4.48 Psychose

Schauspiel von Sarah Kane

Premiere am 3. Oktober 2014, Altes Theater/Studio


Um 4 Uhr 48
wenn die Verzweiflung mich überkommt
werd ich mich aufhängen
im Ohr die Atemzüge meines Geliebten

Sarah Kane, durch ihre intensive Sprache und mutigen Themen eine der aufsehenerregendsten Dramatikerinnen der Neunziger Jahre, schrieb nur fünf Stücke, bevor sie sich mit 28 Jahren das Leben nahm. Sie selbst erwachte während ihrer depressiven Schübe jeden Morgen um 4:48 Uhr und beschrieb diese Tageszeit als den Moment größter Klarheit.

»4.48 Psychose« ist ein Stück von einzigartiger Sprachgestalt – fragmentiert, höchst poetisch und dabei auch autobiographisch. Ohne geradlinigen Handlungsverlauf wird hier eine innere Seelenwelt der Hauptfigur offenbart, die von psychischer Zerrissenheit und tiefer Depression gezeichnet ist. »Hier bin ich / und dort ist mein Körper / tanzend auf Glas«, beschreibt sie das Gefühl einer Spaltung von Körper und Bewusstsein. In Zwiegesprächen mit sich selbst, zwischen Körper und Geist, zwischen Arzt und Patient, in ihren Schilderungen von Medikamentenwirkung und Wahn, beschreibt Kane das Erleben psychischer Krankheit und die Folgen von Depression – ein Begriff, der auch heute in aller Munde ist.
Drei Schauspieler werden dieser sehnsuchtsvollen und zugleich harten Bestandsaufnahme jener Erkrankung, die uns so nah und doch entrückt erscheint, körperlichen und sprachlichen Ausdruck verleihen. Sie nehmen die Zuschauer mit auf eine Reise in das innere Empfinden der Betroffenen.

Die junge Regisseurin Nicole Schneiderbauer hat in der letzten Spielzeit bereits mit der Reihe »Ich bleibe einstweilen leben« Biografie und Werk von Künstlerinnen zusammengedacht und im Bauhaus drei bildgewaltige Frauenporträts auf die Bühne gebracht. Ihr Ansatz, den [im Sprechtheater oftmals vernachlässigten] Körper neben der Sprache als wichtiges Ausdrucksmedium des Theaters zu benutzen, wird auch dieser Inszenierung die Form geben.

PRESSESTIMMEN

Zeugnis eines tödlichen Selbstversuchs, Mitteldeutsche Zeitung, 8.10.2014

VON ANDREAS MONTAG

Für ihre dreiteilige Reihe zu Ingeborg Bachmann, Sylvia Plath und Ré Soupault hat die junge Regisseurin Nocole Schneiderbauer in der vergangenen Spielzeit viel Aufmerksamkeit und verdiente Anerkennung gefunden. Die Inszenierungen, präsentiert im Bauhaus Dessau, waren Gemeinschaftsproduktionen mit dem Anhaltischen Theater. Der Titel „Ich bleibe einstweilen leben“ gab den Abenden die thematische Klammer, immer ging es dabei um Sehnsucht und Angst, Liebe und Gewalterfahrung. Und um die Nähe zum Tod, zum Selbstmord.

Nun lag es nahe, die Regisseurin mit einem Stück der britischen Dramatikerin Sarah Kane zu betrauen, die 1999 den Freitod wählte - mit 28 Jahren. Fünf Werke hat sie geschrieben, darunter „4.48 Psychose“, das den Weg einer Verzweifelten beschreibt, die um ihr Leben ringt und für die schließlich allein das Sterben noch einen Ausweg bedeutet.

Nicole Schneiderbauer legt das Spiel mit drei Figuren, verkörpert von Katja Sieder, Jenny Langner und Patrick Rupar, als ein Psychogramm sowohl der Leidenden als auch derer an, die sie „heilen“ sollen. Es gibt keine klar zugewiesenen Rollen, jede der handelnden Personen spricht den beklemmenden Text, den Durs Grünbein ins Deutsche übertragen hat.

Der Bühnenboden, selbst die Zuschauerbänke sind mit einer aseptisch wirkenden Folie bedeckt, die Akteure kriechen zu Beginn aus Verstecken hervor und gehen am Ende ins Dunkel. Dazwischen liegt eine enorme, dichte Schmerzerfahrung, die einen unmittelbar zur Wahrnehmung zwingt.

Diesem Spiel, das ganz nach innen, in die Angstzustände eines Menschen führt, wird man sich kaum entziehen können. Es schmerzt, von diesem Leiden - und dem Nicht-Verstehen zu erfahren, mit dem die „normale“ Welt auf das „Kranke“ reagiert. Und es soll auch wehtun. Es wäre kein Trost in diesem Stück, zwänge es einen nicht, sich diesen Schmerz zu Herzen zu nehmen.

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