Amadeus [UA]

Ballett von Tomasz Kajdanski

Wolfgang A. Mozart, ein von Gott geküsster Künstler, ein Genie, ein Superstar, ein Wahnsinniger, ein Revolutionär ... Seine Musik – die trotz scheinbarer Leichtigkeit und eingängiger Melodien große Komplexität besitzt – fasziniert, begeistert, aber wirft auch Fragen auf, heute ebenso wie damals. Mit seinen Kompositionen beflügelte er seine Mitmenschen, doch in seiner Äußergewöhnlichkeit verstörte er auch immer wieder gerade die Menschen, die ihm nahe standen: seine Schwester, sein Vater, seine Kollegen und seine Frau Constanze.

Das Leben von Wolfgang Amadeus Mozart besitzt zahlreiche Facetten, doch besonders zeichnet es sich durch den immensen Schaffensdrang, seine Visionen, seine Ekstase beim Feiern, aber auch seine einsamen und melancholischen Momente aus. Mozart wurde vom Wunderknaben zu einem der erfolgreichsten Künstler aller Zeiten, musste aber auch zahlreiche Misserfolge und Schicksalsschläge hinehmen. Dieses Spannungsfeld inspiriert Tomasz Kajdanski zu seinem Ballettabend: ein Kaleidoskop des Lebens eines Genies.

Inszenierung und Choreographie Tomasz Kajdanski
Bühne und Kostüme Dorin Gal
Video Enrico Mazzi
Dramaturgie Sophie Walz

Amadeus Joe Monaghan / Enea Bakiu
Constanze Laura Costa Chaud
Salieri Juan Pablo Lastras-Sanchez
Vater Joshua Swain / Jonathan Augereau
Fatum Enea Bakiu / Thomas Ambrosini
Engel Anna-Maria Tasarz / Mélanie Legrand
frivole Dame Annelies Waller

PRESSESTIMMEN

Helmut Rohm, Volksstimme, 28.06.2013

Kaleidoskop widersprüchlichen Lebens Neues Dessauer Ballett „Amadeus“ widmet sich Mozart / Vorerst letzte Aufführung am Sonntag

Zum letzten Mal in dieser Spielzeit steht am Sonntag um 18 Uhr "Amadeus" auf dem Spielplan des Anhaltischen Theater Dessau. Tomasz Kajdanski hat das neue Ballett choreografiert und inszeniert.

Das Ballett „Amadeus“ zu „Musik von Wolfgang Amadeus Mozart im Original und in Jazz- und Popbearbeitungen“ erlebte seine Uraufführung am 14. Juni im Dessauer Theater.
Auch die berühmten Mozartkugeln, übergroß im tierischen Outfit, tanzten mit. Humorvoll und mit Augenzwinkern bedient sich Ballettchef Tomasz Kajdanski nur hin und wieder der vielfältigen Klischees, mit denen man die Kultfigur Wolfgang Amadeus Mozart zu dessen Lebzeiten sowie nach seinem Tod verband. Der Zuschauer erlebte im etwa 8ß-minütigen Nonstop ein Kaleidoskop der verschiedensten Lebensfacetten Mozarts als Künstler, aber auch als Mensch. Die Inszenierung dringt tief ein in die Gefühlswelt Mozarts, lässt die bewegten Beziehungen zu Menschen seiner unmittelbaren Umwelt miterleben, macht auch vor teils krassen Widersprüchen des Tuns Mozarts nicht halt.

Mozarts Leben und Salleris Erinnerungen

Der unbestrittene Erfolg dieser neuen Ballettkreation ist mit Joe Monaghan als Mozart ganz eng verbunden. Seine meisterliche Präsentation klassischen Tanzes in Symbiose mit ausdrucksstarkem Spiel, mit großen Gesten hin bis zu den nuancenreichen Details haben Mozart fast leibhaftig auferstehen lassen. Dramaturgisch spannt Kajdanski einen Kontrastbogen zu Antonio Salieris Erinnerungen. Dieser österreichische Komponist gilt landläufig als großer Gegenspieler und Neider von Mozart, obwohl die Geschichte diese Beziehungen inzwischen viel differenzierter betrachtet wird.

Kajdanski lässt sein Ballett mit Salieri beginnen, von Juan Pablo Lastras-Sanchez ebenso eindringlich und eindrucksvoll getanzt. Auf der großen tiefen Bühne, optisch von Videoeinspielungen begleitet und effektvoll von Bühnentechnik unterstützt, erleben er und das Publikum mehr symbolträchtig „die Geburt des Genies" und auch gleich „auf dem Fuß" folgend, den dominanten und gestrengen Vater Leopold (Joshua Swain).

Das Ballett widmet sich ebenso in verschiedenen Szenen dem von wechselnder Emotionalität geprägten Leben zwischen Mozart und seiner Frau Constanze. Laura Costa Chaud verkörpert Constanze in großer Vielfalt, brilliert durch eindrucksvolle Soli und im Pas de deux mit Joe Monaghan, fasziniert mit starker Mimik und Gestik.

Unterhaltsam, kurzweilig und temporeich

Im Erleben zwischen Visionen und Realität trifft Mozart in schlaglichtartigen, teils geheimnisvoll spannenden Sequenzen ebenso auf einen Engel (Anna-Maria Tasarz), auch auf Fatum (Enea Bakiu). In einer mehr „lockeren“ Lebensphase kommt es, symbolisch angedeutet, zu erotisch geprägten Zusammentreffen mit einer frivolen Dame (Annelies Waller).

Kajdanski gestaltet ein unterhaltsames, meist kurzweiliges Ballett mit zahlreichen engagiert und einfallsreich getanzten Gruppenszenen unterschiedlichen Couleurs. Da haben alle 14 Mitglieder der Companie voll zu tun. Neben den schon genannten Mozartkugeln, dargestellt von Mitgliedern des Kinderballetts (Anna-Maria Tasarz), des Theaters, geben sich auch eine Rokoko-Gesellschaft, Kardinäle, ebenso Freimaurer die Ehre eines Auftritts. Auch Falkos „Rock me Amadeus“ fehlt nicht, farbenfroh und temporeich - mit viel Szenenbeifall aufgenommen.

Die Tänzerinnen und Tänzer sind in charakterisierenden, schön anzusehenden Kostümen „gewandet", der große Bühnenraum ist von eingeleuchteten Notenblättern geprägt (Kostüme und Bühne Dorin Gal, Video Enrico Mazzi). Auch in der zweiten Aufführung hatte das Publikum viel Beifall für dieses neue Dessauer Ballett.

Joachim Lange, Mitteldeutsche Zeitung, 18.06.2013

Mozart lässt es rocken

Ein Popstar seiner Zeit: Umjubelte Uraufführung von Tomasz Kajdanskis Ballett "Amadeus" in Dessau.

Normalerweise würde man zunächst mal darüber schmunzeln, dass der Dessauer Ballett-Chef Tomasz Kajdanski mitten im Wagner-Verdi-Jahr ausgerechnet Mozart zum Thema seiner neuesten Produktion macht. Amadeus - zieht seine Grimassen auf dem Programm. Vier Mal, schrill und bunt, als wär's von Warhol. Wobei man in Dessau ja keine Defizite in Sachen Wagner hat. Nicht nur vom "Ring" ist die größere Hälfte (gemessen an der Stunden- nicht an der Stückezahl, versteht sich) gestemmt. Und auch Kajdanski und sein Ballett haben ja ihre bejubelte "Siegfried-Saga" längst im Kasten.

Tanztauglich und gescheit

Doch heute fällt vor allem das große Plakat am Haus ins Auge, das auch das gerade vorgestellte neue Jahresprogramm ziert. Viele Menschen stehen da vor ihrem Theater mit den roten "5 vor 12"-Karten in der Hand. So als wollten sie es verteidigen. Nachdem sich das Elbehochwasser Gott sei Dank verzogen hat, droht nun ja bekanntlich die - per Sparvorlage angedrohte - große Dürre.

Von jetzt an ist im Grunde jede Premiere in Dessau, in Halle und besonders in Eisleben auch ein Akt der Selbstbehauptung und des Widerstandes. Ein Aufruf ans Publikum, sich zu bekennen, ein Protest gegen eine (Kultur-)Politik, die man kaum mehr so nennen kann, weil sie ohne nach vorne gerichtetes Konzept und kulturpolitischen Sachverstand einfach drauf los holzt, ohne Schaden und Nutzen wirklich gegeneinander abzuwägen. Aber wenigstens im Theater sind Profis am Werke. Die werden zwar gelegentlich mit Rosen beworfen, sind aber alles andere als auf Rosen gebettet.

Dieser neue "Amadeus" nun, glänzt wie immer bei Kajdanski durch eine gescheite und tanztaugliche Musikauswahl. Mozart liefert das meiste selbst, aber ohne jeden Zug von Heiligenverehrung. Eher als das privat sehr menschliche, so herrlich alberne, manchmal freche Genie. Diesmal nur eingespielt - den vollen Luxus mit Livemusik kann man sich halt nicht immer leisten. Aber wenn schon nicht die Hausmusik, dann halt Marriner und Harnoncourt. Oder eben Falco meets Mozart.

Das funktioniert gut, und zündet beim Publikum gerade da, wo die Bühne mit dem Musical flirtet. Zehn Musikstücke zu mehr als einem Dutzend frei assoziierender Lebenssituationen. Zum Glück nicht rein biografisch vom kleinen Wunder-Wolferl bis zum Komponisten der eigene Totenmesse. Es ist mehr das Originalgenie mit den manchmal ziemlich kindsköpfigen Manieren und der unbändigen Lebenslust, das Kajdanski zeigt.

Genauer, den der Star des Ensembles Joe Monaghan zum Leben erweckt. Mit flippigen Kostümen zwischen Barock und Pop, auf Dorin Gals klarer Bühne mit atmosphärisch illustrierenden Notenblatt- und Mozartbild-Prospekten und den faszinierenden Video-Sequenzen (von Enrico Mazzi), die immer nur dann auftrumpfen, wenn es passt - wie etwa als Palasttreppen.

Auch da wo es ernst (gemeint) wird, wie beim Auftauchen des Fatums oder des Engels, bleibt ein gewisses Augenzwinkern dabei. Natürlich hat der arme Antonio Salieri das erste Solo. Juan Pablo Lastras-Sanchez leitet damit das finster neidische Gegenspieler-Image des mit weniger Talent Gesegneten ein, überdämonisiert ihn aber dennoch nicht. Obwohl er am Ende dem wie Don Giovanni in der Versenkungsgrube verschwindenden Mozart zu Confutatis und Lacrimosa aus dem Requiem unter einem bedrohlich schwebenden Kubus die Feder aus der Hand nimmt.

Flucht in die Rokokogesellschaft

Genützt hat es ihm (im Bild der Nachwelt, und dank Peter Shaffers Bühnen-Annäherung) nichts. Salieries Ruf bleibt (ungerechterweise) ruiniert. Der Abend ist kein Versuch, das Genie Mozart zu suchen, das sich gegen die Widrigkeiten der Welt behauptet. Er schlägt sich auf die Seite des Popstars seiner Zeit. Die These, dass er am liebsten mit losgerockt hätte, kommt einem recht schlüssig vor, wenn sie da mit Jeans zur barocken Haarmode loslegen. Auf ein paar biografische Personalien verzichtet Kajdanski natürlich nicht. So sind die Pas des deux mit der hinreißenden Laura Costa Chaud als Constanze oder das Auftauchen des gestrengen Wunderkind-Vaters und Managers Leopold (Joshua Swain) das eine. Die Flucht in die rockende Rokoko-Gesellschaft, die Herausforderung der (ja immerhin doch zahlenden) Kardinäle, die Versuchungen durch die frivole Dame (eine für alle: Annelies Waller) oder die aus der vermarktungsversessenen Nachwelt anrollenden Mozartkugeln sind das andere.

Und mittendrin: unser aller Amadeus. Immer etwas schwebend. Und ein neues Stück genialer Musik im lockeren Handgelenk. Ganz so, wie wir ihn zu kennen glauben. Es ist vielleicht nicht Kajdanskis tiefschürfendste und durchreflektierteste Arbeit, aber eine seiner vitalsten und temporeichsten. Jubel in Dessau.

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