halbwüchsigen Kinder des Barons, Maximilian und Cunegunde, sowie Candide, ein unehelich geborener Neffe der beiden, und das Dienstmädchen Paquette vom Lehrer Pangloss erzogen. Abgeschirmt von der Realität, in der „besten aller Welten“. Wegen eines innerfamiliären Vorfalls wird der „Bastard“ Candide aus dem Schloss gejagt – und muss die reale schonungslose Vielfalt schrecklicher Erfahrungen durchleben. Cordula Däuper hat sich dem schwierigen Unterfangen erfolgreich gestellt, den Zuschauer auf die handlungs-, handlungsort- und personalreiche Irrfahrt des Candide durch ganz Europa, hin bis in die „Neue Welt“, mitzunehmen. Ihr Angebot: Eine Spielanordnung als Experiment, spannend und flott unterhaltend gestaltet. Zentrale Frage: Wie lange wird der Candide‘sche Optimismus Bestand haben? Eine von der Regisseurin geschaffene „allwissende Figur“ (ungemein variabel Stephan Lohse) wandelt zwischen Personen und Zeiten, ist Voltaire, Lehrer Pangloss, Mulatte Cacambo, auch Martin.

Mitdenken und Nachdenken

Dem Zuschauer, von dem viel Konzentration, Mit- und am besten auch Nachdenken abverlangt wird, hilft er, dem Geschehen, oft auch nur in ganz kurz erwähnten Episoden, stringent folgen zu können. Ein wenig Toleranz beim Publikum natürlich vorausgesetzt. Die Erzählweise von Cordula Däuper reflektiert die menschliche Gefühlspalette trefflich: dubios verwirrend, persiflierend, derb direkt, verletzend zynisch, satirisch, auch hintergründig humorvoll, ebenso emotional nahegehend. Auffallend, ohne vordergründig hervorgehoben zu werden, sind die vielen Parallelen im menschlichen Handlungsmuster von „früher und heute“. All diese Wahrheiten und Andeutungen, das aktionsreiche Spiel, die tolle Musik, verdankt das Publikum dem rundum engagierten Ensemble.

Herausragend sind die Protagonisten.

Faszinierend mit Stimme, Spiel und einem wahren „Koloraturen-Gewitter“ Angelina Ruzzafante als Cunegunde. David Ameln war der immer gescholtene, doch liebenswerte, ewig suchende Candide. Renate Dasch überzeugte als souverän mondäne Old Lady. Ob das abschließende Sich- Wiederfinden aller Figuren, das Haus bauen und warten, „bis unser Garten blüht“, die nun „beste aller Welten“ ist, bleibt offen. Diese Frage kann sich wohl nur jeder Zuschauer selbst beantworten.

Bernsteins Meisteroperette Candide in Dessau klassik.com, 07.12.2009

von Dr. Kevin Clarke

Als Autor eines Buchs mit dem Titel ‚Glitter and Be Gay’ muss ich gestehen, dass ich eine besondere Beziehung zu Leonard Bernsteins Comic Operetta in zwei Akten 'Candide’ (1956/73) habe, die die titel-inspirierende Sopranarie enthält: ein Koloraturfeuerwerk vom Allerfeinsten und Allerwitzigsten, das ich mir seit Jahren in allen möglichen Youtube-Versionen angeschaut habe und immer davon träumte, das ganze Stück endlich mal wieder live und auf einer Bühne in Deutschland zu erleben. Als das Anhaltische Theater Dessau eine Neuproduktion des burlesken Klassikers – in der überarbeiteten Version von Hugh Wheeler von 1973 – ankündigte, war die Vorfreude groß. Besonders weil die Eröffnung der Spielzeit unter der neuen Intendanz von André Bücker im Oktober so unglaublich vielversprechend war. Hatte damals Andrea Moses mit 'Lohengrin’ und einem extrem spielfreudigen Ensemble für Furore gesorgt, so erwartete ich von der jungen Regisseurin Cordula Däuper ähnliches. Schließlich hatte sie vor einem Jahr in Berlin mit 'Wiener Blut’ eine hinreißende Operetteninszenierung abgeliefert, danach an der Komischen Oper mit 'Vetter aus Dingsda’ eine deutlich weniger hinreißende Produktion, die aber wenigstens eine gute Grundidee hatte (Jazz-Operette als Bollywood-Adaption), deren Umsetzung nur leider nicht wirklich funktionierte. Nun also Bernsteins 'Candide’ und die ‚beste aller möglichen Welten’ in Dessau – ein Stück mit Erzähler (Stephan Lohse), das sich fast selbst erzählt und die Lacher des Publikums permanent auf seiner Seite haben sollte, schließlich stammt ein Großteil der Liedtexte ursprünglich von niemand Geringerem als der genialen Dorothy Parker. (Wer sonst hätte sich Sätze ausdenken können wie 'If I’m not pure, at least my jewels are’ in Kunigundes ‚Glitter’-Arie?)

Zwar fing der Abend mit der Virtuoso-Ouvertüre unter Leitung des ersten Kapellmeisters Daniel Carlberg vielversprechend an, aber schon ab der ersten Szene in einem typischen Volksbühnen/Regietheater-Bühnenbild (holzgetäfelte Wände in einer schäbigen Mehrzweckhalle, Darsteller in Trainingsanzügen und Adidas-Turnschuhen, Plastiktüten etc.) breitete sich eine Langeweile aus, die sich bis zum Finale II kontinuierlich steigert. Es schien, als würden sich selbst die Darsteller (Buffotenor David Ameln als Candide, Angelina Ruzzafante als Kunigunde, Renate Dasch als Old Lady, Wiard Withold als Maximilian) einer Inszenierung verweigern, die keinerlei Idee zu bieten hatte und die so überreiche Geschichte – basierend auf Voltaires gleichnamiger Satire – einfach nicht stattfinden ließ bzw. aus ihr keinen einzigen interpretatorischen Funken schlug.

Am Ende, nach zwei sich bleiern dahin schleppenden Akten, konnte das große Chorfinale (das so wunderbar den ein Jahr später komponierten 'Somewhere’-Schluss von 'West Side Story’ 1957 vorwegnimmt mit 'Make Our Garden Grow’) rein musikalisch überrumpeln, vor allem wegen der hervorragenden Leistung des Chors (Einstudierung: Helmut Sonne) und der leuchtenden lyrischen Bögen von Angelina Ruzzafante, doch zu retten war da nichts mehr. Vor allem weil alle bewegungslos vor einem grauen Eisernen Vorhang standen. Das Publikum – das beim 'Lohengrin’ noch so lautstark und leidenschaftlich reagiert hatte – war diesmal so erschlagen von dem inszenatorischen ‚Nichts’, dass es weder Applaus noch Buhs gab fürs Regieteam. Nur Erschöpfung angesichts eines Regiedebüts am Anhaltischen Theater, dem vermutlich keine Fortsetzung folgen wird. (Jedenfalls gratulierte Intendant Andrè Bücker nach der Vorstellung bei der Premierenfeier jedem einzelnen Solisten. Nur das Regieteam schien er vergessen zu haben. Darauf aufmerksam gemacht, sagte er nur ‚O Gott, o Gott!’) Wahrlich, mehr kann man zu dieser Inszenierung nicht sagen, die ein bedauerlicher, viel zu früher Tiefpunk der neuen Ära Bücker in Dessau ist. Es bleibt zu hoffen, dass der wunderschöne, gleißende Koloratursopran von Angelina Ruzzafante in der Großproduktion der 'Stummen von Portici’ nächstes Jahr besser zu Geltung kommen wird als im total verschenkten 'Glitter and Be Gay’. Wer die Arie erstklassig erleben will, sollte sicher nicht nach Dessau reisen.

Zeitlose Gültigkeit, opernnetz.de, 7.12.2009

von Franz R. Stuke

Es ist das Stück zur verlogenen Gegenwart – Voltaires philosophische Satire über „die Beste aller Welten“! Mit Bernsteins anspielungsreicher Musik entwickelt sich „Aufklärung mit den Mitteln der Unterhaltung“ (Brecht).

Das alles geschieht auf einer Bühne mit grauen Wänden, die sich zerlegen lassen, zu Stufen aufbauend, mit sparsamen Requisiten arbeitend – Jochen Schmitts Bühnen-Elemente schaffen die kommunikativen Räume der Ausweglosigkeit für die Personen, die immer wieder durch Versenkungen stimuliert werden. Mareile Kretteks phantasievolle Kostüme korrespondieren mit dem ironisierenden Duktus des überzeugenden Inszenierungskonzepts.

Daniel Carlberg stürzt sich mit der brillanten Anhaltischen Philharmonie fulminant in die „spritzige“ Ouvertüre, interpretiert die so faszinierend wechselnden Stil-Anleihen Bernsteins mit bewundernswerter Flexibilität, gibt den Solo-Instrumenten Raum für virtuose Passagen – und nutzt die Chance zu etwas Einmaligem: die „hinterlistige“ Umsetzung ironisch-klingender Musik!

Für die Solisten ein prima Angebot für inspirierendes Spiel und distanziert-interpretierenden Gesang, mit Chancen zum Demonstrieren stimmlicher Virtuosität. Stephan Lohse gibt dem Voltaire/Pangloss ambivalenten Charakter, agiert reaktionssicher, spricht enorm ausdrucksstark und singt mit beeindruckender Intensität. David Ameln gelingt ein naiv-leidender Candide, ein ästhimierender Archetyp gläubigen Vertrauens, stimmlich hellwach, variabel im Ausdruck. Renate Dasch ist die lustvoll-stimulierende Alte Dame, darstellerisch flexibel, mit chansonhafter stimmlicher Attitüde! Angelina Ruzzafante kostet die Rolle der Kunigunde ironisch-lustvoll aus, brilliert mit perlenden Koloraturen, fasziniert mit stimmlicher Variabilität. Das Dessauer Ensemble überzeugt mit attraktivem Spiel, gesanglich perfekt positioniert - so wie der Opernchor, geleitet von Helmut Sonne: individualisiert im kollektiven Spiel, famos im differenzierenden Gesang der von Bernstein geforderten Stil-Mixtur!

Der nicht nur intellektuelle Spaß an der aufklärerischen Geschichte fand zur Premiere kein volles Haus in Dessau mit seinem riesigen Auditorium - doch die Zustimmung wächst von Szene zu Szene, endet mit nachhaltiger Zustimmung. Prognose: Der Dessauer Candide wird zur Attraktion der Besucher aus Berlin, Leipzig, Magdeburg!

Witze am Scheiterhaufen Mitteldeutsche Zeitung, 7.12.2009

von Andreas Hillger

Die beste aller möglichen Welten ist ein fauler Kompromiss: Wir müssen unseren Garten pflegen, erkennt Candide am Ende seiner Grand Tour durch Gottes Schöpfung. Damit scheint er die höchste Stufe im Dreisatz der menschlichen Bildung erreicht zu haben: Narren hasten, Kluge warten, Weise gehen in den Garten. Doch ob der reine Tor aus dem westfälischen Schloss Thunder-ten-Tronck tatsächlich weise geworden ist, darf bezweifelt werden. Schließlich entscheidet er sich ausgerechnet jetzt, seine Geliebte Kunigunde zu heiraten. Was Leonard Bernstein bewogen hat, Voltaires Roman "Candide" um die Mitte des 20. Jahrhunderts zur Basis für ein Musical zu wählen, vermag auch die Inszenierung am Anhaltischen Theater Dessau nicht abschließend zu beantworten. Zwar lässt das musikalische Material keinen Zweifel am Wert des Werks, das Libretto aber bleibt auch hier eine Zumutung für die Darsteller wie für das Publikum.

Hastige Nachrichtensendung

Daran kann Cordula Däupers Lesart nichts ändern: Die Kurzatmigkeit der Geschichte verhindert jede Empathie für ihre Akteure, Candides Klagen rühren ebenso wenig wie die Opfer des Krieges und des Erdbebens, durch die der Philosoph seine Probanden hetzt. Das Ganze wirkt eher wie eine Nachrichtensendung, in der ferne Katastrophen zur hastig durchgewunkenen Mitteilung verkommen. Dieser Eindruck wird durch Regie und Ausstattung sogar noch verstärkt. Denn anstatt die historische Entfernung als plausible Perspektive zu akzeptieren, aus der sich die unglaublichen Abenteuer betrachten ließen, sucht man in Dessau die Nähe einer unmittelbaren Gegenwart. Und die bekommt der Geschichte schon deshalb nicht, weil dabei grundsätzliche Verabredungen aufgegeben werden: Wo ließe sich heute noch das Eldorado finden, das Voltaire als utopischen Ort in einer Neuen Welt behaupten konnte? Und wie lässt sich ein Autodafé als Besänftigung göttlichen Zorns übersetzen? Nachdem die Regisseurin mit dem Bühnenbildner Jochen Schmitt und der Kostümdesignerin Mareile Krettek eine Optik etabliert hat, die mit seitlich aufragenden Hochhausfassaden sowie mit der Tennis-Mode der Tanglewood-Bohème eine westliche Warenwelt beschwört, muss sie die ganze Geschichte auf diese Ästhetik herunterbrechen - und verlegt etwa die Opferung von Candides Lehrer Pangloss in eine Stadion-Fankurve, die zudem mit der sozial tolerierten Selbstschädigung durch Tabakgenuss kurzgeschlossen wird. Raucherwitze am Scheiterhaufen - O sancta Simplicitas!

Auch sonst hat man gelegentlich den Eindruck, dass die Regie der Ironie der Vorlage misstraut und sie durch schale Scherze ins Unmissverständliche überzeichnen will. Dabei findet sich alles, was man für das Verständnis von "Candide" braucht, im Graben: Die in doppelbödiger Harmonie schwelgenden Streicher, die mutwillig stampfenden Blech- und die arrogant näselnden Holzbläser agieren unter Daniel Carlbergs raumgreifendem und forderndem Dirigat so wunderbar geschlossen, dass jeder Einsatz der Anhaltischen Philharmonie die Ansetzung des Stückes rechtfertigt. Und auch die Sängerbesetzung lässt kaum Wünsche offen: David Ameln hat den naiven Ton des Titelhelden verinnerlicht, Angelina Ruzzafante ist mit dem hoch dramatischen Gestus ihrer Kunigunde bestens vertraut, Renate Dasch zeigt als Old Lady so viel augenzwinkernde Selbstironie wie Wiard Witholt als Maximilian - und in den kleineren Rollen bewähren sich neben Kostadin Arguirov und David Schroeder die Solisten jenes Chores, den Helmut Sonne generell ausgezeichnet präpariert hat.

Narrensprüche und Werbeslogans

Doch dass man von keinem dieser Darsteller wesentlich mehr zu sagen weiß, ist symptomatisch für die mangelnde Tiefenschärfe: Lediglich Stephan Lohse, der als Voltaire und Pangloss, als Cacambo und Martin durch die Geschichte führt, entwickelt dank seiner tänzerischen Eleganz und seiner darstellerischen Kraft ein Identifikations-Angebot. Allerdings beneidet man ihn schon bald um die 3D-Brille, mit der er dem Geschehen offenbar eine Dimension abgewinnen kann, die man vom Parkett aus vergeblich sucht. Dass diverse Narrensprüche und Werbeslogans zudem gelegentlich wie eine unfreiwillige Parodie auf jenen "Lohengrin" wirken, den Andrea Moses jüngst so ungleich plausibler und konsequenter auf die selbe Bühne gebracht hat, ist ein fataler Nebeneffekt. Denn nun kann man in Dessau neben der subversiven Kraft auch die affirmative Belanglosigkeit von verschriftlichten Regie-Einfällen studieren. Im Finale aber, als alle Figuren vor dem Eisernen Vorhang zur Ruhe kommen, wird man plötzlich überwältigt - und ahnt, was man drei Stunden lang verpasst hat.

»Fazit« - Uwe Friedrich deutschlandfunk, 5.12.2009 (Audio)
Musikjournal zu »Candide« DeutschlandFunk von Irene Constantin, 07.12.2009 (Audio)
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