Aida

Oper von Giuseppe Verdi

Der ägyptische Heerführer Radames soll gegen die Nubier in den Krieg ziehen und ist siegesgewiss. Nach seiner Rückkehr aus dem Feld möchte er die Sklavin Aida heiraten, die ihn liebt. Aida befindet sich in einem Zwiespalt: Sie schwankt zwischen ihrer Liebe zu Radames und ihrer Liebe zu ihrem Land – sie kam als Kriegsgefangene aus Nubien.

Die Ägypter besiegen die Nubier und feiern sich in einem Triumphzug. Der Pharao verspricht Radames als Belohnung für den Sieg seine Tochter Amneris zur Frau und lässt die nubischen Gefangenen frei, als Radames und der nubische Gefangene Amonasro darum bitten.

Amonasro ist Aidas Vater und – das weiß niemand in Ägypten – der totgeglaubte König der Nubier. Er überredet seine Tochter, Radames über militärische Pläne auszuhorchen. Als Radames im Gespräch mit Aida wichtige Informationen weitergibt und feststellt, dass Amonasro sie belauscht hat, wird ihm bewusst, dass er Verrat begangen hat. Während die Nubier fliehen, liefert Radames sich den ägyptischen Truppen aus. Er wird zum Tode verurteilt. Da erscheint Aida: Sie ist zu ihm vorgedrungen, um mit ihm gemeinsam zu sterben.

Zwar hält »Aida«, der große Verdi-Klassiker, der im Auftrag der Oper Kairo entstand und 1871 uraufgeführt wurde, viel mitreißendes Musiktheater im großen Stil bereit. Doch im Kern ist »Aida« eine Kammeroper über Liebe, Eifersucht und Verrat zwischen drei jungen Menschen. Und trotz jenes Marsches für die berühmten »Aida-Trompeten« trägt das Werk die noble, feine Handschrift des späten Verdi, der für alle Empfindungen die passenden Töne und Zwischentöne fand. Die Staatsaktion mit Kriegserklärung, Triumphzug, Hochverrat und Hinrichtung stellt dabei keine überflüssige Äußerlichkeit dar, denn die drei jungen Menschen leben mitten in einem Krieg. Und dieser Krieg trennt sie unerbittlich in Freund und Feind, in Sieger und Verlierer, in Mächtige und Ohnmächtige.

Musikalische Leitung Antony Hermus
Inszenierung Christian von Götz
Bühne Britta Bremer
Kostüme Katja Schröpfer
Choreographie Gabriella Gilardi
Chor Helmut Sonne
Dramaturgie Felix Losert

Der König Ks. Rainer Büsching
Aida KS Iordanka Derilova
Radames, Feldherr Sung Kyu Park / Charles Kim
Ramphis, Oberpriester Kyung-Il Ko
Amneris Rita Kapfhammer
Amonasro, König von Äthiopien Ulf Paulsen
Ein Bote David Ameln / Leszek Wypchlo
Die erste Priesterin Cornelia Marschall / Gerit Ada Hammer

PRESSESTIMMEN

Mathias Wiedemann, Main Post, 25.04.2013

Aida oder Die Unmöglichkeit der Liebe im Krieg
Das Anhaltische Theater Dessau mit einer konsequent politischen Deutung von Verdis Paradeoper im Theater Schweinfurt

Die Dessauer „Aida“ ist eine wahrgewordene Prophezeiung Anwar as-Sadats: Wenn Ägypten noch einmal Krieg führen werde, dann nur des Wassers wegen. Genau so ist es gekommen in der Inszenierung von Christian von Götz für das Anhaltische Theater Dessau, die noch zweimal – am Samstag und Sonntag – am Theater Schweinfurt zu sehen ist. In Ägypten regiert ein Diktator, gestützt auf Paramilitärs und Priester. Der Feind: Äthiopien, das Ägypten – angeblich – das Wasser des Nils abgräbt.

Von Götz interpretiert Verdis Paradeoper konsequent als Politdrama. Seine Botschaft: Die Völker kämen jederzeit friedlich miteinander klar, es sind die Mächtigen und die, die es werden wollen, die den Krieg brauchen. Die es ohne Krieg gar nicht gäbe. So erinnern die ersten Szenen nicht von ungefähr an das Polittheater der 1970er Jahre, das etwa die Verbrechen der argentinischen Militärdiktatur anprangerte. Waffenlärm vom Band, Explosionen und Brände auf der Leinwand, davor ein gespenstisch brutales Handgemenge. Immer wieder weist von Götz mit drastischen Bildern auf den Wahnsinn des Krieges hin, am augenfälligsten aber wird er in der Szene, in der Amneris in einer grimmigen Demonstration ihrer Privilegiertheit das kostbare Gut Wasser verschwendet.

Keinerlei altägyptische Gemütlichkeit umgibt den Pharao. Feldherr Radames dient einem Unrechtsregime, das sich nur mit Gewalt, Brot (in diesem Fall: Wasser) und Spielen und plumper Propaganda („Wir sind die Guten“) an der Macht hält. Aber er gehört nun mal zum Establishment, und diese Komfortzone verlässt er nur zögerlich. Da muss ihn Aida schon ordentlich unter Druck setzen. Die Utopie einer Liebe zwischen den Kindern verfeindeter Völker funktioniert schon bei Verdi nicht, Christian von Götz wiederum führt den schlüssigen Beweis, dass es eben doch kein richtiges Leben im falschen gibt. Dass das Private immer politisch sein wird und umgekehrt.

Die Oper „Aida“ büßt darüber nichts von ihrem Glanz und ihrer dramatischen Größe ein. Im Gegenteil. Die Bühne von Britta Bremer variiert virtuos zwischen Blackbox, blutbespritzter Bretterwand und einem effektvollen Schrein, der hinter riesigen Schwingtüren eine Art Palast freigibt. Darin agieren Figuren, die allesamt zum Scheitern verurteilt sind, sieht man vom Oberpriester Ramphis ab, der zu der Sorte Mensch gehört, die immer auf die Füße fällt. Aber die Dessauer „Aida“ ist auch ein musikalisches Fest. Ein samten-präzise aufspielendes Orchester unter GMD Antony Hermus begleitet ein ausnahmslos großartiges Ensemble.

Sung-Kyu Park singt den Radames mit beglückend mühelos strahlendem Tenor, Rita Kapfhammer die Amneris mit großer Wärme, wunderbar tragendem Piano und der vielleicht anrührendsten schauspielerischen Leistung. Iordanka Derilovas Aida ist energisch und streitbar. Was die Partie mit ihrer Folge aberwitziger Spitzentöne auch einfordert. Diese liefert die Derilova mit gewohnter Bravour gewohnt beeindruckend ab, allerdings beeinträchtigt allzu großes Vibrato hin und wieder ein wenig die Artikulation.

Alexander Hauer, Der Opernfreund (www.deropernfreund.de), 03.11.2012

Das Einzige, um das Ägypten noch einmal einen Krieg führen würde, ist Wasser.

Aida ganz Ohne Folklore, ohne Elefanten, ohne Pyramiden, ohne orientalische Pracht. Christian von Götz lässt Verdis Festoper in einem gänzlich unfestlichen Rahmen spielen. Um es auf den Punkt zu bringen: Diese Aida hat mir nicht gefallen, aber sie war faszinierend. Dieses Resümee ist alles andere als negativ gemeint, sondern es ist ein großes Lob. Ein Bruch mit überkommenden Opernkonventionen wird immer Kontroversen hervorrufen, so wurden auch in Dessau die wenigen, dafür umso lauter brüllenden Buh-Rufer, von der begeisterten Mehrheit niedergejubelt.

Christian von Götz lässt seine Aida in einer nicht zu fernen Zukunft spielen, Kriege werden nicht mehr wegen des Blutes oder wegen Landgewinnung geführt, es geht einzig um Ressourcen, und im Falle von zwei Wüstenstaaten, Ägypten und Äthiopien, um Wasser. Es ist ein Krieg, der sich schon lange, mindestens aber schon 20 Jahre dahin zieht. In einem Vorspiel sehen wir, wie die Familie des Radamès in einer Kriegshandlung dahingemetzelt wird, der kleine Knabe überlebt und beginnt später seine Karriere in der Armee, in der er wahrscheinlich schon als Kindersoldat , gedient hat. Der Tod ist allgegenwärtig, wird nur noch als Nebensache wahrgenommen, die im Alltag zu einer Selbstverständlichkeit wurde.

Das Bühnenbild von Britta Bremer zeigt auch keinen Palast mehr, der erste Akt spielt in einem Heerlager, provisorisch durch einen Bretterzaun von der Außenwelt abgeschirmt. Noch führt der König das Heer an, seiner Tochter Amneris geht es verhältnismäßig gut, sie und die Führungsspitze haben noch Zugang zum Wasser, das einfache Volk darbt allerdings schon. Amneris versucht Radamès mit Wasser günstig zu stimmen. Als dieser es mit der Sklavin Aida teilen möchte, kippt sie lieber aus, bevor es die Rivalin erhält. So gesehen folgt von Götz der Handlung der Oper, setzt aber seine Schwerpunkte auf dem Kampf um die Ressourcen. Die Liebesgeschichte zwischen Aida, Radamès und Amneris weicht einer brutalen Schilderung menschlicher Abgründe.

Chef der Soldateska ist „il re“, der in bester Fidel Castro Manier mit dicker Zigarre einen Feldherren nach dem anderen verschleißt. Sein Los und das, der nur noch als Schutzbehauptung existierenden Göttern, fällt auf Radamès, und mehr oder weniger aus Zufall gelingt ihm der Sieg in einer Schlacht. Aida, die unerkannt im Millitärtross als Kriegsgefangene gehalten wird, ist bei von Götz nicht mehr das naive Prinzesschen, das sich in einen Soldaten verliebt, sondern sie ist eine ernst zu nehmende Politikerin, die versucht, auch in der Gefangenschaft die Interessen ihres Volkes, vor allem aber die ihrer Familie, wahrzunehmen. Nach dem „Nilbild“, bei von Götz ein vergifteter, trauriger Rinnsal, putscht das Militär und Amneris verliert ihren Schutz. Aida und Amneris werden auf der Flucht erschossen, Radamès wird zum Tode verurteilt. In einer fiebrigen Traumvision begegnet ihm noch einmal Aida.

Christian von Götz bleibt trotz allen Modernismen der eigentlichen Geschichte sklavisch treu, glättet und erklärt nur ein paar Ungereimtheiten, z.B, das plötzliche Verschwinden von „il re“ oder wieso sich eine entlaufene Sklavin in eine Todeszelle schmuggeln kann. Wie schon am Anfang erwähnt, diese Aida dient nicht dazu, dass Bedürfnis nach Pracht und Eleganz an Pharaonenhöfen zu befriedigen. Von Götz‘ Bilder und seine ausgeklügelte Personenregie transportieren das Werk auf eine höhere Stufe in die, noch nicht ganz aktuelle, Situation im Nahen Osten. Die stellenweise Grauen erregenden Bilder schaffen aber eine voyeuristische Lust am Sehen, die auch die Situation des Opernbesuchers beleuchtet.

Von der musikalischen Seite gab es auch für den konservativen Hörer keinerlei Zweifel. Wie immer überzeugte die Anhaltische Philharmonie unter Maestro Antony Hermus, die verdreifachten Chöre, dank an Corusochor Berlin und die Verstärkung des Extrachorus, unter Helmut Sonne.

Den Solistenreigen eröffnet kurz und knackig David Ameln als Bote, Kyung-Il Ko gibt einen bassbösen Oberpriester, Rainer Büsching einen überheblichen König, der sich seiner Marionettenstellung nicht bewusst ist. Cornelia Marschall gestaltet die Priesterin mit warmen erotischen Ton, Sung Kyu Park ist ein makelloser Radamès, der das hohe C mühelos meistert, der italienischen Partie mit Kraft begegnet, aber auch zu lyrischen Tönen fähig ist. Sein Gegenspieler und Feind im Feld ist Ulf Paulsen. Baritonale Klangschönheit gepaart mit schauspielerischem Können gestalten einen Amonosro, wie man ihn sich nicht besser wünschen könnte. Seine Modulation in der Stimme, vom väterlichen Gesäusel bis hin zum militärischen Gebelle hinterlässt einen starken Eindruck. Aber die beiden Hauptakteure sind in diesem Falle die beiden Damen, Jordanka Derilova und Rita Kapfhammer. Kapfhammers Amneris ist ein verwöhntes Gör, dem die Welt zu willen sein muss und das, nach dem Tod des Vaters, nicht mehr mit der Realität zurechtkommt. Die über mehrere Oktaven reichende Partie meistert sie unverkrampft und ohne sichtbare Mühen. Das Klangbild der Aida wurde seit den 50er Jahren von Maria Callas geprägt. Mit der KS Jordanka Derilova hat Dessau eine würdige Nachfolgerin am Haus. Kraft und Zartheit vereinigt sich in ihrer Stimmung genau wie theatralische Klanggestaltung.

Das Ballett des Anhaltischen Theaters gestaltet die Ballettszenen als lasziv erotischer Tempeltanz, vor allem aber im Triumphmarsch als ausgelassenes Straßenfest.

Mein Fazit, es gibt Opern, die eine Modernisierung nicht vertragen. Aida gehört nicht dazu. Von Götz kluge Neusichtung, das Dirigat von Antony Hermus und die überirdisch schönen Stimmen lohnen jeden Besuch in Dessau.

Norma Strunden, operapoint, 17.09.2012

Kurzinhalt

Aida, Tochter des äthiopischen Königs Amonasro, ist Gefangene des Pharaos und liebt den ägyptischen Hauptmann Radames. Auch die Pharaonentochter Amneris liebt Radames und vermutet in Aida eine Rivalin. Aidas Liebe zu Radames kommt in Konflikt mit der Tatsache, daß Radames Heerführer gegen ihr Volk, die Äthiopier, wird. Aidas Vater ist Gefangener der Ägypter. Er wird Zeuge des Gesprächs von Radames und Aida, in dem er ihr den geheimen Angriffsplans der Ägypter mitteilt, wodurch die Ägypter die rebellierenden Nubier endgültig besiegen wollen. Dadurch hat Radames ungewollt sein Vaterland verraten. Während Aida und ihr Vater entkommen, wird Radames gefangen und zum Tode verurteilt. Aida versteckt sich in der Gruft, in der Radames lebendig begraben wird, um mit ihrem Geliebten in den Tod zu gehen.

Aufführung

Christian von Götz hat den historischen Stoff ins heutige Ägypten versetzt, das Krieg um Wasser führt. Von dem auf den Vorhang projektierten Zitat al-Sadats Wenn Ägypten noch einmal Krieg führt, dann für Wasser. Bis zum versiegenden Wasserspender, verdurstenden Statisten und aus XXL-Cups schlürfenden Clanmitgliedern, ist das Wasser ein ständiges Motiv. Der Pharao und der Oberpriester Ramfis treten von Militärs umgeben auf, Bilder. Bilder, wie sie dem Publikum aus Fernsehsendungen vertraut sind, werden gezeigt. Abweichungen vom Libretto unterstreichen die Grausamkeiten des Militärs: Die vom König begnadeten äthiopischen Gefangenen werden mit Benzin übergossen und verbrannt. Mit der Asche überschüttet sich Aida. Die Flucht mit dem Vater endet für beide in einem Blutbad.

Sänger und Orchester

Musikalisch gesehen, zeigen sich Sänger und Orchester gleichermaßen den Anforderungen gewachsen. Generalmusikdirektor Antony Hermus führt die Anhaltische Philharmonie präzise, ohne die Sänger aus dem Blick zu verlieren. Er dirigiert Verdi differenziert und verhaltenen, weniger mit Pauken und Trompeten. Trotz ihrer Kostümierung gelingt Rita Kapfhammer (Amneris) die ganz und gar überzeugende Darstellung der selbstverliebten, dekadenten Diktator-Tochter. Sie singt die Rolle der Amneris mit konzentrierter Tongebung, weniger majestätisch, mehr mit dramatischer Intensität. Iordanka Derilova (Aida) hat eine Stimme von ungewöhnlicher Durchschlagkraft, die in den großen Chorszenen das Ensemble überstrahlt. Sie meistert hohe Partien wie das exponierte C in der Nilarie O patria mia – O mein Vaterland (3. Akt) problemlos. Zuweilen geraten die Töne in der hohen Stimmlage etwas scharf, und die tiefen Töne dieser Partie sind zu schwach. Im Per chi piango? per chi prego? …- Für wen weine ich? Für wen bete ich? … (1. Akt) fehlt die Verletzlichkeit, die die Sopranistin mit allzu theatralischen Gesten und Aktionen zu kompensieren sucht. Die gesangliche Leistung von Sung-Kyu Park (Radames) steht in starkem Kontrast zu der hölzernen Darstellung, mit der er entscheidende Szenen verspielt. Man nimmt ihm den kriegsversessenen Militär eher ab als den sehnsüchtigen Liebhaber. Der Tenor weiß seine gewaltige Stimme einzusetzen und ist treffsicher in den Tönen, abgesehen von der gefürchteten ersten Arie Celeste Aida – Himmlische Aida (1. Akt, 1. Szene). Kyung-Il Ko als finsterer Oberpriester Ramfis meistert seine Baßpartie mit einer sowohl mächtigen wie klangschönen Stimme. Ulf Paulsen (Amonasro) singt mit einem voluminösen, warmen Baß die Vaterrolle. Ein szenischer wie musikalischer Höhepunkt sind die Chorszenen im ersten Finale der Tempelszene (1. Akt) und im zweiten Finale der Siegesfeier (2. Akt) durch die Chöre.

Fazit

Die moderne Lesart des Stückes läßt gerade die Hauptakteure in allzu ungewohntem Licht erscheinen. Die emotionale Ergriffenheit hält sich im Rahmen. Mit lang anhaltendem Applaus wurde die musikalische Leistung von Sängern, Chor und Orchester bedacht. Hingegen zeigten die lautstarken Buh-Rufe des Publikums beim Auftritt des Regieteams, daß allein die Akteure, nicht die teilweise widersprüchliche, allzu plakative Regie, der Dessauer Aida zu einem Erfolg verholfen haben.

Uwe Friedrich, MDR Figaro, 17.09.2012
AUDIO
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