Bauhaus tanzen

Bewegungsstücke und –installationen

Die unter Oskar Schlemmer in der Bauhausbühnenwerkstatt 1926-1929 entstandenen „Bauhaustänze“ werden in diesem Tanzfondserbe-Projekt aus zeitgenössischer Perspektive untersucht und choreografisch neu interpretiert. Diese minimalistisch-clipartigen, wesentlich pantomimischen und bewegungsorientierten Versuchsanordnungen gelten heute als Teil der Vorgeschichte von Performance und Aktionskunst. Die Arbeiten der jungen Künstler aus Dessau und Berlin bilden eine kreative Synthese zwischen Auseinandersetzung mit Tanzgeschichte und heutigen Sichtweisen, die sich als Werkstattaufführung in Tanz, Performances, Kostüme, Objekte, Klang, Installationen und Gesprächen präsentiert.

von und mit u.a.: Doris Dziersk, Klaus Janek, Juan Pablo Lastras-Sanchez, Joe Monaghan, Ingo Reulecke und Studierenden des Hochschulzentrums für Tanz und der TU Berlin

Gefördert von TANZFONDS ERBE – Eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes.

Eine Kooperation von:
Stiftung Bauhaus Dessau / Hochschulzentrum für Tanz / Anhaltisches Theater Dessau / TU Berlin


8. Februar 2014, 15—20 Uhr
Preview und Werkstattaufführung im Rahmen der Ausstellung: "Mensch-Raum-Maschine“ am Bauhaus Dessau

18. April 2014, 17—21 Uhr
Premiere in den Uferstudios Berlin

03. Mai 2014, 17—21 Uhr
Premiere auf der Bauhausbühne Dessau






Künstlerische Gesamtleitung Ingo Reulecke
Projektleitung Burghard Duhm
Choreografie Joe Monaghan / Juan Pablo Lastras-Sanchez
Bühne und Kostüme Doris Dziersk
Komponist Klaus Janek
Dramaturgie Sophie Walz
Projektkoordination Cecilia Amann / Burghard Duhm / Sophie Walz

Tänzer in der Choreografie von Joe Monaghan Charline Debons / Madeleine Fehr / Natalia Pasiut
Tänzer in der Choreografie von Juan Pablo Lastras Sanchez Charline Debons / Joshua Swain

PRESSESTIMMEN

Schauspiel und Spieltrieb, Mitteldeutsche Zeitung, 06.05.2014

von Thomas Altmann
Schauspiel und Spieltrieb
PREMIERE "Bauhaus tanzen" ist unterwegs auf den Spuren Oskar Schlemmers.

Lichtstreifen und Schattenbänder rhythmisieren den Raum und den Tänzermenschen. "Ein räumlich lineares Gespinst, das den sich darin bewegenden Menschen entscheidend beeinflusst", würde Oskar Schlemmer vielleicht sagen. Nun aber ist der Maschinenmensch im Informationszeitalter angekommen, verfängt sich im Netz, reagiert auf Computerimpulse.

Nach einer Voraufführung im Februar und einer Premiere in den Uferstudios Berlin wurden die Ergebnisse des Projektes "Bauhaus tanzen. Bewegungstücke und -installationen, inspiriert von Oskar Schlemmers Bauhaustänzen" am Sonnabend im Bauhaus Dessau gezeigt. Dabei ging es nicht um die Rekonstruktion der Bewegungsstudien und Raumversuche Schlemmers, sondern um einen suchenden Zugang, um verspielte, improvisatorische Kommunikation.

Die Bühne sei gleich dem Bau ein orchestraler Komplex, und diene dem "metaphysischen Bedürfnis des Menschen, indem sie eine Scheinwelt aufrichtet", sagte Schlemmer 1927, und: "Bühne am Bauhaus war mit dem ersten Tag seines Bestehens da, weil der Spieltrieb vom ersten Tag an da war", jener Trieb, den Schiller als die Kraft bezeichnet habe, aus der die wahrhaft schöpferischen Werte des Menschen flössen.

Suche nach dem neuen Weg

Schlemmer machte den Tanz zum Schau-Spiel, sah mit dem Auge des Malers auf die Choreographie, stellte die Versuche über den Menschen im Raum in den Dienst der Architektur und platzierte schlichte Schrittfolgen im Spannungsfeld zwischen Mensch und Maschine. Er setzte die Gelenkapparatur in das Getriebe der Zeit, einer Zeit, in der Prothesen ersetzten, was die Maschinerie des Ersten Weltkrieges übrig ließ. Prothesen, Präzision, Puppen: Schlemmer suchte einen neuen Weg, den neuen Menschen in einer neuen Zeit.

"Stäbe tanzen" von Raphael Hillebrand hieß das eingangs erwähnte erste Stück, welches sich auf Schlemmers "Stäbetanz" bezieht und sich von diesem löst. Licht und Schatten, balancierend, rasend, Bahnen, Wege, Teile für das Ganze, ein Netzwerk, ein Transport in die Gegenwart und am Ende ein leerer Raum. Dann schlüpfen zwei Kobolde aus Kubus und Pyramide. Mit der Geometrie des Ureis beginnt "kobolding the bauhaus" von Juan Pablo Lastras-Sanchez, entzückende Personifizierung der Gliedmaßen, körperbetontes Farbspiel, Farbkörper mit sichtbaren Berührungen, in toto neckende Haus-, sprich Bauhausgeister.

Von der Bühne geht es auf einen Parcours: "Paper-traced", Papierstreifen und Interaktionen, die den Raum und den Körper in Korrelation verändern, atmosphärisch. "Division": Verortung und Grenzüberschreitung, Zollstöcke, mürbe Maß- und Übergaben. "Aufgaben für drei Tänzer im Kubus": Metronome, Regularität als Kunstform, mechanische synchrone Bewegung, Typisierung, clownesk beinah. "...bis man den Menschen trifft": Klettverschlüsse musizieren Zwänge und Lösungsversuche, Wände schieben die Zuschauer zusammen, namenlose Berührungen, ein Karton verstellt Gesicht und Begegnung. "Über Beziehungen": Kugel, Tetraeder und Kubus behausen und befragen wie auf einer Expedition Beziehungen zwischen den Objekten und das Verhältnis Objekt und Mensch. Und unten im Klub dreht sich das "Kugel Theater" im Spiel der Kräfte.

Zurück zur Bühne: Frisch und frech und doch erschlagend röchelnd, stampfend aussichtslos bleibt der Versuch des Menschen sich den übergroßen, leicht verbrämt gefärbten, geometrischen Grundformen zu nähern in Julian Webers "das Feld". Dann wanken schwarze Rechtecke auf schwarzen Grund, leises Licht. Die verhalten bewegte Kulisse wird zum Kontrast und Halt der augenzwinkernd edel, naturnah skulpturalisierten Tänzer in Joe Monaghans "Wo allein der Körper spricht...". Es sind die Reibungsflächen zwischen Mensch und Objekt, zwischen Bewegungsmechanik und Ausdruck, die häufig thematisiert und meist beibehalten werden.

Gebrauchsgegenstände der Seele

"Das triadische Schloss", ein Kurzfilm von Matteo Graziano mit Bezug auf Oskar Schlemmers Ballett beendet den Reigen. Zur Trias zählen Industriearchitektur und Uniformierung, die Schönheit von Hand und Geisterhand bewegter Transportkisten in tanzenden Licht- und Schattenspielen, sowie der verschönte Körper. Endlich dreht Joe Monaghan den Kopf aus der Scheibenmaske: Licht, Schatten, fester Blick; und im Keller folgt das Tanzkonzert. Die Kunst, sagte Schlemmer, schaffe "Gebrauchsgegenstände der Seele".

1101