Abschlussfeier

Schauspiel von Einar Schleef (Uraufführung)
Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater Berlin

Das ewige Lügen, das – So-tun-als-ob … Überall werden uns nur Viertelwahrheiten gesagt … Wir sollen so viel wissen, um einen Beruf ausüben zu können, um uns ausbeuten zu lassen, damit beschrieb der 18-jährige Schüler Einar Schleef aus Sangerhausen angeekelt in seinem Tagebuch, was ihn am tiefsten verletzte in einem Staat, der sich auf Karl Marx berief. Schleef wird sein Leben lang – als Schriftsteller, Maler, Regisseur, Bühnenbildner, Fotograf – in radikaler Selbstbefragung auf die gesellschaftlichen Verhältnisse reagieren. In der Erzählung „Die Abschlussfeier“ hat er seiner Verzweiflung an diesem Zustand literarisch Ausdruck verliehen: „Erinnern ist Arbeit.“ DDR, Ende der 70er Jahre: Im Ostseebad Kühlungsborn wird in der Internationalen Jugendherberge „Käthe Niederkirchner“ die Abschlussfeier des alljährlich stattfindenden Kurses für deutsche Sprache der „Gesellschaft für Deutsch-Französische Freundschaft“ geplant. Über deren Verlauf denken unterschiedliche Personen nach: die Chefin des Heimes, die ein straffes Regiment über ihre Mitarbeiter führt und ihre Ruhe mit politischem Opportunismus und vor allem mit Wegschauen erkauft; ihre junge Stellvertreterin, die sie verachtet und dennoch vor ihr kuscht. Ihre Hauptaufgabe ist es, Berichte über die Gäste und Mitarbeiter des Heimes für die Stasi zu schreiben. Auch die Dolmetscherinnen überwachen und werden überwacht. Die Serviererin Gerda ist bereit, mit den Gästen für Geschenke was anzufangen, anders als ihre Kollegin Gisela, die ehrgeizig auf der Abendschule ihren sozialen Aufstieg vorantreibt. Sie will nicht enden wie die älteren Reinemach- und Küchenfrauen im Heim, die alle Illusionen verloren haben und denen es nur noch darum geht, einigermaßen „über die Runden zu kommen“. Im Heim herrscht eine Atmosphäre von Misstrauen, Neid und Hoffnungslosigkeit, in der jeder seine kleinen Vorteile teuer, zu teuer, erkauft. Sie entlädt sich alljährlich in den Ausschweifungen der Abschlussfeier.

Dauer: ca. 1h 45'

Inszenierung Armin Petras
Bühne Annette Riedel
Kostüme Karoline Bierner
Video Niklas Ritter
Dramaturgie Carmen Wolfram / Maria Linke
Chefin Ursula Werner
Küchenfrau Christel Ortmann
Reinemachefrau Regula Steiner-Tomic
Stellvertreterin Hilke Altefrohne
Gisela Julischka Eichel
Thomas Dirk Meinhardt / Arthur Romanowski
Matze Max Georg Nowak
Gerda Sabine Waibel

PRESSESTIMMEN

Zorn in Kühlungsborn Tagesspiegel, 16.11.2009

von Christine Wahl

In der „Internationalen Jugendherberge „Käthe Niederkirchner“ herrscht Katerstimmung. Allerdings weniger bei denen, die diese unzähligen Bierflaschen, Cocktailgläser und Käsehäppchenteller geleert haben, mit denen Bühnenbildnerin Annette Riedel das Studio des Maxim Gorki Theaters übersät hat. Die Post- Party-Depression betrifft vielmehr die beiden jungen Putzfrauen, die sich jetzt an die Reste-Beseitigung machen müssen: Der ersten – der Abendschülerin Gisela (Julischka Eichel) – wurde von ihrer Chefin gerade eine Beurteilung angedroht, mit der sich jegliche Chance auf einen Studienplatz ein- für allemal erledigt haben dürfte. 

Dort, wo Einar Schleefs Erzählung „Abschlussfeier“ spielt – nämlich in den 1970er Jahren im Ostseebad Kühlungsborn – hatte solch eine Beurteilung in all ihrer Lächerlichkeit gute Chancen, für den Beurteilten zum lebenslänglichen Problem zu werden. Wer wüsste das besser als der Regisseur Armin Petras, der früher selbst alles andere als angepasst in der DDR gelebt hat? 

Es irritiert daher umso nachhaltiger, dass in seiner Bühnenadaption der Schleef-Erzählung die DDR über weite Strecken wie ein Partykeller mit Kindergeburtstagscharme aussieht. Zumal diese Koproduktion des Maxim Gorki Theaters mit dem Anhaltischen Theater Dessau, die jetzt Berlin-Premiere hatte, nicht die erste Petras-Inszenierung ist, in der er sich mit dem untergegangenen Staat auseinandersetzt.

Bei Schleef kommen zehn Frauen zu Wort, die bei der „Gesellschaft für deutsch-französische Freundschaft“ arbeiten; von der Leiterin über die Dolmetscherin bis zur Köchin. Ihre Monologe – gehalten bei einem Abschlussfest für französische Jugendliche in einer Edelherberge, zu der Ostler, sofern sie nicht dort arbeiten, keinen Zutritt haben - erzählen ungeheuer viel über DDR. Zum Beispiel von der Ambivalenz, sich durch den Berufskontakt zu Westeuropäern einerseits privilegiert zu fühlen und andererseits – da die Tätigkeit im Wesentlichen aus Handlangerdiensten für 15-Jährige besteht – umso gedemütigter. Jede Kollegin misstraut jeder an diesem seltsamen Arbeitsplatz. Zwangstreffen mit der Staatssicherheit sind an der Tagesordnung; Verdrängungsenergie und Pragmatismus die wichtigsten Alltagsressourcen. 

All diese beklemmenden Nuancen sind allein im Spiel von Ursula Werner zu sehen, die sich – ein Stockwerk über der Studiobühne im Brinkmannzimmer – mit Marx-Devotionalie und Exquisit-Sonntagskleid als Leiterin der Gesellschaft vorstellt. Anschließend kotzt Hilke Altefrohne als ihre von der Stasi installierte Stellvertreterin wenigstens noch konsequent den angestauten Lebensüberdruss aus sich heraus.

Aber schon nach einer halben Stunde, wenn der Ort gewechselt und das Publikum zu Teil zwei in die Studiobühne gebeten wird, geht es nicht nur räumlich bergab. Denn dort erwarten uns die besagten Putzkräfte Gisela und Gerda (Sabine Waibel). Es mangelt ihnen mitnichten an schauspielerischen Qualitäten, das Problem ist nur, was sie spielen müssen: Launische Teenager mit aufdringlichem Energie-Überschuss, der sich in wilden Diskotänzchen und gemeinsamem Sissi-Gucken entlädt. Fiele nicht ab und zu eine DDR-typische Vokabel wie „Stasi“, könnte man diese Kittelschürzen-Mädels nicht verorten: Seltsam geschichtslose Gestalten, die einem genauso gut in einer Shakespeare- oder Dürrenmatt-Inszenierung von Armin Petras begegnen könnten.

Wenn schließlich im dritten Teil auf dem Hof neben der Kantine „YMCA“ aus den Lautsprechern schallt und dazu in einer Mischung aus Polonaise und Pop- Gymnastik eine Art ostdeutsch-französische Vereinigungsparty gefeiert wird, ist Schleef endgültig erledigt. 


Von der Stasi zu Spitzeldiensten erpresst Berliner Morgenpost, 15.11.2009

von Peter Hans Göpfert

Für einen kurzen Abend liegt das Gorki Theater in Kühlungsborn an der Ostsee. Dort, in einer Internationalen Jugendherberge, handelt Einar Schleefs Erzählung "Abschlussfeier". Der Text erschien 1978 in der Suhrkamp-Anthologie "Ausgeträumt", nachdem Schleef von Theaterproben in Wien nicht in die DDR zurückgekehrt war.

Der Autor warf mit dieser Arbeit einen Blick zurück. Er zeichnete die Atmosphäre, die er in der DDR als quälend und erstickend empfunden hatte.

Armin Petras hat aus den Monologen, mit denen sich verschiedene Menschen in ihren beruflichen Aufgaben und privaten Bedingtheiten präsentieren, keinen wirklich dramatischen Text hergestellt. Er montiert sie aber so, dass die einzelnen Figuren in spannungsvolle Beziehung zueinander gerückt werden. Alle diese Menschen stehen unter Beobachtung der Staatssicherheit. Hauptfiguren sind die Heimleiterin und ihre Stellvertreterin. Ursula Werner verkörpert die Herbergsmutter in schöner Balance aus Komik und Ernsthaftigkeit - eine zugleich gefährdete und selbstbewusste Chefin, die weiß, dass die Jüngere eine Bedrohung darstellt. Diese wird von Hilke Altefrohne als demonstrativ taffe wie frustrierte Frau gespielt, die von der Stasi zu Spitzeldiensten erpresst wurde.

Die Reinemachefrauen bessern als Rentnerinnen ihr schmales Portemonnaie auf und machen sich ihre eigenen Gedanken. Zwei junge Frauen stehen mit ihren Ansprüchen an Sexualität und Weiterbildung in Konkurrenz. Die Geschenke der jungen Französinnen haben für sie Kult- und Prestigewert. Aus den Getränkeresten der Abschlussparty brauen sich die beiden eine fürchterliche Bowle zusammen.

Armin Petras inszeniert eine Art Prozessionstheater. Erst schickt er das Publikum die Treppe hinauf in das "Brinkmann-Zimmer", das hier als Büro der Heimleiterin in seiner spießigen zusammengewürfelten Einrichtung einen Ort der Unsicherheit markiert. Wieder unten im Studio, hat der Zuschauer den Partyraum vor sich, ein ungemütliches Chaos mit Pullen und Ballons, darüber die Losung "Es lebe die deutsch-französische Freundschaft". Schließlich geht es hinaus in den Garten des Theaters, den man vielleicht als Strand verstehen soll. Dieses jetzt ganz unsommerlich mit nassem Laub bedeckte Terrain dient Petras als Bildfläche für ein geradezu surreales Tableau mit vielen Jugendlichen. Unter den Bäumen gibt es ein Liebeszelt. Ein Feuer brennt. Jungen prügeln sich. Ein Mädchen schlägt Tennisbälle ins Publikum. Wildes Getanze. Ein Jüngling kräht seinen Frust über vergebliches Verlangen nach einem französischen Mädchen. Dann fahren die Gäste kreischend in einem Barkas-Kleinbus davon. Zurück bleiben der typische Auspuff-Gestank und die Worte der Heimleiterin. Ihre Aufgabe sei es, "zu zeigen, wie schön das Leben in der DDR ist".

Die Inszenierung fand am Anhaltischen Theater Dessau (Koproduktion!) starke Aufmerksamkeit. Am Gorki-Theater wirkt sie eher als respektables Nebenwerk etwa zu Petras' Theatralisierung von Werner Bräunigs "Rummelplatz" auf der großen Bühne.

Sand, Tand

Hans-Dieter Schütt, Neues Deutschland, 05.10.2009

Einar Schleefs Erzählung »Abschlussfeier« von 1978 besteht aus Monologen; Armin Petras, Intendant am Maxim Gorki Theater Berlin, bearbeitete sie für die Bühne, Uraufführung nun am »Alten Theater«, dem kleinen Haus des Anhaltischen Theaters Dessau.
An der Ostsee, in einer internationalen Jugendherberge, findet eine Abschlussfeier statt: Jedes Jahr kommen junge Franzosen in die DDR. Chefin, Stellvertreterin, Küchenfrau, Reinemachfrau sowie Gerda und Gisela, zwei Helferinnen: ein Kaleidoskop der Alltagstechniken zwischen Versorgungsproblemen, Berichten an FDJ und Stasi, Anpassung und bescheidenen Frechheiten. Petras weiß, dass aus der Erzählung keine wirkliche Dramatik werden kann. Er treibt die beinahe dokumentarische Tonlage der Schleef-Monologe über Strecken ins Schrille. Er tut es im Verbund mit starken Schauspielerinnen. Drei Spielorte (Bühne: Annette Riedel), drei Szenen.
Ganz oben im 3. Stock das winzige Büro der Chefin, van Goghs Sonnenblumen an der Wand, Marx-Spieluhr auf dem Tisch, französische Marianne-Plastik auf dem Regal, das erhobene Gewehr der Revolutionärin ist ein prima Brieföffner. Ursula Werner: bestechend als verhemmte, aber mehr und mehr ins aufgedrehte Selbstreferat hochfahrende Herbergsmutter. Mit allen politischen Wassern gewaschen. Ihr Monolog: Trompetenstöße der Staatstreue, umlegt gleichsam mit Trommelwirbeln, die Mut machen für den Slalom zwischen fleckfreier Repräsentation nach außen und ermüdender Übermalung innerer Konflikte. Eine zähe sozialistische Fassadenmalerin, die sich im Berufsoptimismus aufreibt, um Reibungen nicht zu offenbaren – die Werner zeigt geradezu rührend, wie diese Reibungen das Gemüt zerledern. Hilke Altefrohne als gelockte, hosenstraffe Stellvertreterin: missmutig jung, die Zähne zermalmen den Kaugummi, meinen aber dies Leben als Funktionärin, mit Zuträgerdiensten, Postkontrolle überm Wasserdampf und motorischer Gleichgültigkeit. Christel Ortmann und Regula Steiner-Tomic als Küchenfrau und Reinemachefrau hocken in der stieren Unfreude ihres kleinen Daseins, als seien sie nur eine andere Existenzform jener zwei riesigen Topfpflanzen, die sie hereinschleppen. Im Erdgeschoss dann der Party-Raum, hier fand sie statt, die Tanz- und Saufschlacht der Jugendlichen. Aber quer durch den Raum das sture Losungsband: »Es lebe die deutsch-französische Freundschaft!« Die Regie wagt in dieser Szene nach der Abschlussfeier – und zwar bis zur Strapaze – die Stimmungsschau, eine um sich selbst kreisende Besoffenheit am Grenzübergang zum Kater. Julischka Eichel und Sabine Waibel als Gisela und Gerda: Tanz im Scherbenhaufen, zwischen Luftballons, Büffetresten, Holger-Biege-Sound, Westfernsehen (Sissy und ein schwedischer Pornofilm) sowie einem letzten Bewusstlosigkeitsversuch: dem Cocktail aus allen zusammengekippten Fuselflaschen. Das hat gehörige Abstoßkraft, stößt uns freilich zugleich ins Kreatürliche, Unmittelbare von Lebensinteressen, die mit schlichten Erfüllungsständen, nicht mit hehren Ideen zu tun haben. Dann wandern wir hinaus, die Franzosen zu verabschieden. Vorm Theater gleichsam der Strand mit einem kleinen Zelt. Dessauer Jugendliche füllen den Ort. Am Ende steht Ursula Werners Chefin allein in diesem Geviert, eine verzweifelt tapfere Patriotin der Tristesse, die immer sein wird. Wie sagte diese lohende, geradezu lüstern lenkende, leitende Frau? »Es ist außenpolitische Werbung, dieser Aufgabe bin ich mir voll bewusst, zu zeigen, wie schön das Leben in der DDR ist.« Diese Schönheit ist: sie sich einreden inmitten von Enge, Züchtigung, unerfüllter Sehnsucht. Schleefs erzählerische Stärke: die Klaglosigkeit und Aushaltezähigkeit der Porträtierten, sich das lebenslange Grau für Momente eines wie immer gearteten Rausches wegzusaufen, wegzuknutschen, wegzufantasieren. Diese Menschen da nehmen sich das Leben, wie es nie kommt – außer wenn Westbesucher eintreffen. »In Zeiten des Verrats sind die Landschaften schön« (Heiner Müller): der Einbruch der Franzosen als Gleichnis, die andere Welt ist möglich, es reichen Chanel No. 5, ein paar Klamotten – ein bisschenTand: Frieden im Klassenkampf gegen unterdrückte Wünsche. »Was unterscheidet uns von Franzosen«, fragt eines der Mädchen ermattet, »wieso bin ich nichts.« Totenklage ins eigene Leben hinein.
Die Franzosen stieben jetzt davon, wie Jugend allgemein: eine kleine bunte Flucht zwischen den Neubauten hier. Die Szene hat etwas Unwirkliches, als schwirrten Traumfetzen durch die anbrechende Nacht. Ein Mädchen in Weiß trägt ein Honecker-Foto, eine andere haut Tennisbälle in Richtung Zuschauer, ein Buch landet in einer Wasserlache, ein Mädchen in Grün spielt den sehr verfrühten Vamp, ein Videofilmer wirft die szenischen Partikel auf die gegenüberliegende Hauswand, eine Frau schiebt ihr Fahrrad hinten vorbei, das aber ist nicht Theater, das ist ein magischer Punkt Realität, und es liegt die Vermutung nahe, diese Frau ist Besuch aus jener grauen Zone, wie sie blieb trotz bunter gewordenem Deutschland.
Eine Theaterstück-Skizze. Plädoyer für den sogenannten einfachen Lebensentwurf, der sich durch komplizierte Verhältnisse beißen muss. Im Verschleiß das Dasein bejahen – du gehst leutefreundlicher nach Hause.

Verzweifelter Spaß im Schmerzensland

Andreas Montag, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau, 04.10.2009

Armin Petras überzeugt mit Uraufführung eines Schauspiels von Einar Schleef

Eine "Abschlussfeier" zum Auftakt - warum nicht? Zumal, wenn sie so gelungen ist wie die von Armin Petras inszenierte Uraufführung eines Textes von Einar Schleef am Freitagabend im Alten Theater Dessau. Der Regisseur stand am Ende inmitten der applaudierenden Zuschauer und hatte allen Grund, glücklich zu sein.

Die Koproduktion der Dessauer Bühne mit dem Berliner Maxim-Gorki-Theater, dessen Intendant Petras ist, führt zurück in die 70er Jahre der DDR. Schauplatz ist eine Jugendherberge an der Ostsee, in der Begegnungen junger Einheimischer mit französischen Gästen veranstaltet werden. Schleef und Petras nehmen Ort und Personal als Mikrokosmos des verdrucksten ostdeutschen Schmerzenlandes - in einer großartigen Balance von Tragik und Komik. Allen voran, aber bestens begleitet von einem starken Ensemble, trägt Ursula Werner, der Gast aus Berlin, dazu bei. Ihr Auftritt als Heimleiterin macht den Abend zum Ereignis.

Sie, verwitwet und nicht mehr jung, verkörpert den ganzen alltäglichen Wahnsinn der versunkenen ostdeutschen Republik: Naive Systemtreue und putziger Stolz, den permanenten Mangel trickreich zu verwalten, treffen auf die Angst, durch die viel jüngere, im Auftrag der Stasi spitzelnde Stellvertreterin (großartig zynisch: Hilke Altefrohne) ausgebremst und weggebissen zu werden. Ernste Zweifel lässt die Chefin nicht zu. Darüber spricht man nicht im Lande DDR, des Kaisers neue Kleider müssen gefälligst schön gefunden werden, weil die Lage im Staat so erbärmlich ist wie sie ist.

Dafür stehen auch die beiden Säulen des Heimsystems, die Küchenfrau (Christel Ortmann) und die Putzfee (Regula Steiner-Tomic). Sie wissen schon, wie der Hase läuft, halten als kleine Lichter aber lieber den Mund. Und verantworten den faulen Frieden im Osten dadurch mit. Das erzählt der sparsame, eher spröde Text - aber vor allem zeigen es die Gesichter und Körper der Frauen. Und die Pausen zwischen den Sätzen sind so sprechend, dass man den Atem anhält. Die Abschlussfeier mit den Franzosen gerät zum alkoholgetränkten Exzess, die Völkerfreundschaft wird in den Betten zelebriert, derweil Gisela (Julischka Eichel) und Gerda (Sabine Waibel), zwei junge Mitarbeiterinnen der Herberge, mit Bergen von Müll wie mit ihrer eigenen Verzweiflung kämpfen.

Was über Jahre am Dessauer Schauspiel oft an Geschwätzigkeit und Langeweile zu ertragen war - man hat es an einem gelungenen Abend vergessen können.

Abschlußfeier – Armin Petras entfaltet eine Erzählung Einar Schleefs in Dessau zum DDR-Panorama

Hartmut Krug, nachtkritik.de, 02.10.2009

Eine Art Ost-Botho-Strauß 

Das Büro ist winzig: nur Tisch und Stuhl, davor eine Batterie von Lautsprechern. Von der Wand strahlen van Goghs Sonnenblumen und auf einem Wandbrett lässt eine revolutionäre Tischfigur die französische Fahne leuchten. Die Chefin der internationalen Jugendherberge in Kühlungsborn klemmt sich hinter ihren Schreibtisch, nutzt das jubelnd hochgereckte Gewehr der Figur als Brieföffner und resümiert über ihr Leben und ihre Arbeit. Dabei befreit sich Ursula Werner aus verdruckster Verlegenheit in scheinbar fröhliche Zufriedenheit.   Wie die Schauspielerin den nüchtern-lakonischen Text dieser Frau durchspielt und durchdenkt, wie sie dessen Untergründe und Brüche ausstellt, wie sie aufblüht ins leuchtende Lächeln, das besitzt gleichermassen Unterhaltungswert wie Wahrhaftigkeit. Kontrolle und Staatssicherheit sind Alltag – diese Frau weiß, dass sie kontrolliert wird und kontrolliert selbst. "Ich weiß doch, was los ist."

Menschen, die ausgeträumt haben

Und so redet sie über Versorgungsprobleme und Kommissionen aus Berlin, über eine ehrgeizige junge Stellvertreterin, über die Küche als Schmuckstück und ideologische Waffe und über die anstehende Abschlussfeier für die französischen Gäste, die hier einen, von der Gesellschaft für Deutsch-Französische Freundschaft veranstalteten Deutschkurs besucht haben. Einar Schleefs kleine, nur 25 Taschenbuchseiten umfassende Erzählung "Abschlussfeier" ist eine Folge von Monologen einer Chefin und ihrer Mitarbeiterinnen, die in Erinnerungen, Reflexionen und Beschreibungen einen Alltag lebendig werden lassen, der von allgemeiner Kontrolle, von Illusionslosigkeit und Pragmatismus, aber auch von kleinen Sehnsüchten bestimmt ist. Wie Schleef ein kleines Gesellschaftspanorama entwirft, von Menschen, die ausgeträumt haben, die sich eingerichtet haben und doch weiter träumen, das besitzt bestürzende Präzision. "Abschlussfeier" ist mindestens die dritte Erzählung Schleefs, die Armin Petras (nach "Zigarren" und "Die Bande") auf die Bühne bringt. Während bei Schleef die Erzählungen der Chefin und ihrer Mitarbeiterinnen (die Dolmetscherinnen fehlen bei Petras) beiläufig und still daher kommen, beläßt Petras das Monologische zwar weitgehend, doch treibt er die Berichte in bunt ausschweifende Theatralik und überbetonte Komik. Es wird anspielungsreiche englische und ostdeutsche Rockmusik gespielt, es werden Briefe überm Wasserkocher geöffnet, die kittelbeschürzten Küchenfrauen ergänzen sich in ihren Berichten, als seien sie eine Person, und zur Abschlussfeier wird das Büro vollgestellt mit Grünpflanzen und Tischbannern, während von einer Spieluhr die Internationale erklingt.

Kader und Passanten

Vor allem aber muss das Publikum wandern. Zunächst vom kleinen Studio unterm Dach des neu eröffneten und renovierten "Alten Theater" ins Parterre, wo in einem wilden Partykeller (Bühne: Annette Riedel) die Reste der von Saufen und Ficken bestimmten Abschlussfeier weggeräumt werden müssen. Hier motzt Petras Schleefs Figuren-Charakterisierungen mit vielen bunten Einfällen auf. Julischka Eichel und Sabine Waibel als junge Putzfrauen versuchen, statt der Olsenbande im DDR-Fernsehen das schwedische Programm und mit dem Westprogramm einen Sissi-Film herein zu bekommen und nachzuspielen, und sie dürfen sich nach massivem Bowle-Brüderschaftstrinken sexuell-existentiell miteinander austauschen. Das sind Szenen mit den von Petras-Inszenierungen gewohnten Spielereien, teils einfallsreich und schauspielerisch herrlich, teils albern langatmig. Schauspielerisch überzeugt der Abend völlig. Hilke Altefrohne spielt die Stellvertreterin als Gegenmodell zur muttihaften Chefin Ursula Werners: im Hosenanzug und mit mißmutiger Fleppe, Kaugummi kauend und so selbstverständlich wie unzufrieden über ihre Staatssicherheits-Kontakte sprechend. Nach Alkoholgenuss, während ein Ostsong "Gib nicht auf" tönt, bricht sie sogar ins tobende "ich halt's nicht mehr aus."
Christel Ortmann und Regula Steiner-Tomic spielen ihre Küchen- und Reinmachefrauen mit wunderbar redseliger Maulfaulheit hinein in eine totale Erschöpfungshaltung. Der Abend endet vor dem Theater auf offener Sandfläche rund um ein kleines Zelt, umrahmt von besetzten Parkbänken, und junge Komparsen arrangieren sich zu einem bunten Gesellschaftspanorama, als sei es eine Art Ost-Botho-Strauß.

Unaufdringlich bestürzende Schilderung

Ein Mädchen mit Krone läuft umher, ein anderes spielt Tennis, ein lesender Junge tritt in ein Wasserloch, und ein Kameramann filmt und wirft seine Bilder auf eine Hauswand. Wenn allerdings eine "wirkliche" alte Frau ihr Fahrrad durch die Bedeutung spielende Menge schiebt, treffen sich Theater und Realität, – und die sinnliche Realität der neugierigen, "echten" Passantin gewinnt. Schliesslich stellen sich zwei Jungen ans Mikro, erzählen von ihren Erlebnissen bei der Abschlussfeier, und die Chefin hat das letzte Wort. Nachdem alle jungen Leute in einen Barkas gestiegen und erst abgefahren und bald darauf wieder zurück gekommen sind, ziehen sie die Herbergs-Mitarbeiter in einer langen Polonaise mit – nur die Chefin bleibt verwirrt und unentschieden sehnsüchtig zurück.
Schleefs unaufdringlich bestürzende Schilderung einer illusionslos träumenden Gesellschaft peppt Petras mit seinen wunderbaren Schauspielern und mit vielen schönen, aber auch mit einigen allzu äußerlich wirkungssüchtigen Einfällen zu einem unterhaltsam-bunten Abend auf: eben zum schnellen Petras-Theater. Das, weil es eine Koproduktion mit dem Berliner Maxim Gorki Theater ist, bald auch in Berlin zu sehen sein wird.  

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