Bockwurst, Bier und Opernboogie

Ein Kreisler-Abend mit Felix Defèr

Georg Kreisler, der Kabarettist, der diese Bezeichnung immer ablehnte, der Klavier-Virtuose, Gesichts-Gymnast und Sprach-Meister, hat uns herrlich dunkle Lieder wie "Taubenvergiften im Park", aber auch so feine Balladen wie "Zwei alte Tanten tanzen Tango" hinterlassen. Schauspieler Felix Defèr und der Pianist Frank Raschke wagen es, diese Texte und Musik wieder lebendig werden zu lassen, abseits der konservierten Platten - ein persönlicher und köstlich böser Liederabend!

PRESSESTIMMEN

Liebe mit Senf, Mitteldeutsche Zeitung, 13.05.2014

OPERNBOOGIE Kreisler-Abend mit Felix Defèr und Frank Raschke hat Premiere.

von Thomas Altmann

"Wie schön ist es, eine Wurst zu verzehren und gleichzeitig Opern anzuhören." Rumpfopern, Ritterarien oder, bitteschön, doch einen Schlager, nix aktuelles, nix kulturelles. Nur die Wiener werden nicht paarweise gereicht, sondern mit Senf.

"Bockwurst, Bier und Opernboogie", ein Kreisler-Abend mit Felix Defèr am Triangel und Frank Raschke am Klavier, feierte am Sonntag Premiere im Alten Theater Dessau. Die "Bockwurst" blieb schmal und wienerte insofern. Das "Barbara-Rhabarber-Bar-Barbier-Barbaren-Bier" hat möglicherweise mehr Silben als Prozente. Dennoch ziehen Ritter und Ritterin sterbend beschwipst durch die Oper, ein Kreisler-Klassiker, eine kurz gefasste Resümee-Oper mit ausführlichem Pausenkommentar.

Politisch ungeschminkt

Leere Notenpulte an voll besetzten Kaffeehaus-Tischen beleuchten gemütlich indirekt das Foyer, ein Orchestergraben zu ebener Erde ohne Orchester. Dass dieses säumig war, fiel wenig ins Gewicht, denn es erklingt doch, nach 80 Takten Pause: "Ping". Das (österreichisch) Triangel kommt punktgenau in selbstmitleidiger Selbstlosigkeit. Pomade im Haar, Kraft in der Kehle, schmissig bissig, spröde, stark und manchmal arglos versonnen, schlenkert und hastet Defèr durch die bitter vergnüglichen, schmollend oder zynisch träumenden und politisch ungeschminkten Lieder.

Bald in coupletselig knapper und insofern beredter Mimik, bald in kurzfristig zügellos pulsierenden Gesten liefert er unentwegt alles erzählende Verse wie: "Mein Großpapa, ein Gasthauskoch, bestieg einmal das Jungfernjoch" und stürzte tief. Dieser Kreisler-Abend bleibt lose verleimt, erzählt nichts vom bewegten Leben Georg Kreislers, erzählt dessen Lieder, zuweilen gebunden in einem nicht vertonten Text. So ist in die große erste Liebe, die Carolina Kückelmann so beiläufig enttäuschte, das schöne blonde Lied vom "Mädchen mit den drei blauen Augen" gerückt. Und Defèr liebt augenscheinlich augenfällig: "Aug in Aug, Aug in Aug - und Aug", ein Gipfelchen der Intimität. Kreislers "Barbara"-Song wird traumverloren berechnend mit dem Zungenbrecher "Barbararhabarberbar..." verwoben. Die Traumfrau solle ausdrücklich Traum bleiben. Denn wie meinte Kreisler? "Wirklichkeit heißt Spesen. Träume sind Ertrag."

Und immer tanzt und marschiert, geifert, lamentiert und parodiert, illustriert und kommentiert das Klavier. Raschke spielt auch Akkordeon oder "singt" in verkracht flötenden Obertönen, etwa in "Der Kanzler lacht", ein Trauermarsch, eine erschlagende Episodenelegie, gesungen, durchlebt und durchlitten von Defèr und Raschke, live übertragen via Cam, bis zum Schmerz verzerrt, dennoch ungemein schlüssig.

Würstchen verzehrend, tanzt Defèr die "Telefonbuchpolka" durch den gefüllten Mund, gedämpft zungenbrecherisch und ein wenig nach "Stroganoff" von Friedrich Hollaender klingend. Dieser war schließlich kurzfristig Kreislers Schwiegervater. Geboten wird die Seite "Vau" wie "...Viskocil, Vochedecka, Vuggelic, Vrtatko, Vukasinowitc..." und endlos so weiter.

Kein größeres Plaisir

Da bleibt nichts, als dem Interpreten genial radikale Texttreue zu unterstellen. Die Klavierlehrerin, ein kurz vor der Mumifizierung stehendes Fräulein mit Damenbart, überschattet, ein Fis erkältet verschmierend, das Finale. Dieses gehört dann zwangsläufig, auch wenn Georg Kreisler sein Erfolgslied selbst "primitiv" nannte, um es doch unentwegt zu repetierten, den vergifteten Tauben im Park. Nun liegen Zettel auf den Pulten. Alle singen, auch das, was sie nicht singen sollten, als gingen sie jetzt noch in den Park.

So endet der Abend schunkelnd beinah. "Kann's geben im Leben ein größ'res Plaisir"?

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